Merken

Wiedersehen nach 58 Jahren

Die Görlitzerin Eva-Maria Weiser findet ihren Bruder in Amerika. Und kann damit einen letzten Wunsch erfüllen.

Teilen
Folgen
© nikolaischmidt.de

Von Steffen Schreiber

Das Görlitzer Altstadtfest im August vergangenen Jahres wird für Eva-Maria Weiser für immer unvergesslich bleiben. Denn am ersten Tag des städtischen Feierwochenendes fand sie ihren älteren Bruder wieder. Nach 58 Jahren vergeblicher Suche. Nun telefoniert die 72-jährige Görlitzerin jeden Sonntag mit ihrem verschollenen Reinhard. Sehen konnten sie sich bisher noch nicht: Reinhard lebt heute in Olympia, Washington, USA.

Wie er dort hingelangte und wie sich die Familie nach fast sechs Jahrzehnten wiederfand, ist exemplarisch für viele Deutsche, die sich in den Nachkriegsjahren aus den Augen verloren haben. Jahre, die für Eva-Maria Weiser und ihren beiden Geschwistern viel Leid brachten. „Mein Vater war in den letzten Kriegstagen verschollen und plötzlich stand meine Mutter allein mit drei Kindern da.“

Während ihrer Odyssee, die von Rostock über Görlitz nach Bayern und wieder zurück nach Görlitz führte, versuchte die Mutter ihre beiden Söhne und die Tochter so gut es ging zu versorgen. „Mutter ging, wie viele andere auch, Kartoffeln stoppeln, damit wir wenigstens etwas im Magen hatten.“ Doch die Belastung und Unterernährung forderte ihren Tribut: Die Mutter erkrankte an Tuberkulose und verstarb nach zwei Jahren im Krankenhaus. Ihr letzter Wunsch an die Oma der drei Kinder: Sie sollen nie voneinander getrennt werden.

Doch während sich die Großmutter an den Wunsch der Mutter hielt, hatte der inzwischen jugendliche Reinhard andere Pläne. „Er war in einem rebellischen Alter, und als er Verwandte im Westen besuchte, kehrte er einfach nicht mehr zurück“, erinnert sich die Schwester. Besonders für den jüngeren Bruder Wolfgang war das plötzliche Verschwinden ein harter Schlag. Vor allem, da Reinhards Rückkehr immer unwahrscheinlicher wurde, nachdem dieser im Westen heiratete und mit seiner neuen Frau zur Schwiegermutter in die USA zog.

Der bis dahin regelmäßige Briefverkehr kam schnell zum Erliegen. „Wir erhielten noch eine Nachricht aus Amerika, danach kamen meine Briefe mit dem Hinweis ‚no address‘ zurück und auch von Reinhard kamen keine weiteren Botschaften durch den Eisernen Vorhang“, so Eva-Maria Weiser. Sie vermutet die Stasi hinter dieser plötzlichen Kommunikationssperre. Auch nach der Wende scheiterten alle Bemühungen der beiden Geschwister, ihren verschollenen Bruder wiederzufinden. „Wir haben die Suche nie aufgegeben.

Doch selbst Anfragen bei den zuständigen Konsulaten blieben ergebnislos“, erzählt Eva-Maria Weiser. Erst das Internet und eine Glaubensgemeinschaft brachten den Durchbruch. „Mein Sohn hatte angefangen, im riesigen Stammbuch der Mormonen sowie bei Facebook nach dem Namen meines Bruders zu suchen.“ Mit Erfolg, denn in der Nacht des ersten Stadtfesttages hörte Eva-Maria Weiser die Stimme ihres Bruders nach 58 Jahren zum ersten Mal wieder. Ein emotionaler Moment. „Ich habe am Telefon vor Glück geweint.“

Reinhard geht es gut. Der heute 76-Jährige betreibt eine Werkstatt für deutsche Autos in der 50 000-Einwohnerstadt Olympia im Bundesstaat Washington. Den spontanen Vorschlag des Bruders, ihn sofort in Amerika zu besuchen, lehnte die Schwester erst einmal ab. Stattdessen telefonierte sie oft mit dem Bruder, auch wenn dieser zuerst wieder seine deutschen Sprachkenntnisse auffrischen musste. Bei den langen Gesprächen über Aktuelles und Vergangenes stellte Eva-Maria Weiser fest, dass sich ihr Bruder verändert hat. „Ich denke, die Jahre und zwei Kinder haben seine harten Kanten abgeschliffen.“

Nun, nachdem bereits der jüngere Bruder bei Reinhard zu Besuch war, steht auch ihre zweiwöchige Reise über den großen Teich an. Eva-Maria Weiser will zwei ihrer Enkel mitnehmen. „Ich brauche jemanden zum Dolmetschen und um mich zurechtzufinden“, sagt die Rentnerin lächelnd. Das Ticket hat der Bruder bereits geschickt. Doch auch Reinhard will seine alte Heimat wiedersehen. „Er plant seinen Ruhestand und möchte in diesem Jahr zu Wolfgangs Goldener Hochzeit nach Deutschland kommen. Dann wird der Wunsch unserer Mutter endlich doch noch Wirklichkeit.“