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„Wir müssen mit den Kriminellen mithalten können“

© Ronald Bonß

Babybrei-Banden, Schleuser-Hooligans und Fälscher: Der Kripo-Chef der Bundespolizei Pirna spricht über seine Fälle.

Kaum einer kennt sie, und doch macht die Kriminalpolizei der Bundespolizeidirektion Pirna immer wieder Schlagzeilen. Seit zehn Jahren gibt es die Behörde in Halle an der Saale mit Außenstellen in Dresden und Leipzig. Sie ist für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt zuständig. Markus Pfau ist Chef der Inspektion Kriminalitätsbekämpfung mit 150 Ermittlern.

Markus Pfau leitet bei der Bundespolizei die Inspektion Kriminalitätsbekämpfung. © Ronald Bonß

Herr Pfau, was ist der bisher größte Kriminalfall Ihrer Behörde?

Wir hatten über 100 Verfahren gegen organisierte Banden und einige Leuchtturmfälle. Dabei sind insgesamt 325 Jahre Haftstrafen zusammengekommen. Herausragend war das Ermittlungsverfahren „Kina“ für Kindernahrung, bei dem wir im Januar 2017 eine internationale Diebesbande zerschlagen haben. Seit 2016 hatten wir gegen georgische Täter ermittelt, die sich bandenmäßig mit Schwerpunkt Dresden und Ostsachsen durch Mitteldeutschland bewegten. Dabei stahlen sie vor allem Kindernahrung in Drogeriemärkten, unter anderem an Bahnhöfen. Das Diebesgut wurde an vietnamesische Hehler verkauft.

Wie lässt sich ausgerechnet mit Kindernahrung so viel Geld verdienen?

Für Milchpulver und Babybrei gibt es einen großen Markt in Asien vor allem in China. Dort gab es einen Skandal um gepanschte Milch und Milchpulver. Die Bevölkerung vertraut der heimischen Säuglingsnahrung nicht mehr, deshalb werden Produkte aus Deutschland zu hohen Preisen gekauft. Die georgischen Täter hatten teilweise einen Asylantrag gestellt, um Unterkunft in einem Heim zu bekommen. Sie bleiben ein halbes bis dreiviertel Jahr. So ist ein gewisser „Personalaustausch“ gewährleistet. Man muss sich das so vorstellen: Die setzen sich morgens in Dresden ins Auto und kommen abends mit einem Kofferraum voll Diebesgut zurück. Wir haben 25 Täter gestellt. Sie wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Warum ermitteln in solchen Fällen Sie und nicht die Polizei Sachsen?

Weil bahn- und grenzpolizeiliche Fragen berührt sind, also im Bereich von Bahnhöfen, Zugstrecken und entlang der Grenze. Wenn das zutrifft, ist die Bundespolizei zuständig. Ähnlich war es bei einem anderen großen Fall. Er begann mit der Kontrolle eines Kleintransporters auf der A4 bei Görlitz. Darin saßen auf den ersten Blick rumänische Arbeiter. Tatsächlich waren es Moldauer mit falschen Papieren. Wir haben die Struktur des Netzwerks ermittelt und festgestellt, dass es sich um Täter aus Norddeutschland handelt, die die Migranten als Arbeitskräfte eingeschleust haben.

Für die Auftraggeber scheint das sehr lukrativ zu sein ...

Da werden hohe Profite erwirtschaftet. Die Migranten haben unter ausbeuterischen Bedingungen im Sicherheitsgewerbe gearbeitet, als Pförtner bei großen Firmen, aber auch in Asylheimen. Dahinter stehen grenzüberschreitende Netzwerke, die Leute gezielt reinholen, um sie illegal arbeiten zu lassen. Das geht immer zulasten des Sozialstaats und all jener Firmen, die sich regelkonform verhalten. Mit 800 Beamten haben wir im Mai 30 Objekte durchsucht und drei Hauptbeschuldigte verhaftet. 40 illegal eingereiste Moldauer wurden festgenommen und abgeschoben. Die Methoden gibt es auch im Baugewerbe, bei Paketdiensten oder in der Gastronomie.

Babybrei-Diebe, illegale Arbeitsmigranten: Wenn Sie einen Schwerpunkt ihrer Ermittlungen definieren müssten, ...

... dann liegt der bei der international organisierten Schleusungskriminalität. Das macht 80 Prozent unserer Arbeit aus. Der Rest sind klassische Ermittlungen, hauptsächlich bei Eigentumsdelikten, also Diebstählen an Bahnhöfen. Bei Schleuser-Fällen arbeiten wir auch mit Kollegen aus anderen Ländern in gemeinsamen Ermittlungsgruppen. Zum Beispiel im Fall eines Schleusernetzwerkes aus Polen, dass wir zusammen zerschlagen haben. Dahinter steckten zehn Täter aus der Hooliganszene im Umfeld des Fußballvereins Wisla Krakau.

Fußball-Hooligans als Schleuser?

Ja, sie hatten zu den Hoch-Zeiten im Jahr 2015 Hunderte Migranten über die Balkanroute nach Deutschland geschleust. Diese Form der Kriminalität wächst wieder, seitdem die Route versperrt ist. Davor brauchte man nicht unbedingt Schleuser, weil man einfach nach Mitteleuropa kommen konnte. Jetzt hat sich das Schleusergeschäft revitalisiert. Je schwerer eine Grenze zu überwinden ist, desto stärker ist die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen.

Ihre Ermittlungseinheit gibt es in dieser Form seit zehn Jahren. Wie hat sich die Kriminalitätslage seither verändert?

Deutlich. Das hat einerseits mit dem Wegfall der Grenzkontrollen im Jahr 2007 zu tun. Vorher konnte man noch vieles entdecken. Jetzt sind wir eine Fahndungspolizei mit Schwerpunkt Schleusungen und organisierter Kriminalität. Beides verquickt sich immer stärker miteinander.

Wie verbinden sich Schleuser mit der organisierten Kriminalität?

Die Logistiknetzwerke werden auch für andere Taten benutzt. Schleust ein Fahrer mit dem Lkw Migranten nach Deutschland, hat er oft auch andere Dinge an Bord. Und es kommt vor, dass er auf der Rücktour Drogen, Waffen oder Hehlerware wie gestohlene Fahrräder mitnimmt. Was die Veränderungen angeht, es gibt heute völlig andere Tatmittel. Absprachen zwischen Tätern im organisierten Bereich finden im Internet statt. Früher konnte man Telefone überwachen. Die heutigen Kanäle sind nicht so leicht zu überwachen. Dazu gehört auch das Darknet.

Wie hat sich Ihre Arbeit mit Blick auf das Internet gewandelt?

Zuallererst im Bereich der Ausbildung. Wir müssen permanent unsere digitalen Kompetenzen erhöhen. Wir haben viel dafür getan, dass die Beamten wissen, wie das Darknet oder Kreditkartenbetrug im Internet funktionieren. Wir müssen mit den Kriminellen mithalten können. Auch was Technik angeht.

Das heißt Dokumente und Fotos?

Bei Durchsuchungen finden wir Datenspeicher wie Festplatten, USB-Sticks oder Mobiltelefone. Auf einem gibt es vielleicht 1 500 Bilder. Software hilft uns bei der ersten Filterung. Beim Stichwort Cyberkriminalität steht für uns das Verkehrssystem im Fokus, also Taten gegen die Deutsche Bahn, wenn Täter auf dem Schwarzmarkt Fahrkarten weiterverkaufen, die sie mit illegal erlangten Kreditkartendaten erworben haben. Noch ein neuerer Trend sind Fälschungen und Visa-Erschleichungen.

Was steckt hinter den Fälschungen?

Für gefälschte Dokumente gibt es einen Riesenmarkt. Sie werden klassisch über Mittelsmänner oder im Internet und über soziale Netzwerke gehandelt. Erst in dieser Woche haben wir in einem solchen Fall in Leipzig Wohnungen durchsucht. Mit einem Ermittlungsteam aus Deutschen und Tschechen haben wir in Griechenland die bis dahin größte bekannt gewordene Fälscherwerkstatt ausgehoben. Auch Scheinehen sind ein Thema. Die Täter sind vor allem Osteuropäer, die dafür Geld bekommen. Ein anderer Trend ist die Visaerschleichung. Wir hatten den Fall einer syrisch-polnischen Tätergruppe, die erst von Polen und später von Berlin aus agierte. Die Gruppe hatte polnische Touristenvisa für Syrer erschlichen, die dann über die Vereinigten Arabischen Emirate nach Polen einreisten und weiter nach Deutschland fuhren.

Wird sich an der Migrationsthematik bald etwas ändern?

Nein. Die Schleusungskriminalität wird sich auch in diesem Jahr ähnlich wie 2017 entwickeln. Der Migrationsdruck auf Deutschland und Europa ist weiter hoch. Es werden wieder mehr Menschen per Lkw oder Kleintransporter eingeschleust.

Interview: Tobias Wolf