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Ein Mann als Pfleger?

Richard Kurtze liebt seinen Job, obwohl er hier fast ein Exot ist. Bei seinem neuen Arbeitgeber in Wilsdruff hat er das gleich zu Beginn zu spüren bekommen.

Einen weiten Weg legte Richard Kurtze zurück, um beim Pflegedienst Advita sein berufliches Glück zu finden.
Einen weiten Weg legte Richard Kurtze zurück, um beim Pflegedienst Advita sein berufliches Glück zu finden. © Daniel Schäfer

Einige Wilsdruffer haben große Augen bekommen, als Richard Kurtze in ihrer Wohnung stand. Ein Mann als Pfleger? "Ein paar ältere Damen haben sich schwer getan", erinnert sich der 37-Jährige an seine ersten Begegnungen im Stadtgebiet.

Bis dahin waren nur Pflegerinnen im Einsatz. Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt, sagt der junge Mann und schmunzelt. "Mittlerweile geht es. Sie haben sich an mich gewöhnt." Auch für ihn war das eine neue Erfahrung. Schließlich arbeitet er schon seit 2006 in diesem Beruf. Bei früheren Arbeitergebern war er nie der einzige Mann im Team.

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Hier in Wilsdruff scheint er ein Exot zu sein. Bei seinem jetzigen Arbeitgeber, dem mobilen Pflegedienst Advita, ist Richard Kurtze immer noch der einzige Mann im 17-köpfigen Team. "Ich hätte gern zwei, drei weitere Pfleger", sagt Niederlassungsleiterin Susann Flade. Doch es gibt einfach zu wenige Männer, die sich für den Beruf des Pflegers entscheiden. Als es noch den Zivildienst gab, hat das einige junge Männer auf die Idee gebracht, sich zum Altenpfleger ausbilden zu lassen. Diesen Impulsgeber gibt es nun nicht mehr.

Beruf ist attraktiver geworden

Dabei sei der Beruf jetzt attraktiver geworden, so Flade. Hier gehe es längst nicht mehr nur darum, Klienten zu waschen. Ein Pfleger muss heute mehr wissen, sich mit dem Medikamentenplan beschäftigen. Er ist ein wichtiger Partner der Ärzte.

Das alles können Frauen wie Männer. Aber: "Männer haben eine andere Herangehensweise", sagt sie. Gerade im Umgang mit Männern. Ein männlicher Patient wird sich mit einem Problem einem Pfleger anders öffnen als einer Pflegerin. Männer im Team schaffen ihrer Meinung nach eine andere Pflegequalität.

Richard Kurtze freut sich über diese Einschätzung. Er selbst ist eher zufällig in die Pflege geraten. Als junger Mann wollte er nicht zur Armee, er wollte Zivildienst machen. Damals lag es nah, als Zivi in einem Pflegeheim arbeiten. "Ich war neugierig, wollte wissen, wie das ist." Bereut hat er die Entscheidung nicht. "Die Arbeit hat mir Spaß gemacht." Deshalb ließ er sich ab 2003 zum Pfleger ausbilden. Drei Jahre später konnte er seine Lehre beenden. Danach arbeitete er in seinem Beruf.

Berufsziel Politiker

2008 wagte der Pfleger einen beruflichen Neustart. "Ich war unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen. Ich musste zum Teil zehn, zwölf Tage am Stück arbeiten." Richard Kurtze holte sein Abi nach und begann 2011 in Chemnitz ein Europa-Studium mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung. Dafür ging er auch ein halbes Jahr ins Ausland.

Das Studium schloss er erfolgreich ab. "Ich wollte in die Politik und das hätte auch fast geklappt." Kurtze hatte es zum Mitarbeiter einer Landtagsabgeordneten geschafft. Doch familiäre Gründe bewegten ihn dazu, aufzuhören. Er ging in seine Heimatstadt Nossen zurück und wechselte in die freie Wirtschaft. Bei einem Kaffeefilterhersteller arbeitete er als technischer Einkäufer. "Was viele nicht glauben, das ist eine Wissenschaft für sich." Die Auftraggeber ändern immer wieder ihre Wünsche, Maschinen müssen angepasst werden. "Das ist ein schnelllebiges Geschäft."

Dennoch sagte er hier ade. Das Betriebsklima und der Umgang mit den Mitarbeitern haben ihm nicht gefallen. "Wir haben uns getrennt - im Guten", wie er betont.

Rückkehr in die Pflege

Dass er wieder in die Pflege zurückkehrt, hat er einer Freundin zu verdanken. Durch sie lernte er vor gut einem Jahr Susann Flade kennen. Sie konnte ihn für den Adivta-Pflegedienst gewinnen. Im Februar 2020 kam Richard Kurtze zum Probearbeiten nach Wilsdruff und blieb. Aus heutiger Sicht sei die Begegnung mit Susann Flade eine Vorhersehung, eine göttliche Fügung gewesen, sagt der Nossener.

Inzwischen ist er stellvertretender Pflegedienstleiter. Das klingt nach Büroarbeit und vielen Telefonanten. Und das ist so. Er telefoniert mit Klienten, ihren Angehörigen, den Ärzten und den Krankenkassen. "Bei mir laufen alle Fäden zusammen." Er stellt auch die Touren für seine Kolleginnen zusammen. In der Regel sind es früh fünf und nachmittags zwei.

Doch das ist nicht alles. Der 37-Jährige hält auch den direkten Kontakt zu den Klienten. Das heißt: Immer wieder steigt Richard Kurtze ins Auto, um Klienten besuchen und zu pflegen. Inzwischen kennt er alle 100 Klienten, um die sich sein Pflegedienst kümmert, persönlich. Das hilft in Gesprächen mit den Angehörigen und den Ärzten.

Corona sorgt für Anerkennung

Der Wechsel zwischen Büro- und Vorortarbeit gefällt ihm. Genau das habe er gesucht, versichert Richard Kurtze. Ihm gefällt auch, dass Advita die Arbeit digitalisiert hat. Pfleger, die zu den Klienten fahren, haben keine Zettel mehr dabei. Sie sind mit Tablets unterwegs. Auf diesen lassen sich alle wichtigen Daten schnell abrufen. "Die Bürokratie wurde auf ein Minimum reduziert."

Nach einem Jahr ist Richard Kurtze immer noch zufrieden mit der Arbeit und dem Team. "Die Pflege ist meine Berufung", sagt der junge Mann, der sich privat im Spielmannszug Nossen als erste Vorsitzer engagiert. Bei Advita habe er genau das Richtige gefunden. Sein Arbeitgeber ermöglicht es ihm, sich weiter zu qualifizieren. Und hier gibt es auch Karrierechancen.

Er freut sich auch, dass die Arbeit der Pfleger und anderer Berufe im Sozialen nun mehr Anerkennung findet. Lange Zeit habe die Gesellschaft diese Berufe nicht so wertgeschätzt, wie sie es verdient hätten, sagt Kurtze. Corona habe das geändert. "Leider musste erst diese Krise kommen."

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Susann Flade hofft, dass auch andere Pfleger in ihren Beruf zurückkehren. Sie kennt viele, die der Pflege den Rücken gekehrt haben, weil ihnen die Arbeitsbedingungen nicht gefallen haben oder weil sie noch mal etwas Neues probieren wollen. "Das ist schade." Dabei gebe es im Pflegebereich viele Möglichkeiten, tätig zu werden.

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