merken

Wiederauferstehung mit Ansage

Die deutschen Handballer sind in die Weltspitze zurückgekehrt. Das ist eine Überraschung, die sich angedeutet hat.

© dpa

Von Tino Meyer

Das Vokabular bei dieser Handball-EM muss dringend erweitert werden. Neben der Sensation von Wroclaw, über die seit Deutschlands Sieg gegen Dänemark am Mittwochabend gesprochen wird, gehört auch das Debakel von Krakow dazu. Das soll kein Vorgriff auf das Halbfinale am Freitag sein, in dem die Sensationsdeutschen auf die Überraschungsnorweger treffen. Gemeint ist vielmehr das Ausscheiden der polnischen Gastgeber, die vor entsetzten 15 000 Zuschauern gegen Kroatien spektakulär mit 23:37 unterlagen.

Anzeige
Eine Automatikuhr für Sammler und Kenner
Eine Automatikuhr für Sammler und Kenner

Die sportlich elegante 29er Casual aus dem Hause Mühle-Glashütte gibt es ab sofort in der auf 300 Stück limitierten Sonderedition „30 Jahre Deutsche Einheit“.

Dass der deutschen Mannschaft so etwas passieren könnte, scheint angesichts der immer wieder neuen Helden, die jede Partie hervorbringt, beinahe ausgeschlossen. Selbst wenn es zum Abschluss in den alles entscheidenden Partien doch eine krachende Niederlage geben sollte, die Erwartungen haben sie schon jetzt übererfüllt.

Gerade bei dieser EM geht es so eng zur Sache, sind die Spiele mal abgesehen vom polnischen Debakel so umkämpft, dass – würde das Turnier heute noch einmal beginnen – sich kaum ein Ergebnis wiederholt. Die Halbfinals sind also nicht viel mehr als eine Momentaufnahme. Die Deutschen könnten genauso gut ihr Auftaktspiel gegen Spanien gewinnen, danach gegen Schweden und Slowenien verlieren und damit schon in der Vorrunde ausscheiden. Ungeachtet theoretischer Spielereien bleibt das Vordringen dieser jungen, unerfahrenen Mannschaft bis ins Halbfinale eine der größten Überraschungen.

Von einem gigantischen Erfolg spricht Vizepräsident und Sportdirektor Bob Hanning, der das zum einen an der zweifellos schwierigen Personallage festmacht. Inzwischen fehlen sechs Stammspieler, die ergänzt um den nichtnominierten Torwart Silvio Heinevetter der aktuellen deutschen Anfangsformation hoch überlegen wäre. Zum anderen reicht der Blick zurück in die jüngere Vergangenheit, um das Abschneiden der Auswahl von Bundestrainer Dagur Sigurdsson einigermaßen realistisch einzuordnen. Seit dem Triumph bei der Heim-WM 2007 ging es stetig bergab, erst langsam und dafür dann ab 2012 umso rasanter mit der verpassten EM-Teilnahme 2014 als Negativ-Höhepunkt. Auch bei der WM im Vorjahr in Katar waren die Deutschen nur dank einer vieldiskutierten wie umstrittenen Wildcard dabei. Nun sind sie mindestens EM-Vierter. Dazu muss man wissen, dass diese Kontinentalmeisterschaft sportlich das Nonplusultra im Handball ist. Die mit Abstand stärksten Nationen kommen aus Europa – und danach lange nichts.

Demnach scheint der Umbruch, Neuanfang oder wie auch immer man die überaus erfreuliche Entwicklung bezeichnen will geglückt. Nach dem endgültigen Abgang der Weltmeister-Generation hat es drei, vier, fünf Jahre gedauert und mit Martin Heuberger als Nachfolger des legendären Heiner Brand auch einen Bundestrainer gekostet. Heuberger aber hat Basisarbeit geleistet, vor allem bei den Junioren. 2009 und 2011 wurden sie Weltmeister, darunter die Helden von heute wie Steffen Fäth, Hendrik Pekeler, Kai Häfner und Christian Dissinger. Der Erfolg bei dieser EM gehört also auch ein Stück weit Heuberger.

Den wichtigsten Anteil hat allerdings Sigurdsson. Der Isländer, 42, ist ein ausgebuffter Taktiker und erstklassiger Motivator. Die Berliner Füchse hat er 2009 übernommen und bis zu seinem Wechsel zur Nationalmannschaft vor anderthalb Jahren kontinuierlich in die Spitze der Bundesliga geführt, mit der Auswahl gelingt ihm nun offenkundig Gleiches. Mit seinem großen Sachverstand, seiner ruhigen, kommunikativen und doch explosiven Art ist es ihm gelungen, aus einer Gruppe von No-Name-Handballern eine verschworene Einheit zu formen. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl macht in diesen Tagen von Polen die Stärke der Mannschaft aus – und den Unterschied zu den oftmals besser besetzten Gegnern. Nicht irgendein Spieler steht im Vordergrund, auch nicht der Trainer. Der Star ist der Teamgeist.

Bei diesem Turnier entstehe etwas Großes, findet Sportdirektor Hanning, der Sigurdsson damals aus der Schweiz nach Berlin geholt und später dann an die Auswahl lanciert hat. Der Bundestrainer soll eine Mannschaft bauen, die Leistungen wie bei dieser EM stabil und regelmäßig abrufen kann, spätestens 2019 bei der gemeinsamen Heim-WM mit Dänemark.

Der Druck aber kommt eher dazu, bereits jetzt gegen Norwegen. Plötzlich sind Medaillen greifbar, und die Olympia-Qualifikation im April fast eine Pflichtnummer. Man darf gespannt sein, wie Sigurdsson und sein Team darauf reagieren, wie die verletzten Stammkräfte re-integriert werden, was über Polen hinaus im Alltag passiert. Vokabular gibt es für jedes Szenario.

TV-Tipp: Das ZDF überträgt das Halbfinale gegen Norwegen am Freitag ab 18.30 Uhr live.