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„Wir sind das Pack!“

Angela Merkel besucht die Flüchtlingsunterkunft in Heidenau und wird von aggressivem Protest empfangen.

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© Reuters

Von Sven Siebert

Als Jürgen Opitz am Montag auf den Stufen seines Rathauses die etwas flapsige Bemerkung machte, er habe nichts gegen einen Besuch der Kanzlerin – „morgen oder in zwei Tagen“ –, da ahnte er noch nichts. Nun steht der Bürgermeister von Heidenau auf dem Parkplatz vor dem ehemaligen Baumarkt, den inzwischen die ganze Republik kennt, und wartet auf Angela Merkel.

Hass schlägt Angela Merkel beim Besuch in Heidenau entgegen. Als die Wagenkolonne der Kanzlerin wieder abfährt, rufen ihr Demonstranten „Volksverräter“ hinterher und „Wir sind das Pack“. Vizekanzler Sigmar Gabriel hatte bei seinem Besuch in Heidenau die g
Hass schlägt Angela Merkel beim Besuch in Heidenau entgegen. Als die Wagenkolonne der Kanzlerin wieder abfährt, rufen ihr Demonstranten „Volksverräter“ hinterher und „Wir sind das Pack“. Vizekanzler Sigmar Gabriel hatte bei seinem Besuch in Heidenau die g © Robert Michael

Die Bundeskanzlerin kommt nicht nur in Opitz’ 16 500-Einwohner-Stadt, in der es am vergangenen Wochenende gewalttätige Proteste gegen die Einrichtung einer Notunterkunft für Flüchtlinge gegeben hatte – Merkel hält auch noch die Frist ein.

Anderthalb Stunden wird sie an diesem Tag hier verbringen. In ihren Abstecher nach Heidenau passen eine Besichtigung der Unterkunft, Gespräche mit Helfern und Flüchtlingen und ein Statement vor den Fernsehkameras. Sie verurteilt die Gewalt vom Wochenende („beschämend, was hier passiert ist“), verspricht die Einhaltung der Grundrechte („jeder hat Recht auf ein faires Verfahren“), lobt die Hilfsorganisationen („stolz, dass wir solche Strukturen haben“) und spricht den Helfern „ein herzliches Dankeschön“ aus. Und bevor sie weiterreist nach Glashütte, um dort eine Uhren-Manufaktur einzuweihen, dankt sie auch „denen, die Hass zu ertragen haben“. Zu denen zählt an diesem Tag auch sie, die Kanzlerin, selbst.

Das Baumarkt-Gelände zwischen Heidenauer Möbelfabrik und Staatsstraße 172 wird durch eine Einsatzhundertschaft der Polizei gesichert. „Hier spricht die Polizei aus Hannover“, meldet sich der Einsatzleiter über Lautsprecher. „Lagebezogen“, wie Sachsens CDU-Innenminister Markus Ulbig sagt, hat man um Verstärkung aus Niedersachsen nach Sachsen gebeten.

Hilfe von der Polizei aus Hannover

Und die Beamtinnen und Beamten haben nicht nur vier-, fünfhundert Schaulustige auf Abstand zu halten – sie geben auch freundliche Hinweise, um Dutzende Kamerateams, Reporter und Fotografen im Zaum zu halten. Russische Sender, dänische, internationale TV-Agenturen und natürlich so ziemlich alle deutschen Medien sind gekommen, um über das Ereignis zu berichten.

Schließlich ist das der erste Besuch der Bundeskanzlerin in einer Not-Unterkunft, seit die Flüchtlingskrise begonnen hat, seit sich die ohnehin hohen Zahlen der Kriegsflüchtlinge und Asylbewerber in den Sommermonaten noch verdoppelt oder verdreifacht haben. Vor allem ist es der erste Besuch nach Tagen, in denen ein sichtbares Zeichen der Regierungschefin erwartet wurde, mit dem sie sich von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit distanziert. Nach einigem Zögern rief man aus dem Bundeskanzleramt am Dienstag Jürgen Opitz an, der am Tag zuvor schon Besuch von SPD-Vizekanzler Sigmar Gabriel erhalten hatte.

Opitz, Ministerpräsident Stanislaw Tillich und DRK-Präsident Rudolf Seiters (alle CDU) stehen in der stechenden Mittagssonne, Innenminister Ulbig reibt sich nervös die Hände. Merkels schwarze, gepanzerte Limousine fährt vor. Von der anderen Seite der Staatsstraße, vom Parkplatz des Einkaufszentrums, schallen Rufe – „Volksverräterin!“ – herüber. Auch viele der paar Dutzend Bürger, die es bis auf den Vorplatz der Unterkunft geschafft haben, rufen „Buh!“. Einer macht Handyfotos der Kanzlerin und brüllt zugleich: „Politikerpack!“. Und ein anderer schreit: „Für alles ist Geld da, nur für die eigenen Leute nicht!“

Merkel und die Herren lassen sich nichts anmerken. Händeschütteln, freundliche Worte – dann verschwindet die Delegation hinter dem planenverhangenen Stahl-Gatter, das die Flüchtlingsunterkunft vom Parkplatz trennt.

„Draußen ist das Leben gefährlich“

Exakt 90 Minuten verbringt Merkel in der Notunterkunft. In der ersten Etage, wo die Schlafquartiere sind, wird sie von vielen der 575 Flüchtlinge empfangen, die derzeit in Heidenau untergebracht sind. Merkel wird mit Applaus begrüßt, wie Zeugen des Besuchs berichten. Menschen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und anderen Ländern machen Handy-Fotos, bitten um die Gelegenheit für Selfies mit der Bundeskanzlerin, Kinder werden in die Luft gehoben – der Kanzlerin kommt Freundlichkeit und wohl auch Dankbarkeit entgegen.

Jawadahmad, ein 16-jähriger Junge aus Kabul, hat vorher draußen vor dem Tor in gebrochenem Englisch erzählt, dass es ihm im Baumarkt gut gehe. Dass er gut behandelt werde, dass die Stimmung zwischen den Männern, Frauen, Jugendlichen und Kindern gut sei. Aber draußen, sagt er und deutet vage in die Richtung der Protestierer, „ist das Leben gefährlich für uns“. Jawadahmad wäre gerne in einer anderen Stadt in Deutschland.

Drüben auf der anderen Seite stehen Schaulustige und Protestierer – alles ist dort vertreten, Alt und Jung. Überwiegend aber sind es junge Männer, die „Volksverräter!“ und „Lügenpresse!“ rufen und die jedem Auto applaudieren, das hupend an der Flüchtlingsunterkunft vorbeifährt.

Motorisierter Mob darf straffrei Dauerhupen

Eine ganze Menge Autofahrer sind einem Aufruf im Internet gefolgt, ihren Widerstand gegen die Flüchtlinge im Ort durch Dauerhupen auszudrücken. Es sind Autos mit PIR und DD auf den Nummernschildern, es sind große und kleine Autos, teure und weniger teure. Auch mindestens zwei Wagen der Dresdner Dienstleistungsfirma „Vester“ fahren gleich mehrfach am Gelände vorbei und hupen.

Das ist auch drinnen zu hören, wo sich die Kanzlerin nach der Belastung der Helfer erkundigt, wo sie über all die überflüssigen Flüchtlingstransporte zwischen Unterkünften und Registrierungsstelle, zwischen Lagern und medizinischen Untersuchungen den Kopf schüttelt.

Als alles vorbei ist, als der Berliner Regierungskonvoi wieder abgerauscht ist, wird Bürgermeister Opitz gefragt, ob der Besuch nicht nur Symbolpolitik sei, die keine konkreten Verbesserungen bringe. Opitz zuckt mit den Schultern. Die Alternative wäre, sagt er, „dass sich kein Schwein um uns kümmert“. Da ist ihm die Aufregung offensichtlich lieber. Ministerpräsident, Vizekanzler, Kanzlerin, Interviews, Live-Schaltungen und Talkshows – alles in vier Tagen. Kann er noch gut schlafen? Ja, sagt Opitz, nur zu wenig.