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„Wir geben Straßen, aber keine Ortschaften auf“

Der Landkreis ist mit dem bisher erbrachten Winterdienst zufrieden. Der Beigeordnete Heiko Weigel erklärt, warum.

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© Frank Baldauf

Osterzgebirge. Der Winter hat das Osterzgebirge fest im Griff. Seit Wochen liegt Schnee, immer wieder kommt neuer dazu. Kinder und Wintersportler sind begeistert. Nur die, die mit dem Auto unterwegs sein müssen, sind hin und wieder nicht so angetan von der weißen Pracht. Das Fahren bei Schnee und Glätte strengt an. Für die SZ ein Anlass, im Landratsamt nachzufragen, wie es mit dem Winterdienst läuft. Den Fragen der SZ stellte sich der Erste Beigeordnete des Landrates, Heiko Weigel (CDU).

Heiko Weigel ist als Erster Beigeordneter des Landrates auch für den Winterdienst im gesamten Landkreis zuständig.
Heiko Weigel ist als Erster Beigeordneter des Landrates auch für den Winterdienst im gesamten Landkreis zuständig. © Frank Baldauf

Herr Weigel, wie ist der Winterdienst im Landkreis bisher gelaufen?

In diesem Jahr haben wir keinen außergewöhnlichen, aber einen aufwendigen Winter. Wir müssen auf unseren insgesamt 1250 Kilometern Kreis-, Staats- und Bundesstraßen sehr viel Streusalz einsetzen, um die Straßen abzustumpfen. Reichten uns im Winter 2015/16 noch 7 200 Tonnen Streusalz, so sind wir aktuell bei 9 000 Tonnen. Und der Winter ist noch nicht zu Ende. Bereits jetzt ist absehbar, dass unser Winterdienst länger im Einsatz sein wird als im vorigen Winter. Da hatten wir 163 Einsatztage.

Wie gehen Ihre Kollegen vom Winterdienst vor, um die Straßen befahrbar zu halten?

Zwischen 2009 und 2011 haben wir uns intensiv mit dem Winterdienst befasst, um ihn effektiver zu machen. Ich glaube, das ist uns gelungen. Der Kreis ist in vier Regionen eingeteilt. In jeder arbeitet eine Straßenmeisterei. Der jeweilige Straßenmeister entscheidet selbstständig, wann und wie geschoben und gestreut wird. Das hat sich bewährt. Die Leute vor Ort wissen am besten Bescheid. Es macht keinen Sinn, vom grünen Tisch aus über den Winterdienst zu entscheiden.

Nach welchen Kriterien entscheiden die Straßenmeister?

Ihnen stehen die Daten des Wetterdienstes zur Verfügung und natürlich eine langjährige Erfahrung. Außerdem messen wir an verschiedenen Orten die Temperaturen der Straßenoberfläche. All das hilft zu entscheiden, ob wir streuen müssen.

Wie oft werden die Straßen bei Schneefall geräumt?

Das gesamte Straßennetz haben wir so aufgeteilt, dass wir es in 40 Touren abfahren. Diese sind abhängig von der Topographie und der Bedeutung der Straße zwischen 25 und 80 Kilometer lang. Die längeren Abschnitte sind die zwischen Ortschaften. Kürzer sind die Abschnitte auf den stark befahrenen Straßen wie den Autobahnzubringern und den Bundesstraßen. Bei Bedarf können wir je Schicht jeden dieser Abschnitte zwei- bis dreimal räumen.

Hin und wieder gibt es Beschwerden. Wie viele gab es in diesem Winter?

Wir unterscheiden hier. Alarmierend ist für uns Kritik, wenn sie von den Verkehrsbetrieben kommt. Denn die transportieren täglich überdurchschnittlich viele Menschen. Sehr ernst nehmen wir auch die Beschwerden des Rettungsdiensts. Bisher gab es weder von den Verkehrsbetrieben noch vom Rettungsdienst Kritik am Winterdienst. Die gab es aber von Bürgern, allerdings noch nicht sehr viele. Noch kann ich die Beschwerden an einer Hand abzählen, meist nach einem starken Schneefall. Unser Ziel ist es, alle Straßen, also auch die kleineren, innerhalb von 24 Stunden freigeschoben zu haben. Und das gelingt uns. Rückblickend kann ich feststellen, dass die Zahl der Beschwerden von Jahr zu Jahr abgenommen hat. Es hat sich ausgezahlt, dass wir als Landkreis überdurchschnittlich viel Aufwand in den Winterdienst gesteckt haben.

Inwiefern?

Praktisch leisten wir einen Winterdienst, der weit über die gesetzlichen Forderungen hinausgeht. Verpflichtet sind wir nur, stark befahrene Straßen wie die Bundesstraßen und die Autobahnzubringer sowie besonders gefährliche Stellen freizuhalten. Wir sorgen aber für einen flächendeckenden Winterdienst. Dazu sind etwa 50 Winterdienstfahrzeuge sowie 20 Fräsen und Streuer unterwegs – die Hälfte stellen unsere Straßenmeistereien, die andere Hälfte Firmen, die in unserem Auftrag handeln. Dieser enorme Einsatz kostet. Im Vergleich zu anderen Landkreisen geben wir für Winterdienst und Straßenunterhaltung – bei gleicher Leistung – allerdings weniger Geld aus. Das hat uns das Verkehrsministerium kürzlich nach einem landesweiten Vergleich bescheinigt. Von dem Budget, das für den Straßenunterhalt bereitsteht, entfallen 40 bis 50 Prozent auf den Winterdienst. Den Rest verwenden wir, um beispielsweise Schlaglöcher zu flicken oder die Straßenränder zu mähen. Für den Winterdienst geben wir jährlich um die drei Millionen Euro aus.

Hin und wieder kommt es vor, dass Winterdienstfahrzeuge stecken bleiben oder in Unfälle verwickelt werden. Wie reagieren Sie darauf?

Winterdienstfahrzeuge müssen sich wie alle anderen Fahrzeuge auch an die Straßenverkehrsordnung halten. Wenn sich vor ihnen ein Lkw querstellt, kommen sie auch nicht weiter. Sie stehen dann im Stau wie alle anderen Verkehrsteilnehmer auch. Es kommt auch vor, dass eines unserer Fahrzeuge ausfällt. Da reicht es schon, dass ein Scheibenwischer nicht mehr funktioniert. Wir versuchen in solchen Fällen, schnell Ersatz zu beschaffen. Manchmal ist das aber nicht möglich. Die Straße kann dann nicht freigeschoben werden. Das ist aber die Ausnahme. In jeder Wintersaison haben wir drei- bis viermal derartige Vorfälle.

Die Straße zwischen Gottgetreu und Fürstenau schafft es regelmäßig in die Verkehrsnachrichten, weil sie wegen Schneeverwehungen gesperrt wird. Wer entscheidet, wann das geschieht?

Die Meldung ist doch aktive Tourismusförderung, denn sie kündet halbstündlich, landesweit und dazu kostenlos auch im Flachland davon, dass bei uns im Gebirge Schnee liegt. Aber Spaß beiseite: Es gibt im Kreis einige Straßen, die bei starkem Schneefall und Schneeverwehungen nur mit extrem hohem Aufwand offengehalten werden können. Der zuständige Straßenmeister entscheidet, ob das notwendig ist. Wenn wir Straßen aufgeben, geschieht das aber immer nur dann, wenn die Bewohner der betreffenden Orte Alternativen haben. Die Bürger wissen das. Kurz zusammengefasst: Wir geben Straßen, aber keine Ortschaften auf.

Das Gespräch führte Maik Brückner.