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Feuilleton

Wir brauchen mehr Ostbewusstsein

Viele junge Ostdeutsche wie die Autorin Valerie Schönian gehen offensiv damit um: Sie sind in manchem anders als Westdeutsche – und das ist auch gut so.

Valerie Schönian wuchs auf in dem Gefühl, alle Deutschen seien auch innerlich wiedervereinigt. Als Erwachsene merkte sie: Sind wir noch immer nicht. Jetzt schrieb sie ein Buch darüber: „Ostbewusstsein“.
Valerie Schönian wuchs auf in dem Gefühl, alle Deutschen seien auch innerlich wiedervereinigt. Als Erwachsene merkte sie: Sind wir noch immer nicht. Jetzt schrieb sie ein Buch darüber: „Ostbewusstsein“. © Meiko Herrmann

Für ihre Eltern war klar: Das Ossi-Wessi-Thema nervt nur noch, weil die Deutschen sich auf Augenhöhe begegnen. Stimmt noch lange nicht – sagt die Tochter, Journalistin Valerie Schönian, geboren 1990 in Gardelegen. Sie gehört zu einer Generation, die ihr Ostdeutsch-Sein erst entdecken musste, nun aber laut und konstruktiv die Unterschiede thematisiert. Wir fragten sie, warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die Deutsche Einheit bedeutet.

Frau Schönian, Sie sind jetzt 29. Wie alt ist Ihr Ostbewusstsein?

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Das war ein längerer Prozess der Bewusstseinswerdung. Die begann mit meinem Umzug von Magdeburg nach Berlin 2010, als ich Leute traf, die das Lied „Kling Klang“ von Keimzeit nicht kennen. Da wurde mir erstmal überhaupt bewusst, dass es Unterschiede gibt. Aber das war erstmal nichts Schlimmes. Denn ich dachte trotzdem, dass Ost- und Westdeutsche auf Augenhöhe miteinander leben. Erst später habe ich realisiert, dass es nicht so ist. Als ich zum Studium nach München ging und in der Zeit die Pegida-Demos begannen, habe ich gemerkt, dass mich etwas unterscheidet von vielen meiner westdeutschen Freundinnen.

Was war das vor allem?

Pegida, das waren für mich einfach demonstrierende Menschen. Für meine Freundinnen waren das Ostdeutsche. Plötzlich wurden da Ossi-Wessi-Klischees mit all den typischen Vorurteilen aus der Schublade geholt, von denen ich dachte, die gibt‘s gar nicht mehr. Und als 2016 in meiner Heimat Sachsen-Anhalt gewählt wurde und die AfD dort 24 Prozent holte, wurde auch von Freunden nicht nur das Wahlergebnis verurteilt, sondern pauschal ein ganzer Landesteil. Das hat bei mir zu so einer Art Trotzreaktion geführt, ich hatte das Bedürfnis, etwas verteidigen zu wollen. Da wurde mir endgültig bewusst, dass ich Ostdeutsche bin und es noch einen Unterschied macht. Und später habe ich angefangen, im Leipziger Büro der Wochenzeitung Zeit im Osten zu arbeiten. Da hatte ich den Raum, das alles auch mal zu reflektieren.

Worin besteht für Sie das Ostbewusstsein? Dass auch Sie als Ostdeutsche noch entsprechende Prägungen und Erfahrungen haben, die diesen Unterschied ausmachen?

Dass „der Osten“ durchaus noch etwas mit mir zu tun hat, genau. Und dass man dazu auch stehen und selbstbewusst damit umgehen kann. Denn es ist ja einfach nur das Bewusstsein, dass es Dinge und Erzählungen gibt, die uns immer noch unterscheiden. Was ja auch völlig okay ist.

Nun ist es aber immer noch so, dass die westdeutsche Erzählung über „den Osten“ viel dominanter ist als die ostdeutsche selbst.

Ja, und das hat etwas mit Machtstrukturen zu tun, mit der Fragen nach politischer, mit wirtschaftlicher und mit der Diskurs-Macht. Nehmen Sie zum Beispiel mal die Medien: Wo sind denn all die hervorragenden ostdeutschen Journalistinnen in den großen Talkshows, selbst wenn es um ostdeutsche Themen geht? Da sitzen meist Kollegen aus dem Westen. Wobei ich nicht zu pessimistisch klingen will, es ändert sich auch da ja schon einiges. Aber noch lange nicht genug.

Sie schildern in Ihrem Buch, dass es vor allem junge Leute wie Sie sind, die zu den West-Ost-Unterschieden stehen und auch selbstbewusst damit umgehen. Warum bestreiten so viele reifere Ostdeutsche diese Unterschiede?

Ich glaube es liegt daran, dass über den Osten zu sprechen lange Zeit bedeutete, vor allem über Probleme zu sprechen. Gerade in den Neunziger waren es die Ostdeutschen mit ihren Problemen, die von westdeutschen Politikern und Medien analysiert und psychologisiert wurden, ohne dass die Ostdeutschen an diesen Debatten gleichberechtigt hätten teilnehmen können. Sie wurden dabei immer wie „die anderen“ behandelt. Das ist teilweise noch heute so.

Norbert Leisegang (r) will seine Band Keimzeit nicht als "Ostband" betitelt wissen.
Norbert Leisegang (r) will seine Band Keimzeit nicht als "Ostband" betitelt wissen. © Jan Woitas/dpa

Diese Behandlung als „die anderen“ geht ja vielfach einher mit einer Abwertung …

Das ist der Punkt. Und ich glaube, der Umgang damit ist auch eine Generationsfrage. In den Neunzigern hatten viele Ostdeutsche, die damals erwachsen waren, die Nase voll davon, die wollten nicht immer die anderen sein und abgewertet werden. Deswegen haben sie versucht sich anzupassen. Zugespitzt gesagt: versucht, keine Ostdeutschen mehr zu sein. Als ich zum ersten Mal mit meinen Eltern über mein Ostbewusstsein geredet habe, ist mein Vater direkt wütend geworden.

Warum?

Weil er fand, das sei doch alles vorbei mit dem West-Ost-Kram, das hätte alles doch keine Bedeutung mehr. Das Gleiche ist mir bei meinen Gesprächen für das Buch noch öfter passiert. Auch der Keimzeit-Sänger Norbert Leisegang, er ist 59, hat auf meine Frage, ob sie sich denn als Ostband sehen würden, total abwehrend reagiert. Im Gegensatz dazu habe ich in Hamburg den jungen Künstler Paul Glaw kennengelernt, der aus Halle stammt und sich ganz bewusst als Ost-Künstler bezeichnet.

Sind Sie solchen generationsbedingten Ost-Ost-Unterschieden oft begegnet?

Ja, regelmäßig. Ich habe erlebt, dass junge Leute kein Problem mit den Unterschieden haben und deswegen gern darüber sprechen, ältere wiegeln da meistens ab. Für Norbert bedeutet „Ost“ offenbar etwas Beschränkendes und Abwertendes, deswegen will er nicht „nur“ eine Ostband sein. Paul hingegen will Ost-Künstler sein, weil das für ihn etwas Bereicherndes ist, das seine Perspektive erweitert, die er anderen mitgeben will. Das war ein Aha-Erlebnis für mich: Die Generation von Norbert kennt es noch, auch im Persönlichen auf eine abwertende Weise als „Ossi“ bezeichnet zu werden. Wir Nachwendekinder kennen das weniger. Und wenn man das „Ostdeutsche“ nicht nur von anderen mit deren Fremddefinitionen aufdrücken lässt, sondern es sich auch bewusst aneignet, selbst definiert und offensiv damit umgeht, dann führt das zu einem anderem ostdeutschen Selbstbewusstsein.

Aber diese Bewusstwerdung geschieht ja nicht automatisch, oder?

Nein, da muss oft erst etwas passieren. Zum Beispiel das, was ich einen Weltenwechsel nenne. Wenn man seine Heimat verlässt, in den Westen geht und dort mit westlichen Bildern von Ostdeutschland konfrontiert wird, also mit Fremddefinitionen. Oder durch politische Veränderungen, die Unterschiede zwischen Ost und West sichtbar machen. In den letzten Jahren sind auch viele Artikel und Bücher zu dem Thema erschienen, die natürlich ebenfalls Auswirkungen haben, weil sie auf bekannte Themen andere Blicke werfen. Es gibt seither auch einen Solidarisierungseffekt unter Jüngeren, die ihr Ostdeutsch-Sein positiv bewerten und das offen thematisieren.

Liegt darin nicht wiederum die Gefahr, dass man mit einem ostdeutschen „Wir“ zugleich ein westdeutsches „Die“ konstruiert, was ja nicht eben das Gemeinschaftsgefühl fördert?

Auf jeden Fall, aber es kann trotzdem produktiv sein erst einmal ein ostdeutsches „Wir“ zu konstruieren. Das ermöglicht Mut machen, darüber zu sprechen und auch gewisse Dinge gemeinsam einzufordern.

Nun sind viele West-Zuschreibung von Ostdeutschen genau so negativ wie damals schon die Ost-Zuschreibungen durch Westdeutsche. Eine Art Vorurteils-Überholen ohne einzuholen kann aber doch nicht der Weg sein?

Nein. Dieses ostdeutsche „Wir“ muss dazu dienen, auf eine Problematik aufmerksam zu machen – wie die, dass die ostdeutsche Perspektive noch kein selbstverständlicher Teil der gesamtdeutschen Erzählung ist -, und so die deutsche Gesellschaft solidarischer zu machen. Es soll nicht Ost und West gegeneinander ausspielen. Ich lege großen Wert darauf: Ostbewusstsein können auch Westdeutsche haben. Und es ist total wichtig, dass Westdeutsche ebenfalls für den Osten streiten, sonst geht es nicht. Dafür muss man den Osten aber in seiner Vielschichtigkeit wahrnehmen können. Und dafür darf er in den Medien und der Politik eben nicht überwiegend aus westdeutschen Perspektiven besprochen werden.

© Piper

Dann muss es darum gehen, dass die jeweils anderen etwas nicht schlechter machen, sondern zunächst mal nur anders?

Genau. Es gibt bestimmte ostdeutsche Erfahrungen, die vielleicht zeigen können, wie man Dinge auch anders angehen könnte. Immerhin haben die Ostdeutschen seit 1990 einen alles umfassenden Transformationsprozess gewuppt. Ich glaube, die ostdeutsche Erfahrung ist so etwas wie ein Pauspapier, das sich über die Menschen legt und alle prägt, wenn es sich auch ganz verschieden auswirken kann. Eine ostdeutsche Erfahrung meiner Generation ist auch mit diesen wahnsinnig vielen Freiräumen aufgewachsen zu sein, die mit den Umbrüchen entstanden sind, die ganz neu genutzt und gestaltet werden konnten. Das hat ja unter anderem auch dazu geführt, dass es einen sehr kreativen und progressiven Osten gibt. Solche Freiräume gibt es auch heute noch viel häufiger als im Westen.

Es gibt auch einen sehr harten Osten, der nicht zuletzt aufgrund seiner Prägungen zu Ausgrenzungen tendiert, zu radikalen Ansichten, zu einer Art auch anti-westdeutschem Ost-Nationalismus. Sehen Sie die Gefahr einer Pervertierung des Ostbewusstseins?

Die Gefahr schwingt leider immer mit – die Instrumentalisierung durch Rechtsradikale. Und dem muss man sich sein, um dem etwas entgegenzusetzen. Indem man immer wieder klar macht, dass es beim Ostbewusstsein nicht um Ausgrenzung geht. Es geht um einen Osten für alle, auch für Menschen mit Migrationsgeschichte, egal woher sie kommen. Es darf nicht sein, dass zum Beispiel Schwarze Menschen, wie manche selbst schreiben, hier auch in alltäglichen Situationen permanent Rassismus erleben. Es geht beim Ostbewusstsein um einen friedlichen, offenen Osten, der den Rechtsradikalen nicht gehört. Für diesen Osten müssen wir kämpfen. Wir müssen Unterschiede benennen, um sie sichtbar zu machen, damit umzugehen und sie in die gesamtdeutsche Erzählung zu integrieren, nicht um uns abzugrenzen.

Trotz aller anhaltenden Ost-West-Debatten sind Sie sind davon überzeugt, dass Deutschland seit 1990 noch nie so wiedervereinigt war wie heute. Warum?

Na eben deshalb: Weil wir noch nie so viel miteinander geredet haben wie heute, weil noch nie so viele Ostdeutsche in Führungspositionen saßen und weil der Osten überhaupt immer mehr stattfindet, in der Politik, in den Medien. Weil wir uns immer besser kennenlernen. und trotzdem geht da geht noch was. Das ist doch fantastisch.

Das Gespräch führte Oliver Reinhard

Valerie Schönian: Ostbewusstsein. Warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die Deutsche Einheit bedeutet. Piper, 227 Seiten, 16 Euro

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