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Willkommen im Funkenregen

Die Dresdner begrüßen ihr neues Jahr – feucht, fröhlich, friedlich und mit großem Feuerwerk.

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© André Wirsig

Von Nadja Laske

Wenn August einmal groß ist, wird er dann auch DJ sein? So etwa mit 13 Jahren, wie Ben? Vielleicht. Aber im Moment ist August noch gar nicht geboren. Er macht sich gerade erst zaghaft im Bauch seiner Mutter bemerkbar. Sie ahnt noch nicht, dass ihr Sohn das Neujahrsbaby 2016 sein wird – der erste neue Bürger der Stadt.

Dresden feiert ins neue Jahr

Willkommen im Jahr 2016: Mit viel Feuerwerk begrüßten die Dresdner das neue Jahr.
Willkommen im Jahr 2016: Mit viel Feuerwerk begrüßten die Dresdner das neue Jahr.
Auch dieses Foto wurde von der Dachterrasse des Hauses der Presse aus aufgenommen.
Auch dieses Foto wurde von der Dachterrasse des Hauses der Presse aus aufgenommen.
Das Blaue Wunder in Dresden-Loschwitz im Licht hunderter Feuerwerkskörper.
Das Blaue Wunder in Dresden-Loschwitz im Licht hunderter Feuerwerkskörper.
Auch auf den anderen Elbebrücken feierten Tausende Menschen ins neue Jahr.
Auch auf den anderen Elbebrücken feierten Tausende Menschen ins neue Jahr.
Höhenfeuerwerk über dem Theaterplatz zwischen Semperoper und Hofkirche.
Höhenfeuerwerk über dem Theaterplatz zwischen Semperoper und Hofkirche.
Kindersilvester wurde auf der Eisbahn auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch gefeiert.
Kindersilvester wurde auf der Eisbahn auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch gefeiert.

Es ist kalt geworden am letzten Abend des Jahres. Knapp über null Grad. Ben rubbelt seine Fingerspitzen aneinander. Er kann seine Hände ja nicht einfach in den Jackentaschen vergraben. Schließlich braucht er sie zum Auflegen. Vor ihm drehen jede Menge Kinder und Erwachsene ihre Runden auf der Eisbahn auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch. DJ Ben dreht die Regler und trifft voll den Geschmack der Silvestergäste. In dicken Jacken und mit Mützen auf den Köpfen wippen und tanzen sie im Takt. Mit sieben Jahren hat Ben begonnen, Disco zu machen. In der Schule, auf Klassenfahrten und Sportveranstaltungen. Ben spielt Handball und Eishockey. Nun ist er der jüngste DJ auf einer öffentlichen Silvesterparty in Dresden. Schallplatten kennt er zwar, doch für seine Musik braucht er nur Computer, Internet und Hände, die nicht steif vor Frost werden.

Das Wetter spielt ein merkwürdiges Spiel. Trockene Kälte wechselt sich mit Schneeregen ab. Der fällt über die Besucher der Silvesterstadt auf dem Theaterplatz her. Dorthin haben die Veranstalter zur Kinderparty eingeladen. Nick sitzt die Wollmütze tief im Gesicht. Der Fünfjährige breitet die Arme aus und macht den Flieger. Auf der Bühne singen der Clown und seine Freunde vom Kinderprogramm das Fliegerlied: „Heut ist so ein schöner Tag! Lalalalala!“ Mit den Zwillingsschwestern Leni und Kim und seinen Eltern ist Nick aus Bautzen nach Dresden gekommen. „Wir haben gelesen, das sei hier die größte knallerfreie Open-Air-Silvesterfeier“, sagt sein Vater. Ein bisschen wundert er sich, dass kurz vor dem Kinderfeuerwerk um 20 Uhr noch so viel Pflaster zu sehen ist. Vor der Bühne drängen sich mehr große Gäste als kleine. Ansonsten ist das Fliegen mit ausgebreiteten Armen gar kein Problem. Später werden rund 10 000 Menschen auf dem Theaterplatz den Countdown erleben. Da sind Leni, Kim und Nick schon wieder auf der Heimfahrt. Rund 20 000 Feiernde hatte der Veranstalter Robert Gössel erwartet.

Der Weg zum neuen Jahr führt ein paar Hundert Meter Luftlinie entfernt vom Stadtzentrum nicht über historisches Pflaster, sondern einen roten Teppich. Der ist für die Gäste der 007-Silvesterparty im Club My House ausgerollt. Open ab 21 Uhr. Die Türsteher am Eingang nehmen sehr ernst, was die Veranstalter klar auf der Homepage vermerkt haben. Dresscode: die Herren im Sakko, die Damen im Kleid. Zwei Typen in hellblauer Jeans und Outdoor-Jacke wollen es nicht begreifen. Sie diskutieren und drohen und lassen den Chef rufen. Ladys stöckeln in kleinen Stiletto-Schritten an den Außerirdischen vorbei zur Garderobe. Dort lüften sie ihr Darunter: kleinste Schwarze und viel Bein. Die dazugehörigen Herren in dunklen Anzügen, Slim-Fit. Edles Ambiente, coole Musik, Gedränge am Roulettetisch, die Barkeeper schütteln mehr als dass sie rühren. Läuft.

Unterdessen hat sich August angekündigt. Seine Eltern sind ins Diakonissenkrankenhaus gefahren. Dort laufen sie durch stille, leere Gänge zum Kreißsaal und genießen Einzelbetreuung. Mit welchem Geburtsjahr ihr Kind künftig durchs Leben gehen wird, weiß nur der liebe Gott – und sein Jünger Petrus, ob die Dresdner um Mitternacht das neue Jahr im Regen, Schnee oder unter klarem Himmel begrüßen werden. Gegen elf Uhr streiten sich die Wetter-Apps heftig darüber.

Elbaufwärts wird es trocken von oben. Hoch hinauf ins Dunkel leuchtet die Laser-Show, mit der die Betreiber des Schillergartens ihre Party im Biergarten dekorieren. Vis a vis feiern die Gäste im Körnergarten. Dort sitzen die einen gepflegt an geschmückten Tischen und die Härteren auf der Terrasse. Decken liegen genügend bereit, Wärmestrahler leisten ganze Arbeit, in Feuerkörben prasselt das Holz und der Barkeeper macht zugleich den Discjockey.

Rot-weißes Absperrband am Elbufer kündet von einem fulminanten Jubel fürs neue Jahr. Betreten verboten! Die Feuerwerker sind in Habachtstellung. Auf dem Blauen Wunder versammeln sich immer mehr Menschen. Sektflaschen frosten nackte Hände. Schnell werden mitgebrachte Raketen abgeschossen. Gegen die Profis kann der Laie sowieso nicht anknallen. Durchs Fenster des Kreißsaales sieht Augusts Vater, wie Blumen am Nachthimmel sprießen und Funkenregen fällt. In der ersten Stunde des Jahres wird sein Sohn geboren. Welch eine Begrüßung!