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Wir kommen im Dreivierteltakt

Die Dresdner Band Garda macht aus Popsongs fluffige Walzer. Die Musiker selbst können zwar nicht tanzen, hoffen aber, dass es ihr Publikum tut.

© kairospress

Von Andy Dallmann

Der räudige Sessel schimmert plötzlich samten, die Stehlampe kopiert überzeugend einen Kristalllüster, die Tabakkrümel im Aschenbecher fangen an zu tanzen. Geschickt wie gezielt eingesetzte Musik verändert Wahrnehmung, Stimmung und manchmal sogar ganze Räume. Die Dresdner Band Garda hat das bereits erfolgreich in ihrem Probenkeller getestet und stellt am Freitag – so zumindest ist es geplant – die Traditionen des Dresdner Beatpols auf den Kopf. Genau genommen wirbeln sie diese mit einem Salto zurück auf Anfang. Die Folkrocker setzen für eine einzige Show komplett auf den Dreivierteltakt, bitten forsch zum Nachtwalzer und kalkulieren erhöhten Bewegungsdrang seitens der Gäste ausdrücklich ein.

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Ein Experiment mit offenem Ausgang. Denn in dem für sein erlesenes Live-Programm landesweit bekannten Konzertsaal im Stadtteil Altbriesnitz, der bis 2006 Star Club hieß und als solcher 1990 ans Netz ging, wurde schon lang nicht mehr getanzt. Obwohl genau diese Art Vergnügung die ursprüngliche Bestimmung des Hauses war. Bevor es Kino, Wohnungsverwaltungsbüros und Kita beherbergte, hatte es ein Gastwirt Ende des 19. Jahrhunderts als Ballsaal eröffnet. Stuckzierrat an der Decke, Empore, Säulen überlebten alle Umbauten, verpassen dem Beatpol seinen speziellen Charme und spielen im Nachtwalzer-Konzept eine wichtige Rolle. Geschickt platziertes Licht, ein für den Beatpol unüblicher Aufwand bei der Dekoration, und schon steht der rustikale Rock ’n’ Roll-
Laden im schnieken Abendkleid da.

Umweg über Japan

Garda selbst bläst sich zur Feier des Abends auf. Ein Streichquartett verstärkt das sechsköpfige Stammteam und sorgt für den nötigen Schmelz im Sound. Und nicht nur das. „Die vier werden das Ganze mit klassischen Walzern eröffnen“, sagt Garda-Frontmann Kai Lehmann. „Die Band kommt später dazu und klinkt sich ein.“ In der Dreikönigskirche übten sich Garda und Streicher schon einmal sehr erfolgreich im Zusammenspiel. Doch jetzt liegt die Latte einen Meter höher. Schließlich ergänzen Cello, Bratsche und Geigen-Doppel nicht einfach die Songs der Band, alle zusammen erfinden das gesamte Material neu. „Es war gar nicht so schwierig, die Nummern umzuarrangieren und auf einen Dreivierteltakt zu setzen“, erklärt Lehmann. „Die Texte der neuen Rhythmik anzupassen, das war die Herausforderung, bei der ich schon mal an meine eigenen Grenzen geschrammt bin.“ Und Drummer Ronny Wunderwald ergänzt: „Weil es am Ende nicht nach Musikschule Fröhlich klingen soll, haben wir heftig an allem gefeilt. Unser eigener Anspruch hat uns angetrieben.“

Der allererste Schubs in diese Richtung kam jedoch von außen und traf nur, weil die Band unbedingt nach Japan wollte. Kai Lehmann: „Nachdem dort auch unsere zweite Platte veröffentlicht worden war, wollten wir dem Label beistehen und uns zugleich einen Traum erfüllen. Das Problem war nur die Finanzierung des Trips.“ Keine Flugkostenübernahme, keine Gagen, keine Übernachtungen, keine Verpflegung; wer kein Star ist, muss in Japan alles selbst bezahlen. Wenigstens buchte die japanische Plattenfirma sieben Klubs und hatte damit eine Tour zusammen. Das
Goethe-Institut fand das Kulturexport-Vorhaben der sechs Sachsen förderwürdig und machte für die Garda-Tour schon mal 6.000 Euro locker, fehlten noch rund 4.000 Euro. Über eine Crowdfunding-Aktion spielte die Band den Rest ein und hatte sich zudem die Walzernacht im Beatpol eingebrockt.

Einen Top-Spender, der bereit wäre, allein 1.000 Euro zu berappen, versuchte die Band mit einem Konzert zu locken. Und das funktionierte ratzfatz. Werner Griesshaber, Unternehmer und im Beatpol-Umfeld aktiv, schlug zu. „Unter die Freude mischte sich ein bisschen Furcht, dass wir nun einfach noch mal unser normales Set spielen sollen“, so Kai Lehmann. „Doch glücklicherweise hatte er unser Kirchenkonzert mit den Streichern gesehen und ganz andere Pläne.“ Der Mann wollte Garda auf den Walzer bringen und den Beatpol wenigstens einmal noch als Ballsaal glänzen sehen. „Wir fanden das erst schräg, waren dann aber schnell Feuer und Flamme“, erklärt Ronny Wunderwald. „Jetzt sind wir sehr gespannt, was am Freitag passiert.“ Kollege Lehmann, der weder Walzer noch überhaupt tanzen kann, hofft schon mal auf Publikum, das nicht stillhält. „Wenn die Leute tanzen, würden sie sich auf das Experiment einlassen, das wäre klasse. Dann gäbe es die erwünschte Symbiose zwischen Band, Publikum und diesem alten Ballsaal.“ Wer fehlt, lässt sich vor allem eine einmalige Gelegenheit entgehen. „In Dresden werden wir das garantiert nicht noch mal machen“, versichert Kai Lehmann. „Obwohl es schon eine Anfrage von den Elbhangfest-Machern gab.“

Selbst ein überwältigender Erfolg würde nichts an dieser Entscheidung ändern. Ronny Wunderwald: „Man macht sich doch unglaubwürdig, wenn man ein Experiment ankündigt und das Ganze wenig später in derselben Stadt wiederholt.“ Eine Neuauflage des Nachtwalzers in der Semperoper wäre immerhin noch eine Option, Walzer-Gastspielreisen würde er sich sogar ausdrücklich wünschen. In Wien regt sich bereits großes Interesse. Und in zwei Jahren, da sind sich beide sicher, reist Garda wieder nach Japan. Dann vielleicht zur Abwechslung mit einem Walzerprogramm.

Nachtwalzer – Garda und Streichquartett, 4.4., 21 Uhr, Beatpol, Dresden; Karten für 18,70 Euro im Vorverkauf