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Freital

„Wir werden uns richtig ins Zeug legen!“

Leo Lietz hat vor 60 Jahren die Lords mitgegründet. Nun kommt die dienstälteste Rockband der Welt nach Freital.

The Lords in der aktuellen Besetzung (v. l.): Klaus-Peter „Leo“ Lietz (Gitarre, Gesang), Roger Schüller (Bass, Gesang), Josef „Jupp“ Bauer (Gitarre, Gesang) und Philippe „P.J.M.“ Seminara (Schlagzeug).
The Lords in der aktuellen Besetzung (v. l.): Klaus-Peter „Leo“ Lietz (Gitarre, Gesang), Roger Schüller (Bass, Gesang), Josef „Jupp“ Bauer (Gitarre, Gesang) und Philippe „P.J.M.“ Seminara (Schlagzeug). © PR/Tobias Prümm

Ihr Lied über einen armen Jungen, der sich durchs Leben kämpft und am Ende erfolgreich ist, fehlt wohl auf keiner Hitsammlung der Sechzigerjahre. Mit „Poor Boy“, 1965 auf einer Single erschienen, ist die deutsche Beatcombo The Lords unsterblich geworden. Und das ist kein Nachruf: Noch immer ist die Band, die sich 1959 in Berlin gegründet hat, auf Tour. Nach sechzig Jahren aber denken die Musiker nun über den Abschied von der Bühne nach – und rocken am Freitag vielleicht zum letzten Mal das Stadtkulturhaus in Freital.

Und möglicherweise auch das erste Mal. So genau weiß das Klaus-Peter „Leo“ Lietz nicht, dem einst in nur drei Stunden der Geniestreich „Poor Boy“ glückte.

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Wir sprachen mit dem 75-jährigen Sänger und Gitarristen, der nach dem gesundheitsbedingten Ausstieg von Bernd Zamulo vor wenigen Wochen das letzte verbliebene Gründungsmitglied bei den Lords ist.

Guten Morgen, Herr Lietz. Wie geht es Ihnen?

Ja blendend, bei dem Wetter!

Wo scheint bei Ihnen die Sonne?

In Düsseldorf, da bin ich schon vor Jahren hingezogen.

Was treibt Sie mit 75 Jahren immer noch auf die Bühne?

Musik zu machen und auf der Bühne zu stehen, das Publikum kennenzulernen und Erfolg zu haben, das ist eine unglaubliche Droge, die so wirkt, dass man nicht aufhören kann. Es ist jedes Mal ein tolles Erlebnis. Und wir haben noch immer eine große Anhängerschar, besonders in Sachsen.

Im Januar wurden The Lords in Berlin vom Rekord-Institut für Deutschland als dienstälteste Rockband der Welt ausgezeichnet. Ist das verbürgt?

Na ja, wir haben sehr früh angefangen, 1959, noch vor den Beatles oder den Rolling Stones. Den Titel haben wir uns aber nicht selbst gegeben, die Presse kam da drauf. Da hat mal irgendeiner nachgerechnet, dass wir tatsächlich die einzige Rockband sind, die schon so lange aktiv ist.

Wie war das damals vor 60 Jahren?

Wir haben ganz klein als Skiffle Lords angefangen, da war ich gerade mal 15 Jahre alt. Damals gab es sehr viele Skiffle-Bands in Berlin, das war eine Möglichkeit, mit wenig Geld Musik zu machen. Man besorgte sich eine Akustikgitarre, nahm das Waschbrett von der Mutter und baute sich einen Besenstiel-Bass mit einer Saite und einer Kiste unten dran. So spielten wir auf der Straße oder in Jugendheimen. Unsere Vorbilder kamen aus England, Lonnie Donegan vor allem, der „King of Skiffle“, der nicht nur uns, sondern neben vielen späteren Größen der Rockmusik auch die Beatles inspiriert hat. Das war echte handgemachte Musik, ohne Verstärker, ohne Schlagzeug, einfach nur so aus Spaß.

Dabei ist es nicht geblieben…

Nein, die Sache nahm Fahrt auf, als wir 1961 den vom Berliner Senat ausgeschriebenen Wettbewerb um „Das Goldene Waschbrett“ gewannen. Im Rundfunk hörte man nun öfter den sogenannten Mersey Beat. Das gefiel uns und war der Anlass, auf elektrisch verstärkte Instrumente umzusteigen, um diese Musik nachspielen zu können. Zur Deutschlandpremiere des ersten Beatles-Films „Yeah Yeah Yeah“ wurden 1964 die „Berliner Beatles“ gesucht. Wir gewannen den Wettbewerb und wurden im Starclub in Hamburg schließlich zu „Deutschlands Beatband Nr. 1“ gekürt. Wir bekamen einen Plattenvertrag und wurden als „Die deutschen Beatles“ vermarktet. Sechs Jahre lang waren wir, nunmehr als The Lords, ununterbrochen auf Tour.

Sie tourten im Vorprogramm unter anderem mit den Kinks und The Who. Als Hauptband feierten Sie aber in dieser Zeit ausgerechnet im Ostblock ihre größten Erfolge, nämlich in Polen und Jugoslawien. Wie kam es dazu?

Wir waren die erste westliche Band, die überhaupt im Osten auftreten durfte, und das war ein einzigartiger Triumphzug. Wir wurden zu den Festivals in Sopot und Split und zu Tourneen eingeladen und spielten schließlich vor 25 000 Zuschauern im Legia-Stadion in Warschau.

Waren die Lords auch in der DDR?

Erst 1989, bei der Good-Bye-Tour mit den Puhdys, die wir von gemeinsamen Auftritten im Westen kannten. Ein Lied von den Puhdys haben wir damals sogar für unser Album „Stormy“ gecovert. „Doch die Gitter schweigen“ hieß bei uns allerdings „1992“ und hatte einen englischen Text.

Für die erste Single der Lords haben Sie mit „Hey Baby, laß’ den Andern“ ein Lied mit deutschem Text verfasst. Es blieb das Einzige. Danach sang die Band nur noch englisch. Warum?

Die Single lief nicht gerade gut. Wir hatten ja, wie alle Bands, viele Coverversionen im Repertoire, und die kamen nun mal alle aus dem englischsprachigen Raum. Wir wollten also dann auch die eigenen Songs mit englischen Texten singen. Englisch war einfach angesagt, und dabei ist es in unserer Band bis heute geblieben.

Die Lords hatten in den Sechzigern einen markanten Bühnenauftritt, mit Prinz-Eisenherz-Frisur, Melone, weißem Rüschenhemd und Fliege. Und bei „Poor Boy“ schlenkerten die Musiker im Gleichklang mit den Beinen. Tritt die Band heute noch so auf?

Nee, so extrem nicht, wenngleich wir bei Schwarz und Weiß geblieben sind. Aber die „Schrittchen“, wie wir es nennen, machen wir bei „Poor Boy“ immer noch.

Worauf darf sich das Publikum in Freital sonst noch freuen?

Auf ein Konzert mit unseren Hits, die wir rockiger spielen als damals, mit Klassikern der Blues- und Rockgeschichte, aber auch mit neuen Songs von unserer aktuellen CD. Wir werden uns richtig ins Zeug legen!

Das Gespräch führte Thomas Morgenroth.

Das Konzert im Stadtkulturhaus Freital: 26. April, Beginn 20 Uhr. im Vorprogramm spielt der Beat-Club Leipzig; Tickets im Vorverkauf kosten 26 Euro, Telefon 0351 65261822.


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