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Der Blick für die Schwachen

Nächstenliebe ist heute noch so wichtig wie vor 150 Jahren, sagt der Leiter der Bautzener Diakonie, Gerd Lehmann.

© Steffen Unger

Bautzen. Gerd Lehmann hat so gar nichts von einem knallharten Manager-Typen. Wer den 64-Jährigen kennt, der weiß, dass jeder ihm auf Augenhöhe begegnen kann – auch wenn er hier der Chef ist. Das ist seine Art Unternehmensführung, ganz bewusst hält er das so, sagt er. Seit 20 Jahren ist Gerd Lehmann geschäftsführender Vorstand der Bautzener Diakonie, Chef von 270 fest angestellten Mitarbeitern und vielen ehrenamtlichen Helfern. Im Gespräch mit der SZ sagt er, warum Nächstenliebe heute noch so wichtig ist wie vor 150 Jahren.

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„Du sollst Deinen Nächsten lieben.“ Das ist auch das Credo von Gerd Lehmann. Seit 20 Jahren leitet der 64-Jährige als geschäftsführender Vorstand die Diakonie Bautzen – heute ein Unternehmen mit 270 Mitarbeitern. © Steffen Unger

Herr Lehmann, das Diakonische Werk feiert in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen im Kirchenbezirk Bautzen.Was hat das Unternehmen Diakonie heute noch mit der Inneren Mission von 1867 gemein?

Es ist, wenn man so will, die nahtlose Fortführung dessen, was Pfarrer Friedrich Heinrich Immisch aus Göda hier vor 150 Jahren begonnen hat, als er die erste „Innere Mission“ gründete. Unsere Aufgabe verstehen wir nach wie vor darin, uns um die Schwachen in der Gesellschaft zu kümmern, um diejenigen, die Hilfe brauchen, und um diejenigen, die in Not sind. Diakonie heißt im übertragenen Sinne „dienen“. Das nehmen wir wörtlich. Und Pfarrer Immisch ist bis heute unser Vorbild.

Heute ist die Diakonie aber auch ein mittelständisches Unternehmen und ein großer Arbeitgeber in der Region. Sie betreiben Beratungsstellen, Pflegeheime, eine betreute Wohnanlage, eine Sozialstation, eine Tagespflege, eine Kindertagesstätte. Wie vertragen sich Diakonie und Marktwirtschaft?

Sie vertragen sich, weil wir nach dem Anspruch arbeiten, alles, was wir tun, im Sinne der Menschen zu tun – im Sinne der Mitarbeiter genauso wie im Sinne derjenigen Menschen, für die wie arbeiten. Natürlich müssen wir auch wirtschaftlich denken. Darin unterscheiden wir uns nicht von anderen Wohlfahrtsverbänden.

Unterscheidet sich die Diakonie denn sonst von den anderen?

Ja, ich denke schon: im Engagement der Mitarbeiter.

Wollen Sie sagen, Ihre Mitarbeiter sind engagierter als die Mitarbeiter in anderen sozialen Einrichtungen?

Ich bin überzeugt, sie sind anders engagiert. Wer hier arbeitet, tut das in der Regel im christlichen Glauben und mit dieser Überzeugung. In unseren Häusern und Einrichtungen wird der Glaube gelebt. Er ist unser Grundgedanke und unser Anspruch: „Du sollst Deinen Nächsten lieben“ – das ist für uns nicht nur eine Worthülse, sondern tägliches praktisches Handeln. Das ist heute noch genauso wichtig wie vor 150 Jahren, vielleicht sogar noch wichtiger.

Warum ist das so wichtig?

Weil es heute vieles gibt, für das die schnelllebige, technisierte Gesellschaft keine offenen Augen mehr hat. Denken wir nur an das Sterben. So wie das Sterben aus dem Bewusstsein der Gesellschaft verdrängt worden ist, ist auch der Umgang mit der Trauer nicht mehr selbstverständlich. Es muss jemand da sein, der Trauer und Sterben auch menschlich begleitet. Wir brauchen auch den Blick für die Schwachen, für die Alleingelassenen und für Menschen, die in Not sind. Wir hatten jetzt jemanden da, der wusste nicht mehr, wovon er sich in den nächsten Tagen etwas zu essen kaufen sollte. Auch deswegen feiern wir unser Jubiläum jetzt so groß und mit so vielen Veranstaltungen.

Deswegen feiern Sie?

Ja, wir haben uns gesagt, wir nehmen das Jubiläum zum Anlass, um mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu erreichen. Der wache Blick für die Not von anderen ist im Alltag heute sehr weit verloren gegangen. Wir wollen das bewusst machen. Und wir wollen das Jubiläum nutzen, um Spenden zu sammeln. Mit den Spendengeldern wollen wir einen Nothilfefonds gründen. Das Geld soll dazu dienen, Menschen in akuten Notlagen schnell und unkompliziert zu helfen. Eben auch diesem Mann in seiner finanziellen Notlage. Oder der Familie, der das Sozialamt zwar einen Zuschuss für eine Woche Urlaub gewährt, aber die Fahrtkosten nicht bezahlt. Es gibt viele Familien, die nicht in den Urlaub fahren können. Auch unsere Telefonseelsorge ist auf Spenden angewiesen. Allein hier arbeiten 90 Mitarbeiter ehrenamtlich. Genauso wie beim Hospizdienst, ebenfalls ein sehr wichtiges Feld, das wir gern weiter ausbauen würden.

Was ist Ihr Credo als Geschäftsführer des Unternehmens Diakonie?

Ganz einfach: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Das ist der Leitgedanke unserer Arbeit, den hier alle leben. Wir begegnen uns auf Augenhöhe – Vorgesetzte, Mitarbeiter, Bewohner, Menschen, die wir betreuen. Auch in den Mitarbeitern den Nächsten zu sehen, das heißt für mich, auch immer zu schauen, was möglich ist und getan werden kann, dass sie sich bei uns wohlfühlen und gern bei uns arbeiten. Dem Unternehmen geht es so gut, wie es seinen Mitarbeitern gut geht.

Wo sehen Sie die Diakonie in Zukunft?

Ich sehe sie genauso weiter in der Tradition von Pfarrer Immisch. Wo Diakonie draufsteht, muss auch Diakonie drin sein. Der Glaube wird auch in Zukunft in unseren Häusern und in unserem Tun leben und gelebter Alltag sein. Es wird bei uns niemand vergessen. Wir denken gegenwärtig nicht daran, noch weiter zu expandieren.

Gespräch: Jana Ulbrich