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„Wir schaffen das, reicht nicht“

Die Integration von Geflüchteten kann gelingen, sagt Manja Gruhn von „Bautzen bleibt bunt“ – wenn der Kreis das will.

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© SZ/Uwe Soeder

Radeberg. Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit großer Überzeugung feststellte: Wir schaffen das! Hunderttausende Menschen kamen nach Deutschland auf der Suche nach Asyl, mehrere Tausend auch in den Kreis Bautzen. Egal ob in Radeberg, Kamenz, Bautzen oder auch in kleineren Gemeinden – überall kümmern sich lokale Willkommensbündnisse. In Radeberg und Arnsdorf ist zum Beispiel das „Bündnis Radeberger Land hilft“ aktiv. Hier werden Deutschkurse angeboten – und Veranstaltungen organisiert. Und ohne das Engagement der Ehrenamtlichen wäre die Herausforderung in jedem Fall nicht zu schaffen. Allein im Kreis Bautzen haben sich in den vergangenen Monaten bis zu einem Dutzend dieser Bündnisse gebildet. Für ein Fazit hat sich die SZ jetzt mit Manja Gruhn vom Bündnis „Bautzen bleibt bunt“ unterhalten.

Die Kanzlerin hatte ihre Aussage von vor einem Jahr unlängst noch einmal erneuert. Frau Gruhn, können Sie dem uneingeschränkt zustimmen?

Grundsätzlich ja. Wir können es schaffen. Ich würde es aber eher so formulieren, dass es möglich ist, Flüchtlinge aufzunehmen. Das braucht viel Vorbereitung. Gerade was die Bürokratie und Ämter angeht, muss sich viel ändern, um die Integration der Menschen bewerkstelligen zu können. Nur zu sagen, wir schaffen das, reicht nicht. Es muss auch heißen: Wir wollen das.

Aktuelle Fakten

In den Asyl-Unterkünften im Raum Radeberg leben derzeit 51 Flüchtlinge im Heim in der Siedlung Rossendorf sowie 54 Asylbewerber in Wohnungen in Radeberg.

Hinzu kommen 15 unbegleitete Jugendliche in der ehemaligen Kolping-Schule in Radeberg.

Das Bündnis Radeberger Land hilft gibt es seit Juni 2015 – und die ehrenamtlichen Mitglieder des Vereins kümmern sich um die Flüchtlinge. Infos: www.buendnis-radeberger-land-hilft.de

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Viele der Ehrenamtlichen sind in den Bündnissen bereits über ein Jahr dabei, anfangs gab es auch eine große Euphorie. Hält die Bereitschaft weiter an?

Im Moment stagniert es. Über das Jahr gab es allerdings eine rege Beteiligung. Es gibt viele Menschen, die sich engagieren und die dranbleiben. Aktuell haben wir allein in Bautzen 80 Paten, die sich um etwa 150 Flüchtlinge kümmern. Der Bedarf ist aber weitaus größer. Und die Paten merken, dass sie an Grenzen gelangen. Sie machen aber trotzdem weiter.

Warum gelangen sie an Grenzen?

Die Arbeit mit Flüchtlingen, ihnen zu helfen, hier anzukommen und Freunde zu finden, das macht den Paten viel Spaß. Das ist auch ihre eigentliche Aufgabe. Was die Paten so aufbraucht, sind die Bürokratie und die unzähligen Behördengänge. Im Jobcenter und anderen Ämtern müssen meist innerhalb kurzer Fristen viele Formulare und Nachweise gebracht werden. Auch Arztbesuche oder die Wohnungssuche sind mit großen Umständen verbunden. Darum kümmern sich die Paten, weil es oft niemand anderen gibt, der es sonst macht.

Kritiker werfen Angela Merkel vor, eben nie gesagt zu haben, wie wir das eigentlich schaffen sollen. Welche Forderungen stellen Sie an die Politik?

Wir haben von Anfang an gefordert, dass es eine professionelle Flüchtlingssozialarbeit gibt. Und im Moment ist die wichtigste Frage, wie wir die Menschen integrieren, die jetzt anerkannt werden. Bei dem Übergang vom Ausländeramt zum Jobcenter gibt es viele Hürden. Es würde schon helfen, die Anforderungen und Formalitäten, die auch für Deutsche schwierig sind, zu vereinfachen und in einer verständlichen Sprache zu halten. Die Ämter müssen sich besser auf die Menschen einstellen und sich untereinander besser absprechen. Ohne die Paten würde es sonst eng aussehen.

Würden Sie der Politik unterstellen, dass sie es laufen lässt, weil man weiß, da kümmern sich Ehrenamtliche?

Wir haben bis heute im Landkreis Bautzen kein Integrationskonzept. Wir sind da gegenüber anderen Kreisen hinterher. Wenn man kein Konzept hat, etwa wie Behörden sich abstimmen müssen, dann läuft es natürlich nur so nebenher. Ende September wird es ein erstes Treffen mit allen Beteiligten geben, um ein solches Konzept zu entwickeln. Das ist aber sehr, sehr spät. Sicher war die Kreisverwaltung damit beschäftigt, alle unterzubringen. Jetzt geht es aber darum, die Menschen zu integrieren.

Ereignisse wie zum Beispiel die Silvesternacht von Köln oder auch die Terroranschläge lassen aber Zweifel wachsen, dass sich alle auch integrieren lassen wollen ...

Es wird oft gesagt, dass sich viele nicht integrieren lassen wollen. Die Erfahrung der Paten ist tatsächlich aber eine andere. Sie erleben, dass die Leute, mit denen sie zu tun haben, wollen. Sie wollen Deutsch lernen, einen Job finden und sie wollen hier ankommen.

Die Paten erreichen aber nicht alle ...

Sicher gibt es welche, denen es schwer fällt, die nicht wollen. Es gibt Flüchtlinge, die öfter zum Deutschkurs kommen sollten und es ablehnen. Das ist ärgerlich. Aus meiner Sicht ist das nicht die Mehrheit.

Das zieht durchaus Risiken nach sich. Wie lässt sich damit umgehen?

Viele haben Schwierigkeiten, sich in unser geregeltes System hinein zu versetzen. Es fehlt oft auch das Verständnis, dass es erst einen Schulabschluss und eine Berufsausbildung braucht, um arbeiten zu können. Deshalb ist es wichtig, dass die Wege schneller gehen, die Flüchtlinge bereits in den Heimen Möglichkeiten haben, sich auszuprobieren und über direkte Kontakte an Informationen zu gelangen.

Für dieses Jahr waren im Landkreis noch bis zu 7 000 Geflüchtete erwartet worden, jetzt sind es deutlich weniger. Für den Fall, dass es anders gekommen wäre: Hätten wir das auch geschafft?

In der Zeit, als jede Woche bis zu 150 Menschen kamen, da war auch im Bündnis zu merken, das unsere Kraft zu Ende geht. Trotzdem haben die Ehrenamtler gesagt, man könnte das schaffen – wenn wie eben dargestellt auch die Rahmenbedingungen stimmen. Und wichtig wäre, dass sich noch mehr Kommunen als bislang im Landkreis Bautzen an dieser Aufgabe beteiligen.

Gespräch: Sebastian Kositz