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Wir werden’s überleben

Stereo Pilot aus Löbau hatte beim Oktoberfest in Kemnitz den ersten großen Auftritt – als Vorgruppe von Matthias Reim.

© Michael Großhäuser

Von Susanne Sodan

Das Licht blitzt blau auf der Bühne. Aus den Lautsprechern tönt Flames of Love von Fancy. Das DJ-Pult ist bereits von der Bühne geschoben. Platz für die Löbauer Band Stereo Pilot. Die sechs Musiker stehen auf dem Plateau links neben der Bühne, unsichtbar für die Gäste. Noch. Mit gesenkten Köpfen treffen sie letzte Absprachen. Oder laufen still auf und ab. Alle Hektik ist vorbei. Jetzt steht Anspannung in den Gesichtern, Konzentration. Flames of Love verstummt. Der DJ, der durch den Abend führt, betritt noch mal die Bühne. Er fragt ins Mikro, wie es Kemnitz geht. Jubel und Applaus als Antwort. „Seid ihr bereit für Matze Reim?“ Mehr Jubel, lauterer Applaus. Reim ist der Star des Oktoberfestes am Freitagabend. Bevor er auftritt, wird eine Vorband auf der Bühne stehen: Stereo Pilot. Die fünf jungen Männer erklimmen die letzten Stufen zur Bühne, zu ihren Instrumenten. Die ersten Akkorde. Anne Großhäuser, die Sängerin, bleibt noch zurück. Ein paar Sekunden bis zu ihrem Einsatz. Mit einem zarten Lächeln blickt sie auf, geht auf die Stufen zu. „Oh mein Gott“, sagt sie im Vorbeigehen. Das erste große Konzert von Stereo Pilot beginnt.

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Zuvor hieß es aber erst einmal: warten auf den Soundcheck im Festzelt.
Zuvor hieß es aber erst einmal: warten auf den Soundcheck im Festzelt. © Rafael Sampedro
Die sechs jungen Musiker komplett.
Die sechs jungen Musiker komplett. © Rafael Sampedro

Sechs Stunden früher: Die Bandmitglieder sitzen an einem der Biertische im Kemnitzer Festzelt. Sie sind eingemummt in Pullover, Anne Großhäuser trägt einen dicken, karierten Schal um den Hals. Das Zelt ist noch nicht aufgewärmt von der Heizung und den Körpern Tausender Gäste. Es gibt Fettbemmen und Kaffee. Auf der Bühne ist schon Betrieb. Das Team von Matthias Reim baut auf. Da sind die Instrumente, Kabel, Monitore, schwarze Kisten mit Technik. Während der Aufbau läuft, bleibt Zeit, zu erzählen. Denn Stereo Pilot in dieser Formation gibt es erst seit Beginn des Jahres. „Angefangen hat alles aber Ende 2015“, erzählt Enrico Meier.

Der gebürtige Obercunnersdorfer und die Löbauerin Anne Großhäuser hatten eine CD aufgenommen. „Die nur ins Autoradio zu schieben, war uns zu schade.“ Das Duo wollte auftreten mit seiner Musik, einer Mischung aus Deutsch-Pop und Rock. Dafür brauchte es eine Band. „Jeder kannte jemanden und hat wen angeschleppt“, erzählt Meier. Der Bassist Andreas „Gelli“ Gellrich ist ein Jugendfreund von Meier. Aus dem Duo wurde ein Sextett. Sie alle machen schon lange Musik, Profimusiker ist aber bis jetzt nur der siebente im Bunde: Steffen Langenfeld, Ton-Techniker und Bandbetreuer ist auch Keyboarder für Jeanette Biedermann. Sängerin Anne studiert in Dresden Lehramt. Enrico Meier ist Bauleiter, Andreas Gellrich arbeitet als Kita-Hausmeister. Ronny Geißler, der Schlagzeuger, ist Heilerziehungspfleger, Keyboarder Denis Mücklisch Fleischer. Richard Fuhrmann, Gitarrist, studiert an der Musikhochschule Dresden. „Das Wichtigste ist, dass wir uns verstehen“, sagt Anne. Kleinere Auftritte haben sie schon hinter sich. Kemnitz ist etwas anderes. Zum Reim-Konzert werden mehrere Tausend Leute erwartet. „Ich habe keine Angst, dass wir uns blamieren“, sagt Anne. „Aber wir wollen ordentlich abliefern und den Gästen in Erinnerung bleiben, in guter.“ Aufgeregt sei sie in den vergangenen Tagen schon gewesen. „Vor allem die Vorfreude ist groß.“

Vorband sein, das heißt vor allem warten. Es hatte eigentlich einen Plan gegeben: 13 Uhr Soundcheck in Kemnitz. Dann noch mal nach Löbau fahren, um Werbe-Artikel aus der Druckerei zu holen. Frisch mit dem Band-Logo bedruckte Basecaps, T-Shirts und Turnbeutel. „Ich wollte noch mal nach Hause, um ein bisschen runterzukommen“, sagt Anne. Die Realität sieht anders aus. Es ist 14.30 Uhr. Man spürt langsam die Kälte. Auf der Bühne läuft immer noch der Soundcheck für Matthias Reim. Gerade wird am Schlagzeug getüftelt. Anne Großhäuser hat nachgefragt: „Wir sind wohl erst gegen 17 Uhr dran.“ Was jetzt? Erst mal aufwärmen. Im Vereinshaus neben dem Zelt gibt es einen Vorbereitungsraum für Stereo Pilot. Der Bandname steht handgeschrieben an der Tür. Hier sieht es schon eher nach Musiker-Leben aus. In der Ecke steht ein gut gefüllter Kühlschrank. Auf dem Tisch liegt eine weiße Tischdecke. Kleiderständer mit Bügeln sind da, für Bühnenkostüme. Wenn die Band welche hätte.

Vorband sein, das heißt auch: flexibel sein. 15  Uhr, plötzlich ist doch Soundcheck für Stereo Pilot. Später wird Thomas Kneschke, Mitorganisator des Oktoberfestes, erklären: Der Hauptkünstler macht immer zuerst Soundcheck. So lange, bis alles passt. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz in der Branche. Danach sind die Neben-Acts dran. Anne und Denis sind losgefahren, um Werbeartikel abzuholen. Sie sind beschäftigt, für die anderen dehnt sich die Zeit. Noch ’ne Cola aus dem Kühlschrank, ein Burger aus dem Festzelt. „Ich könnte jetzt nichts essen“, sagt Gelli. Enrico Meier zieht neue Saiten auf seine Gitarre. Eine Gypson. „Für die habe ich sechseinhalb Jahre nicht geraucht“, erzählt er. Man fachsimpelt. Die ersten Gäste kommen. Die Anspannung steigt. Meier und Richard Fuhrmann stimmen kritische Textpassagen ab. „Ich werd’ es überleben“, singt Fuhrmann. Immer wieder. Vielleicht ist das ja das Motto des Abends. Ronny Geißler sitzt draußen auf der Bank. Er wirkt am ruhigsten. Mit 39 ist er der älteste und der mit der längsten Musik-Erfahrung. Seit er acht ist, spielt er Schlagzeug. „Ich mache gerne alles mit“, sagt Ronny Geißler. Aber immer mit Ruhe. Genau damit ist es plötzlich vorbei.

19 Uhr, noch eine knappe Stunde bis zum Auftritt. Die Zeit rennt plötzlich. Anne und Denis sind zurück, mit ihnen Verwandte und Freunde. Der Raum wird voll und stickig. Der Beleuchter braucht noch Anweisungen. Anne schreibt die Song-Titel auf, daneben Attribute, wie das Licht sein soll. Wo sind die Mädels, die sich um den Werbe-Stand kümmern? Gehen wir außenrum auf die Bühne oder durchs Zelt? Regnet es? Anne hat sich umgezogen, Mantel und Schal gegen ein schwarzes Top mit großer Schleife getauscht. Gelli ist noch unschlüssig: Sind die roten Turnschuhe zu viel des Guten? Doch lieber schwarze? Auf dem Tisch sieht es nicht mehr so ordentlich aus. Haarspray und Haarwachs liegen zwischen den Verpackungen der Saiten und Colaflaschen. „Kommt, Leute, noch ein Lied“, ruft Anne. „Ich werd’ es überleben“, tönt durch den Raum.

Kurz vor 20 Uhr: „Ich mache mich auf zum Pult“, sagt Steffen Langenfeld. „Wir hören uns.“ Es regnet. Die Entscheidungen sind gefallen. Rote Turnschuhe für Gelli. Der Weg hinter die Bühne wird durchs Zelt führen. Der DJ spielt … ja, was eigentlich? Alle Hektik scheint auf einmal vorbei. Es geht an der Absperrung vorbei, rechts an der Bühne entlang, die Treppen hoch zum Podest hinter der Bühne. Das würde der Moment sein, wenn die Nervosität am größten ist, hatte Gelli vorher gesagt. Flames of Love dröhnt aus den Lautsprechern. Dann hören die Oktoberfest-Besucher etwas anderes: Stereo Pilot.