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Wir waren Bundesregierung

Der Innenminister räumt seinen Posten und versetzt seinen Wahlkreis in Trauerstimmung. Ein melancholischer Rückblick.

© Archiv/Alexander Schröter

Von Kevin Schwarzbach

Begeistere deinen Verstand!

Wissensdurst? Wir stillen ihn - im deutschen Hygienemuseum.

Hach, Thomas, lieber Thomas, welch tragische Woche! Ein Landkreis weint, liebe Leserinnen und Leser. Seit vergangener Woche steht fest, dass Doktor Karl Ernst Thomas de Maizière … Warten Sie, kurze Unterbrechung. Noch mal schnell den Namen bei Google überprüfen. Nein, nein, nicht etwa die vielen Vornamen sind das Problem (die lässt man ansonsten einfach weg), sondern die Schreibweise des Nachnamens wird häufig zur Herausforderung. Auch Journalisten sind davor nicht geschützt. So nutzte ein Bekannter von mir für das E immer den Akzent in die andere Richtung, weil er dafür eine Taste weniger drücken musste. Aber Maiziére ist ja gerade noch in Ordnung. Diese Schreibweise kann meine Favoriten nicht in Bedrängnis bringen: Maiziehr und Mesier. Jetzt aber zurück zum Thema. Seit vergangener Woche steht fest, dass Thomas de Maizière (CDU) der neuen Bundesregierung, wenn die Groko denn zustande kommt, nicht angehören wird. Der bisherige Innenminister scheidet aus dem Kabinett aus und gibt seinen Posten an Horst Seehofer (CSU) ab. Kurz gesagt: Ein grauhaariger alter Herr wird ersetzt durch einen noch älteren Herren mit noch graueren Haaren.

Was für die meisten Menschen in Deutschland nach einer mehr oder weniger bedeutungslosen Nachricht klingt, trifft den Landkreis Meißen Mitten ins Herz. Es ist unser Abgeordneter, der da gerade die Bühne verlässt. Es ist der Mann, der den Wahlkreis 155 seit der Kreisreform 2008 immer gewonnen und ihn in beiden Bundesregierungen als Minister vertreten hat. Wir waren mittendrin im Kabinett. Erinnern Sie sich nicht mehr an die riesigen Festumzüge unter dem Motto „Wir sind Bundesregierung“ oder die Zeremonie unter dem Titel „Wir sind Minister“? Nein, ehrlich nicht?

Absolut real sind dagegen die Leistungen, die de Maizière für seinen Wahlkreis erbracht hat. Ob die Ortsumfahrung von Strehla, das Kulturfördergeld für die Elblandphilharmonie, die Lärmschutzwand am Fachkrankenhaus in Coswig oder die Sanierungen der Trinitatiskirche in Riesa. Der Minister wusste seinen Einfluss einzusetzen. Sobald die nächste Regierung steht, ist er nur noch ein „normaler“ Abgeordneter. Eine ähnliche Entwicklung durchlebt Noch-Außenminister Sigmar Gabriel (SPD). Über den liest man derzeit häufig, dass er auf den Hinterbänken des Bundestages Platz nehmen wird. Und dass er angeblich einen ruhenden Arbeitsvertrag bei den niedersächsischen Volkshochschulen hat, wo er früher Kurse anbot. Na, ob da bei der Volkshochschule im Landkreis Meißen nicht bald das Telefon klingelt und der ehemalige Innenminister dran ist?

Vielleicht macht es sich Thomas de Maizière aber auch einfach mit dem Laptop auf seinem Sofa gemütlich und sieht sich die öffentlichen Sitzungen der Stadträte in seinem Wahlkreis im Livestream an. Der Kreisverband Meißen der FDP hat eine Initiative gestartet, mit deren Hilfe er die Politik wieder näher an die Bürger heranbringen möchten. Unter anderem durch die Übertragung von Gemeinde-, Stadt- oder Kreisräten im Internet. Bloß im Bundestag wird Thomas de Maizière sich die Übertragungen nicht ansehen können. Der Bundestagspräsident hat sich gegen die übermäßige Nutzung von Handys, Tablets und Laptops ausgesprochen. Aber vielleicht findet unser Abgeordneter ja einen unbeobachteten Platz auf den Hinterbänken.

Diese Woche kann wohl kaum melancholischer werden.