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„Wir wussten, dass sie uns nicht mochten“

Die Gruppe Freital soll 2015 einen Anschlag auf ein Mehrfamilienhaus verübt haben. Dieser galt acht Eritreern. Einer sagte jetzt vor Gericht aus.

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© Paul Sander

Von Karin Schlottmann

Die Wucht der Explosion hebelte das Küchenfenster aus der Wand, schleuderte die Glassplitter quer durch den Raum und brachte das Mehrfamilienhaus zum Beben. Knall und Lichtblitz hätten ihn an den Abwurf einer Granate erinnert, schildert der Zeuge den Anschlag im September 2015. Der 59-jährige Rentner wohnt im 1. Stock des Hauses in der Bahnhofstraße in Freital. Der Anschlag in der Nacht des 20. September 2015 galt den acht Eritreern im Erdgeschoss. Einer der Angeklagten aus der sogenannten Gruppe Freital soll den Sprengstoffkörper von außen auf die Fensterbank der Küche gelegt haben. Selbst die Wand auf der gegenüberliegenden Seite des Fensters wies Beschädigungen auf. Nur weil alle Hausbewohner zum Zeitpunkt schliefen und sich niemand in der Küche aufhielt, gab es keine Verletzten.

Die Bundesanwaltschaft legt diesen Anschlag dem Angeklagten Patrick F. zur Last. F. muss sich seit Anfang März mit sieben weiteren Mitbeschuldigten wegen Bildung einer rechtsterroristischen Vereinigung und versuchten Mordes vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Dresden verantworten. Sie sollen Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und ein alternatives Wohnprojekt verübt haben. F., einer der beiden Hauptbeschuldigten, kündigte am Dienstag überraschend an, sich am heutigen Verhandlungstag zu den Vorwürfen zu äußern. Fragen der Bundesanwaltschaft und der Nebenkläger werde er allerdings nicht beantworten. Bisher hat nur einer der Angeklagten im Prozess ausgesagt.

Die feindliche Stimmung gegenüber Asylbewerbern in Freital lässt, das zeigen die Zeugenaussagen, auch nach einem solchen Anschlag keinen Platz für Mitgefühl. Kurz nach der Explosion mitten in der Nacht seien Jugendliche zum Tatort gekommen, die sich „nachteilig über die Eritreer“ äußerten, wie es ein Beamter am Dienstag im Polizeijargon formuliert. Den Versuch, das Haus und die auf der Straße verängstigt herumstehenden Bewohner zu filmen, habe er unterbunden. Auch auf dem Polizeirevier in Freital war das Mehrfamilienhaus in erster Linie als „Asylantenheim“ bekannt. Als der Rentner nach dem Anschlag die Polizei per Notruf alarmierte, trat der diensthabende Beamte erst einmal auf die Bremse.

Das dokumentiert der Mitschnitt des kurzen Telefonats, den das Gericht abspielen lässt. Kein Asylantenheim, sondern ein Privathaus, hört man den aufgeregten Anrufer sagen. „Wir haben alle Angst!“. Er möge nicht so laut sein, entgegnet der Beamte am anderen Ende genervt. Der Rentner beklagt sich vor Gericht über das Zusammenleben mit den Flüchtlingen. Sie hätten sich nachts laut unterhalten, Musik gehört und Schränke auf den Hof gestellt. Nach den Demonstrationen gegen die Flüchtlinge in Freital hätten junge Leute mit Bierflaschen auf der anderen Straßenseite gestanden und das Haus in der Bahnhofstraße beobachtet. Er deutet an, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen sei, dass etwas passiert. „Irgendwann muss es mal plauzen“, hätten alle gesagt. Aber Namen von Verdächtigen könne er natürlich nicht nennen.

Kibreab G., einer der Bewohner des Hauses, lebt inzwischen in Kassel. Er sei aus religiösen Gründen aus seiner Heimat geflohen und habe nach seiner Anerkennung als Flüchtling Freital so rasch wie möglich verlassen. Unter den Zuhörern sitzt an diesem Tag Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD). Der Aufenthalt in Freital sei nicht einfach gewesen, sagt der 28-jährige Zeuge. „Dass sie uns nicht mochten, wussten wir“.