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Wildschweinplage am Stadtrand

Nach zwei milden Wintern gibt es immer mehr Tiere in Dresden. Helfen könnten die Jäger. Doch deren Bilanz fällt dürftig aus.

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© AP Photo/Keystone, Steffen Schmidt

Von Annechristin Bonß

Den Blick in den Garten kann Annett Rambusch derzeit nicht ertragen. Auf der großen Wiese hinter dem Gehöft in Altmobschatz konnte sonst ein Rasenroboter ungestört seine Runden ziehen. Nun prägen große Krater das Grundstück. Zwischen den Schneeresten liegen riesige Grasbüschel, dazwischen Erdklumpen. Wildschweine haben den liebevoll gepflegten Garten umgegraben. Den Spuren im Schnee nach hatten bis zu acht Tiere den Maschendrahtzaun überwunden. Mit ihren Zähnen fetzten sie Löcher hinein. Bis zu 30 Zentimeter tief stießen sie mit ihren Rüsseln in die Erde. Ein Drittel der 6 500 Quadratmeter großen Wiese ist zerstört. Die Reparatur wird viel Arbeit und Geld kosten. „Es gibt hier einfach zu viele Wildschweine“, sagt Annett Rambusch.

Die Immobilienmaklerin ist nicht die Einzige, die sich über die Wildschweinplage am Stadtrand beschwert. Ortsvorsteher Maximilian Vörtler hat in den vergangenen Monaten kaum ein anderes Thema in seinen Sprechstunden gehabt. Viele Mobschatzer sorgen sich um ihre Grundstücke. Ähnlich geht es auch Jörg Lämmerhirt, Ortsamtsleiter in Leuben. Auch bei ihm kommen immer mehr Beschwerden an. Vor allem in Meußlitz gibt es Probleme. Die Leute berichten nicht nur von Spuren. „Sie haben die Tiere auch beobachtet“, sagt er.

Konkrete Zahlen, wie viele der Tiere es derzeit im Stadtgebiet gibt, kann die Untere Jagdbehörde nicht liefern. Fakt ist, tatsächlich häufen sich die Sichtungen von Wildschweinen im Stadtbild. Kürzlich veröffentlichte ein Anwohner im Dresdner Norden ein Video, auf dem über 20 Schweine nahe der Stauffenbergallee zu sehen sind. Wöchentlich gibt es Meldungen im Radio von Wildschweinen direkt neben der A4 im Dresdner Westen. „Die Laufspuren am Zaun neben der Fahrbahn sind gut sichtbar“, sagt Horst Ringel. Der ehemalige Gärtner lebt ebenfalls in Mobschatz.

Das bestätigt Isabel Siebert, Sprecherin im Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv): „Zwischen Dresden-Altstadt und dem Dreieck Dresden-West in Fahrtrichtung Chemnitz halten sich immer wieder eine Rotte Wildschweine sowie eine weitere Bache mit drei Frischlingen auf, wiederholt auch direkt am Fahrbahnrand.“

Grund für die steigende Population ist der Klimawandel. In den milden Wintern der vergangenen Jahre haben sich die Tiere gut vermehrt. Teilweise haben die Bachen zweimal Jungtiere geworfen. Das wird in diesem strengen Winter zwar anders sein. Die vielen Wildschweine suchen nun aber Nahrung. Und finden die immer öfter in den Wohnvierteln am Stadtrand. So gibt es in den Gärten und auf den Feldern im Dresdner Westen besonders viele Insekten und Würmer im nährstoffreichen Boden. Ortsamtschef Lämmerhirt bemängelt, dass immer wieder Grün- und Lebensmittelabfälle in der Landschaft entsorgt werden. „Das lockt die Wildschweine an“, sagt er.

Jörg Lämmerhirt hat sich mit der Jägergenossenschaft zusammengetan. Nun patrouilliert einer der Jäger regelmäßig in dem Gebiet. Er will die Rückzugsorte der Tiere entdecken. Zudem hat die Genossenschaft angeordnet, Brombeerhecken zu entfernen. Dort halten sich die Wildschweine besonders gern auf. An den Dornen scheuern sie ihr Fell. Sträucher zwischen der Wostra und einem Pappelwäldchen an der Elbe sowie zwischen Wilhelm-Weidling- und Struppener Straße verschwinden. Das wünschen sich auch die Anwohner im Dresdner Westen. Auch dort gibt es immer mehr Landstriche, auf denen die Büsche wuchern. Viele der Grundstücke sind jedoch in Privatbesitz. Ortsvorsteher Maximilian Vörtler hat Kontakt zu den Besitzern aufgenommen.

Auch die Jäger könnten helfen. Die Mobschatzer erhoffen sich von dort Hilfe. „Die erneute Jagd auf die Tiere scheint unumgänglich“, sagt auch Lasuv-Sprecherin Siebert. Das ganze Jahr über dürfen Wildschweine gejagt werden. Große Erfolge kann die Stadt jedoch nicht vermelden. Im Jagdjahr 2015/16 wurden im Revier Mobschatz drei Schwarzwildtiere erlegt, im Revier Kleinzschachwitz/Meußlitz/Zschieren waren es vier. Aktuellere Zahlen liegen erst im März vor. Häufen sich die Beschwerden, kann die Jagdbehörde die Jagd sogar explizit anordnen. Bisher sei das nicht erfolgt, sagt eine Sprecherin. Bleibt der Erfolg aus, können andere Jäger, die nicht für das jeweilige Revier zuständig sind, dazu verpflichtet werden. Abschusszahlen werden aber nicht vorgegeben.

Ausgleichszahlungen für entstandene Schäden gibt es übrigens nur, wenn diese auf Gebieten entstehen, auf denen auch gejagt werden darf. Wohngebiete zählen nicht dazu, Gärten auch nicht. Annett Rambusch erhält deshalb keine Entschädigung. Weil Wildschweine nicht geschützt sind, gibt es auch keine Förderung, um die Grundstücke zu schützen, so wie beim Wolf. Annett Rambusch hilft sich deshalb selbst. Sie hat LED-Strahler im Garten installiert. Der wird nun Nacht für Nacht ausgeleuchtet. Das soll die Tiere abschrecken. Und den Garten schützen.