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Willy ist schon wieder tot

Für „Poesie und Widerstand“ bekam Konstantin Wecker genug Applaus, um zu verschnaufen.

© dpa

Von Franziska Klemenz

So viel Jubel. Manch Publikums-Mitglied mit zarterem Gehör setzt sich irgendwann um, weg von den Schreihälsen. Der Wecker ist schuld. Aus reinem Eigennutz! „Der Applaus dient nicht nur der Eitelkeit des Künstlers – obwohl, ohne wär’s auch a Schmarrn“, sagt Konstantin Wecker bei seinem Auftritt am Montagabend im Dresdner Kulturpalast. „Der Applaus ist auch dafür da, damit der Musiker mal ausschnaufen kann.“

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Gut, er ist halt auch schon 71. Denkt man sich, als Sänger und Band die Bühne gegen 21.30 Uhr verlassen. Nach 90 Minuten. Kann halt auch nicht mehr wie früher, war trotzdem ’ne tolle Show. Was tatsächlich passiert: Wecker spielt weiter. Und weiter. Und weiter. Mit einer neuen Version des 1978 veröffentlichten Lieds „Willy“ hat das Konzert begonnen. „Etz kommt’s halt a mal runter“, hat er in die Ränge gerufen, um das Parkett zu füllen. Dann prangert der bayerische Musiker Nationalismus, Extremismus und Neoliberalismus in Deutschland an. Die CSU, Gauland, der sechs Millionen ermordete Juden als Vogelschiss in der Geschichte sieht; geht’s noch? Applaus. Herrscher, die in ihrer aberwitzig unterbelichteten Idee, Materie würde glücklich machen, all jene unterdrücken, die in höherer Weisheit erkennen, dass nur Empathie, Poesie und Zärtlichkeit die Welt eventuell zu retten vermögen. Applaus! Der politische Konsens sei jetzt klargestellt, sagt Wecker. Der Abend kann beginnen. Mit einer Ode an Sophie und Hans Scholl, hingerichtet durch das Hitler-Regime, beginnt Wecker dann seine erste Zugabe. Er lässt lachen, wenn er etwa über die wilden Liebes-Hymnen seines jugendlichen Ichs flachst. Weinen, wenn er seinem verstorbenen Vater zu Ehren in den Kulturpalast trällert: „Ich hab dich lieb“. Ein weiser Opernsänger ohne Erfolg sei der Vater gewesen. Friedlich, anti-autoritär, zu Zeiten, da der „Watschenbaum“ in Bayern noch botanisch-pädagogisches Standardwerk war. Ein nur durch Glück erfolgreicher Wildling sei er selbst gewesen, immer wieder verrannt und aufgerieben.

Selbst 25-Jährige, denen Wecker eher aus verstaubten Jugendschwärmereien ihrer Mütter bekannt ist, können sich dem Tiefgang seiner Poesie nur schwer entziehen. Sie wirkt. Wenn Wecker seinen „Buben“ ein Lied singt, sie liebend in die Welt entlässt. Wenn er selbst zum „Buben“ wird, der so irre auf seine Klaviatur kloppt, dass er fast darauf steht. Gegen 23.20 Uhr verstummt er, blickt zur Band. Keine Regung, unterdrücktes Grinsen. „Na, dann sing mer halt noch a Guad-Nacht-Liadl“, gluckst Wecker. Um 23.30 Uhr entlässt er ein jubilierendes Dresdner Publikum, das sich hörbar nach Botschaften wie seinen gesehnt hat.

Das kommende Album: Am 16. November erscheint „Sage nein! – Die antifaschistischen Lieder von Konstantin Wecker“ beim Label Sturm und Klang.