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„Wir sind vor Schmerz zerrissen“

Wie erträgt man das, wenn die eigene Tochter entführt und ermordet wird? Jetzt redet der Vater der 17-jährigen Anneli Riße aus Robschütz. Er und seine Familie möchten dem Grauen etwas Besonderes abgewinnen.

Von Ulf Mallek

Der Herbstwind lässt die fast noch grünen Blätter tänzeln über dem Grab auf dem Kirchhof in Sora bei Meißen. Unzählige frische Blumen und Gestecke liegen rund um die große schwarze Granitplatte mit dem Holzkreuz. Das Licht der vielen Kerzen flackert.

Hier in Sora sind die Rißes und ihre Vorfahren begraben. Die Familie stammt aus der Lommatzscher Pflege, ist in der Region tief verwurzelt. Ein Familienmitglied war Offizier bei der Wehrmacht, musste eine lückenlose Ahnentafel vorlegen. Daher weiß die Familie eine ganze Menge von ihren Vorfahren. Gutsbesitzer Paul Riße starb 1944, Frieda Riße vier Jahre später.

Nun liegt hier auch Anneli-Marie, seit Ende August. Mit 17 musste sie sterben. Es war Mord.

„Wir können uns nicht vorstellen, wie unsere Tochter ums Leben gekommen ist“, sagt ihr Vater Uwe Riße. „Wir möchten es aber wissen. Ganz genau wissen.“
Als könnte diese Gewissheit den Schmerz lindern. Heilen wird sie ihn nicht.

Uwe Riße, ein 57-jähriger erfolgreicher Bauunternehmer, sitzt am dunklen Holztisch im Arbeitszimmer seines Hauses, oben auf dem Berg in Robschütz. Seine Frau Ramona, 54, neben ihm. Sie haben lange überlegt, haben gezögert, jetzt sind sie bereit für ein Gespräch mit der SZ, erstmals bereit, öffentlich zu erklären, wie es ihnen geht.

Beide tragen Schwarz. Fünf Wochen nach der Beisetzung. Das ganze Haus atmet Trauer. „Es gibt keine irdische Gerechtigkeit für diesen Mord“, sagt Uwe Riße. „Manchmal“, sagt seine Frau, „kommt uns schon der Gedanke an Rache.“ Doch diese Rache wird anders sein.

Die Jagdhündin Paula bellt im Zwinger. Mit ihr war Anneli unterwegs am 13. August. Ein sonniger heißer Tag. Anneli hat Ferien. Es sind die letzten freien Tage vor dem Beginn der zwölften Klasse am Gymnasium in Nossen. Der Schulrucksack ist frisch gewaschen, das Abitur schon in Sichtweite.

Anneli hilft auch an diesem Tag beim Vater in der Firma. Ihr Zimmer ist frisch renoviert, deshalb schaut sie sich am Nachmittag mit ihrer Mutter nach neuen Möbeln um. Deshalb gibt es etwas später Abendessen als gewöhnlich, vielleicht um 19 Uhr oder 19:15. Die drei sitzen auf der Terrasse, erzählen sich von ihrem Tag. Wie immer. Für die Rißes ist das ein wichtiges Ritual, das abendliche gemeinsame Essen und Erzählen.

„Papa“, sagt Anneli, „kannst du nicht mal den Hausmeister schicken, damit er meine neue Lampe anbringt?“ „Mach ich gleich selbst“, sagt der Vater und holt das Werkzeug. Anneli ruft nach Paula und macht sich mit der Hündin auf zur Abendrunde über den Berg Richtung Luga und wieder zurück. Die dauert eine halbe Stunde vielleicht. Der Vater schraubt die Lampe an, geht dann noch mal hinunter in den Garten, den Rasen gießen. Er hört das Telefon, läuft zum Handy, aber der Anruf ist wieder weg. Er schaut aufs Display: Anneli.

Der Vater ruft zurück. Ein Mann mit schwäbischem Akzent sagt „Hallo“. Ist Anneli gestürzt?, fragt sich der Vater. Doch der Mann sagt, er habe Anneli in seiner Gewalt und er fordert 1,2 Millionen, sonst komme sie nach Polen. Das reimt sich ja, denkt Uwe Riße. Ein makabrer Scherz. „Lire oder Kieselsteine?“, fragt er zurück. Das sei kein Spaß, sagt der Mann. Er ist, wie sich später herausstellen wird, Markus B., ein 39-jähriger überschuldeter Familienvater. Er wohnte bis vor Kurzem auf einem Hof im Nachbarort Lampersdorf, zog dann zurück nach Burgebach in Bayern, kaufte dort ein Haus für 350 000 Euro. Das Haus, in dem er später verhaftet wird.

Dann hört Uwe Riße einen Schrei seiner Tochter aus dem Telefon. Der Mann sagt, dass er sich wieder melden wird und legt auf. Es ist kurz vor 20 Uhr.

Uwe Riße ist wie erstarrt. Was tun? Er schnappt sich den Autoschlüssel und rast los. Er ruft seiner Frau schnell zu: „Anneli ist entführt, ruf die Polizei an.“ Riße fährt über Nebenstraßen in Richtung Meißen, denkt, er kann die Entführer finden und stellen. Dann steht er in Meißen vor dem Schottenbergtunnel und fragt sich, was er hier eigentlich soll. Er fährt zurück, ruft die Polizei an, um sich zu erkundigen, ob der Notruf eingegangen ist. Ja, sagt die Polizei, wir sind unterwegs.

Uwe Riße am dunklen Holztisch macht eine Pause und schaut seine Frau an, sie senkt den Blick. Draußen plätschert das Wasser im Brunnen. Der zweite, kleinere Familienhund, Lucy, rennt gereizt hin und her. Die Rißes besitzen das letzte Haus oben auf dem Berg. Es steht eingebettet in eine Siedlung. So fühlen sich die Rißes auch, eingebettet in die Dorfgemeinschaft, in die Region. Es gibt aber einen Unterschied zu den Nachbarn: Die Rißes sind reich. Auf ihrem Grundstück stehen mehrere Autos. Es ist auch nicht ihr einziges Haus, sie besitzen ein beachtliches Immobilienvermögen. „Häuser zu bauen ist meine Leidenschaft“, sagt Vater Riße. „Ich arbeite gern.“ Er räuspert sich. Seine Frau schenkt tiefschwarzen Kaffee ein.

Nach der erfolglosen Suchaktion fährt Riße wieder nach Hause. Er versucht noch einmal, Anneli anzurufen, hat auch kurz Kontakt, hört Radiomusik im Hintergrund. Vermutlich ein Autoradio. Dann bricht die Verbindung ab, Annelis Telefon wird ausgeschaltet und nie wieder angeschaltet.

Ich muss Spuren sichern, fällt ihm ein. Er holt sich Flatterband, sperrt die Straße und Wege ab. Er möchte der Polizei helfen. Dann läuft er los, um Annelis Fahrrad und den Hund zu suchen. Er findet beides. Nicht weit vom Haus. Den angeleinten Hund bindet er vorsichtig los und geht zurück nach Hause. Da kommen schon die ersten Polizisten aus Meißen. Es ist kurz nach 20.30 Uhr. Später rücken noch Kripobeamte vom Landeskriminalamt an, Ermittler und Spurensicherer. Sie machen einen professionellen Eindruck, denkt Riße. Das Haus ist voll mit Polizei.

Gegen neun trifft eine Voicemail ein. Die Botschaft lautet: Wir sind in Tschechien angekommen, stellen Sie morgen die 1,2 Millionen bereit, sonst sehen Sie Ihre Tochter nicht wieder. Der Täter versucht, einen tschechischen Akzent nachzuahmen. „Das Geld zu beschaffen, war unsere nächste Aufgabe“, erzählt Uwe Riße. Nachts geht das nicht. Früh um sieben lässt er die freien Barmittel auf seinen Konten bei verschiedenen Banken ermitteln, um sie dann abzuheben. Die Aktion dauert bis Freitagmittag. Er packt das Geld in Annelis Reisetasche. Das soll ein Zeichen sein für Anneli. Das Zeichen, wir sind bei dir. Wir tun alles, was sie verlangen, um dich zu schützen.

Inzwischen gibt es wieder einen Anruf. Freitagmittag. Das Geld soll nun nach Malta oder Malaysia überwiesen werden. Ganz klar ist das nicht. Die Frage nach einem Lebenszeichen von Anneli beantwortet der Täter so: „Sie ist auf dem Weg in die Ukraine.“ Riße solle bei Facebook nachschauen, wie es mit der Geldübergabe weitergeht.

Das Landeskriminalamt, das mit zwei bis vier Beamten in Zwölf-Stunden-Schichten bei Rißes zu Hause sitzt, durchstöbert Facebook auf der Suche nach einem Hinweis, nach einer Kontonummer. Nichts zu finden. Die Banken haben übers Wochenende geschlossen, der Täter werde sich sicher am Montagfrüh melden, sagen die Polizisten. Bei jedem Schichtwechsel müssen sie das Geld in Annelis Reisetasche zählen. Sie verbringen Stunden damit.

Uwe Riße am dunklen Tisch schaut auf sein iPhone. Es summt und brummt ständig. Er ist wieder in seinem Job, geht arbeiten, versucht, seine Firma weiter zu führen, so gut es geht. Doch er drückt die Gespräche weg. Sein Leben ist völlig anders seit dem 13. August. Eines aber ist geblieben und sogar noch gewachsen: Der Zusammenhalt der Familie.

Am Freitag, dem Tag nach Annelis Entführung, kommen ihre Geschwister Anett und Oliver mit ihren Familien ins Haus. Inzwischen ist die Polizei ein ganzes Stück weitergekommen. Nach der erfolglosen Aktion am Freitagmorgen in Luga, als Spezialkräfte ein Gehöft stürmen, weil ein Fährtenhund dort Annelis Spur verloren hat, findet sich ein Hinweis zu den beiden Tätern. Eine DNA-Spur von Annelis Fahrrad ist Sonntagmittag isoliert, eine zweite Telefonnummer ist entdeckt, Telefonate zwischen den Tätern werden abgehört. Der Hof in Lampersdorf wird observiert. Montagfrüh stürmen Polizisten die Dresdner Wohnung des zweiten Täters: Norbert K, ein 61-jähriger, ebenfalls verschuldeter Schrotthändler. Markus B., der erste Täter, wird kurz danach in Bayern festgenommen. Die Suche nach Anneli geht weiter. Dann, am Montagnachmittag, gibt Norbert K. in einem Verhör den Hinweis: Annelis Leiche liegt auf dem Dreiseitenhof in Lampersdorf.

Den „Mörderhof“, wie sie ihn nennen, haben Uwe Riße und seine Frau nie betreten. Auch nicht, als ihnen die Polizei am späten Montagabend die Wahrheit sagt. Der Vater ist später einmal mit dem Auto hingefahren, hat angehalten, konnte aber nicht aussteigen. „Diesen grausigen Ort wollte ich nicht sehen.“

Ihre Tochter, sagen die Ermittler später, habe keine Chance gehabt. Die genaue Todesursache steht nach langen gerichtsmedizinischen Untersuchungen inzwischen fest. Die Rißes kennen sie, dürfen aber nicht darüber reden. Die Polizei möchte das so. Noch laufen die Ermittlungen. Markus B. schweigt, Norbert K. hat ein Teilgeständnis abgelegt. Uwe Riße hat ihnen einen Brief geschrieben, in jener Montagnacht, nachdem Anneli tot gefunden worden war. Notdürftig verscharrt hinter einer Scheune. Die Täter waren in Eile, es war, so vermuten die Ermittler, nur ein Übergangsversteck. Riße schreibt sich in dem Brief, eine Kopie hat er aufgehoben, seine Verachtung für die Täter von der Seele. Seine Frau und die Kinder haben mit unterschrieben.

Damals wie heute, sagt Uwe Riße, sehe er den Mord auch als Angriff auf seine ganze Familie. „Wir haben mit unserem Fleiß einen Anlass für diese schreckliche Tat gegeben. Der Mord an Anneli war auch ein Anschlag auf mich als Unternehmer, auf meinen wirtschaftlichen Erfolg.“

Welche Lehre sollte man daraus ziehen? Nichts mehr tun? Alles hinschmeißen? Riße hat daran gedacht. Sein Vermögen habe er sich nicht ergaunert, wie er sagt, auch nicht ererbt, er habe es sich mit seiner Frau über 35 Jahre lang erarbeitet. Auch Anneli hat dafür schon als kleines Kind ihren Beitrag leisten müssen, der Papa hatte weniger Zeit für sie als andere Väter. „Wir nehmen alle nichts mit von dieser Welt“, sagt Riße. „Es bleibt alles hier.“ Deshalb spenden die Rißes für ihr Dorf und die Region. Schon immer, seit dem 16. Jahrhundert. Als Gutsbesitzer wollten sie das soziale Umfeld stärken, dafür sorgen, dass Frieden am Zaun herrscht, sagt Riße.

Das macht die Unternehmerfamilie heute noch so. Sie treffen sich einmal im Monat, nur die Eltern und Kinder, und sprechen über Pläne. Anneli war immer dabei und mischte sich ein. „An dem Kind war etwas Besonderes“, sagt Uwe Riße. Anneli war musikalisch, spielte Klavier, war sprachbegabt, der Dolmetscher für die Familie in allen Urlauben, egal wo. Die Familie sucht jetzt alle Unterlagen, Fotos, Erinnerungsstücke von Anneli zusammen. Es gilt, eine unfassbare Leere zu füllen. „Wir sind vor Schmerz zerrissen“, sagt der Vater. „Es tut höllisch weh, ist ein allumfassender körperlicher Schmerz. Noch heute.“ Die große Anteilnahme hilft ihnen, das Leid zu ertragen. „Danke dafür allen“, sagt Riße. Auch Annelis Mitschüler am Gymnasium leiden mit der Familie, haben eine Denkschrift für Anneli verfasst. „Mit uns, lebst du!“, heißt es darin.

Um an die Tochter zu erinnern, möchte die Familie ein musikalisches Kunstprojekt auf den Weg bringen, jährlich wiederkehrende Workshops für Jugendliche. Nächstes Ostern soll die Engels-Figur auf dem Familiengrab in Sora fertig sein. Ein weißer lebensgroßer Engel aus Marmor. Dafür werden auch die eingegangenen Spenden verwendet. Anneli ist – symbolisch – wiedergeboren. Möge dieser schöne Engel uns alle beschützen. Das ist die Botschaft.

Das Andenken an Anneli werde Jahrzehnte oder Jahrhunderte überdauern, sagt Vater Riße.