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Kesselsdorf: Thyssenkrupp schließt Niederlassung

Vor einem halben Jahr wurde die Firma noch gefeiert. Jetzt verlieren 100 Mitarbeiter von Carbon Components in Kesseldorf ihren Job.

Geschäftsführer Dr. Jens Werner (rechts), Prof. Dr. Werner Hufenbach (links) vom Leichtbau-Zentrum Sachsen und Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) an der in Kesselsdorf entwickelten Carbonfelge. Dieses Foto entstand im Sommer 2020.
Geschäftsführer Dr. Jens Werner (rechts), Prof. Dr. Werner Hufenbach (links) vom Leichtbau-Zentrum Sachsen und Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) an der in Kesselsdorf entwickelten Carbonfelge. Dieses Foto entstand im Sommer 2020. © Daniel Schäfer

Schlechte Nachrichten für den Wirtschaftsstandort Wilsdruff. Noch in diesem Jahr stellt der Konzern Thyssenkrupp die mehrfach patentierte Herstellung von Auto- und Motorradfelgen aus Carbon ein. Von den Plänen, die Konzerntochter Carbon Components aufzugeben, sind rund 100 Mitarbeiter betroffen.

Viele dürfte das überraschen. Noch vor einem halben Jahr hatte Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) die Niederlassung mit einem Innovationspreis ausgezeichnet. Er lobte die Spitzentechnik "Made in Saxony". Damals sagte er: "Ich bin megastolz." Und auch Geschäftsführer Dr. Jens Werner war es: "Wir sind weltweit die einzige Firma, die Carbonräder mit Straßenzulassung herstellen kann."

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Weltweit größte Radialflechtanlage

Diese werden derzeit in einem textiltechnischen Prozess produziert, der dem ähnelt, wie man Kleidung herstellt. Dazu wurde die weltweit größte Radialflechtanlage entwickelt. Sie macht es möglich, eine sehr große Menge des Werkstoffs Carbon zu verarbeiten. "Mit der Anlage werden Vorformen hergestellt, die mit einem speziellen Kunststoff getränkt werden", erklärte Werner damals. Dadurch entstehe das Carbonbauteil.

In diesem Gebäude produziert Tyssenkrupp Carbon Components Carbonfelgen.
In diesem Gebäude produziert Tyssenkrupp Carbon Components Carbonfelgen. © Daniel Schäfer

Werner hatte weit reichende Pläne. Er wollte weitere Standbeine schaffen. Geplant war, Federn und Stabilisatoren für die Automobilbranche zu entwickeln, die auch in E-Bikes eingebaut werden sollten. Auch das Baugewerbe hatten die Kesselsdorfer im Blick. Ein Teil der gut 30 Ingenieure entwickelte Bewehrungsstäbe für Carbonbeton, die unter anderem auch beim Brückenbau zum Einsatz kommen sollten.

Doch das alles half nicht. Der Vorstand des Thyssenkrupp Segments Multi Tracks hat entschieden, den Geschäftsbereich TK Carbon Components, zu dem die Kesselsdorfer Niederlassung gehört, in diesem Jahr einzustellen. Einen genauen Zeitplan gebe es aber noch nicht, erklärt Konzernsprecherin Evelin Veit.

So sehen die Carbonfelgen aus, die in Kesselsdorf produziert werden.
So sehen die Carbonfelgen aus, die in Kesselsdorf produziert werden. © Daniel Schäfer

Im Vorfeld seien verschiedene Optionen geprüft worden, wie der Betrieb weitergeführt werden könne. Thyssenkrupp habe mit möglichen Investoren gesprochen, aber auch eine eigenständige Weiterentwicklung innerhalb des Konzerns wurde geprüft. "Leider haben sich beide Wege als nicht erfolgversprechend herausgestellt", sagt die Sprecherin. Zu hoch war der Verlust, den die Kesselsdorfer eingefahren haben.

Seit der Gründung wurde im zweistelligen Millionenbereich investiert. Der erhoffte Erfolg blieb aus. Das Unternehmen erwirtschaftete im vorigen Jahr einen Umsatz von 1,30 Millionen Euro, machte aber auch einen Verlust von rund 7,24 Millionen Euro.

In Kesselsdorf steht derzeit noch die weltgrößte Radialflechtanlage.
In Kesselsdorf steht derzeit noch die weltgrößte Radialflechtanlage. © thyssenkrupp Carbon Components

Von der bevorstehenden Schließung wurden die Mitarbeiter in der vorigen Woche informiert. "Diese Entscheidung haben wir uns nicht leichtgemacht. Wir sind uns der Auswirkungen für die Beschäftigten sehr wohl bewusst", heißt es von der Konzernführung. Dieser habe den Betriebsrat frühzeitig einbezogen. Man sei bereits in Gesprächen, um gemeinsam nach sozialverträglichen Lösungen zu suchen.

2012 als Joint-Venture gestartet

Das Unternehmen wurde 2012 als Joint-Venture des Leichtbau-Zentrums Sachsen, einem Start-Up der Technischen Universität, und dem Konzern Thyssenkrupp außerhalb der regulären Unternehmensorganisation und der üblichen Prozesse in Dresden gegründet. 2013 zog es nach Kesselsdorf.

"Wir sind mit einer Vision gestartet, haben hier eine leere Halle vorgefunden", sagte Geschäftsführer Werner im August 2020. Es gehöre zum unternehmerischen Handeln, Dinge auszuprobieren, sagt die Konzernsprecherin heute. "Dass nicht alles, was technologisch machbar ist, auch einen relevanten Markt anspricht, das gehört leider dazu und ist vollkommen normal."

Wilsdruffs Bürgermeister Ralf Rother (CDU) hat am Dienstag am Rande eines Investorengespräches in der Nachbarschaft von den Plänen von Thyssenkrupp erfahren. "Wir bedauern die Schließung", erklärt der Rathauschef.

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