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„Wir haben dort Munition gefunden“

Gerhard Janke lebte in Spansberg, als der Krieg zu Ende ging. Die Geschichte über Nazi-Relikte im Dorftümpel wühlt ihn auf.

© Eric Weser

Von Eric Weser

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Gröditz. Gerhard Janke kramt. Mit den Fingern durchsucht der Gröditzer sein Archiv nach den wenigen Fotos, die er von damals hat. Auch in seinem Gedächtnis stöbert er. Sucht nach Erinnerungen an jenes Frühjahr 1945. Dass der 79-Jährige gerade viel an diese Zeit denkt, hat mit einer Geschichte über den Dorftümpel zu tun. Darin sollen vom Volkssturm kurz vor Kriegsende Nazi-Relikte, darunter Waffen und Orden, versenkt worden sein (SZ berichtete).

Gerhard Janke (l.) ist 1944 in Spansberg eingeschult worden (kl. Foto, Janke 2. v. r.). Die Geschichte über im Dorfteich versenkte Volkssturm-Waffen und Nazi-Orden weckt bei ihm Erinnerungen an seine Erlebnisse aus dieser Zeit.
Gerhard Janke (l.) ist 1944 in Spansberg eingeschult worden (kl. Foto, Janke 2. v. r.). Die Geschichte über im Dorfteich versenkte Volkssturm-Waffen und Nazi-Orden weckt bei ihm Erinnerungen an seine Erlebnisse aus dieser Zeit. © privat
Die Teich soll Nazi-Überreste und Munition sowie Waffen vom Volkssturm 1945 beherbergen.
Die Teich soll Nazi-Überreste und Munition sowie Waffen vom Volkssturm 1945 beherbergen. © Eric Weser

Der Bericht hat Gerhard Janke aufgewühlt. Denn der ehemalige Stahlwerker, der seit Langem mit seiner Frau in einer Neubauwohnung im Gröditzer Musikerviertel zu Hause ist, hat damals in Spansberg gelebt. „Das bin ich“, sagt er und zeigt Schwarz-Weiß-Fotos. Vier Steppkes mit Zuckertüte sieht man darauf, Gerhard Janke ist einer davon. 1944 sei er in die Dorfschule gekommen, erzählt der Senior.

Es war das Jahr, in dem die Alliierten in der französischen Normandie landeten. Von Russland her rückte die Rote Armee vor, um Hitlerdeutschland zu besiegen. Ein Dreivierteljahr nach Gerhard Jankes Einschulung, April 1945: Der Krieg steht vorm Ende. Auch in der Region wird das spürbar. Gerhard Janke, seine Schwestern und die Mutter wollen wie viele andere vor den aus Osten herannahenden Sowjettruppen gen Westen über die Elbe flüchten. Nur das Nötigste hätten sie dafür auf einen kleinen Wagen gepackt, erzählt Janke. Dann sei es zu Fuß zur Gohrischheide gegangen. Das Ziel: Lorenzkirch. Über die dortige Behelfsbrücke wollten sie auf die andere Elbseite. „Aber weit sind wir nicht gekommen.“ Noch in der Gohrischheide sei die Familie auf NS-Schergen getroffen. „Die haben uns zurückgeschickt.“ Wieder in Spansberg angekommen, habe die Familie ihre Wohnung leergeräumt vorgefunden.

Nur wenig später seien die Sowjets dann tatsächlich in Spansberg einmarschiert. Gerhard Janke berichtet von einer Panzersperre unweit seines damaligen Elternhauses, die aber extra offengelassen worden sei. Er und seine Familie seien im Armenhaus des Orts untergebracht gewesen, erzählt Gerhard Janke. Dort habe er erlebt, wie ein Soldat die Mutter in ein anderes Zimmer schleifte, um sich an ihr zu vergehen. „Meine Schwestern und ich haben uns an die Mutter geklammert“, sagt er. Von einem Soldaten habe er eine mit dem Revolver übergezogen bekommen.

Vater war in Norwegen

Eine „schwere Zeit“ nennt Janke die Jahre. Der Vater sei im Krieg gewesen, unter anderem in Norwegen. „Von ihm hatte ich nichts, nur ein Buch über Lappland.“ Erst einige Jahre nach Kriegsende sei sein Vater aus der Gefangenschaft zurückgekehrt.

Was den Spansberger Dorfteich angeht, erinnert sich der Rentner, dass er nach Kriegsende dort beim Spielen mit anderen Kindern Munition gefunden hat. Wie die dahin gekommen war, darüber habe er sich seinerzeit keine Gedanken gemacht.

Weil Gerhard Janke das Ganze nicht loslässt, hat er sich umgehört, wer noch lebt und etwas wissen könnte. Viele seien es nicht mehr, bilanziert er. Ein Spielkamerad von damals, der noch lebt, habe aber gleich bestätigt, dass im Teich etwa Waffen versenkt worden seien, sagt Gerhard Janke.

Und auch aus Spansberg gibt es mittlerweile einen Hinweis, dass das stimmt. Denn schon kurz nach dem Krieg hat offenbar die Feuerwehr den Teich entschlammt. „Dabei kamen auch Karabiner (ein Gewehr, Anm. d. Red.) zum Vorschein“, berichtet ein Spansberger, der anonym bleiben will, unter Berufung auf seinen verstorbenen Vater. Wohin die Funde gelangt sind, wisse er nicht, sagt der Mann. Ein Geheimnis sei das alles aber nicht.

Dass es sich um eins handelt, hatte ein ehemaliger Anwohner in einer E-Mail an die SZ-Redaktion geschrieben. Er wolle die Information nach Jahren endlich preisgeben, hatte der Absender, der ebenfalls anonym bleiben will, geschrieben. Seine Hoffnung, dass sein Hinweis 73 Jahre nach Kriegsende nun historisch wertvolle Funde ermöglicht, dürfte also vergebens sein. Immerhin: Bei Gerhard Janke hat die Geschichte intensives Erinnern ausgelöst. „Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein“, sagt der Gröditzer.