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Feuilleton

Wirbelwind im Ruhestand

Tina Turner ist die Personifizierung der Rocklegende und baute sich mit Ehrgeiz, Sex-Appeal und Perücke eine Weltkarriere. Nun wird sie 80 Jahre alt.

Im März 2019 kam Tina Turner zur Deutschland-Premiere des Musicals "Tina - Das Tina Turner Musical" nach Hamburg. Die Sängerin lebt in der Schweiz und ist „vollständig im Ruhestand“.
Im März 2019 kam Tina Turner zur Deutschland-Premiere des Musicals "Tina - Das Tina Turner Musical" nach Hamburg. Die Sängerin lebt in der Schweiz und ist „vollständig im Ruhestand“. © Georg Wendt/dpa

Von Christiane Oelrich

Die Löwenmähne ist noch da, aber statt Netzstrümpfen mit High Heels und Minirock ist Tina Turner kurz vor ihrem 80. Geburtstag eher hochgeknöpft und in flachen Tretern zu sehen. Zehn Jahre nach ihrem Bühnenabschied sagt sie: „Ich hatte keinen Bock mehr darauf, zu singen und alle anderen glücklich zu machen.“ Das war bei einer seltenen Audienz, die die Queen of Rock in diesem Sommer einer Reporterin der New York Times gewährte, in ihrer Villa am Zürichsee. „Fully retired“ – absolut im Ruhestand, so bescheidet Tina Turners Managerin eigentlich jede Anfrage.

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Singen und andere glücklich machen, das hat Turner jahrzehntelang getan. Erst im Kirchenchor, dann in Nachtklubs mit Ike Turner, schließlich solo, wo sie den Zenit ihrer Karriere erreichte: Wenn sie im sexy Outfit „The Best“ oder „Private Dancer“ anstimmte, lagen ihr die Fans zu Füßen. Die Männer wegen ihrer erotischen Ausstrahlung, die Frauen, weil Turner jenseits der 40 noch eine Weltkarriere hinlegte. Als sie sich 2009 von der Bühne verabschiedete, kamen zur Welttournee mehr als eine Million Besucher.

Tina und  Ike Turner stürmten 1960 mit ihrer ersten Single „Fool in Love“ die Hitparaden.
Tina und  Ike Turner stürmten 1960 mit ihrer ersten Single „Fool in Love“ die Hitparaden. © Bert Reisfeld/dpa

Das Musikmagazin Rolling Stone rühmte sie als „eine der größten Stimmen aller Zeiten“. Tina Turner, mit bürgerlichem Namen Anna Mae Bullock, wuchs im Südstaatennest Nutbush in Tennessee in einer Baumwollpflücker-Familie auf. Als Mädchen sang sie im Gospelchor, ehe der acht Jahre ältere Gitarrist Ike Turner sie entdeckte. Er formte die „Ike and Tina Turner Revue“. Mit ihrer ersten Single „Fool in Love“ stürmten sie 1960 die Hitparaden. Es folgten Hits wie „River Deep – Mountain High“ und „Nutbush City Limits“. 1969 schafften sie den Durchbruch im Vorprogramm der Rolling Stones.

Die beiden hatten 1962 geheiratet, Ike stellte sich als brutaler Ehemann heraus. Sie schaffte es erst 1976, ihn zu verlassen. Um die Scheidung schnell hinter sich zu bringen, gab sie alle finanziellen Ansprüche auf. Sie habe Jahrzehnte gebraucht, um ihm zu vergeben, sagte sie viel später. Ike Turner starb 2007. Mit ein paar Cents in der Tasche und als alleinerziehende Mutter zweier Söhne fing Turner von vorn an. Sie sang und tanzte zuerst in Klubs, Hotels und auf Betriebsversammlungen. Sie habe sogar geputzt, sagte sie. Und dann kam 1984. Mit 45 schaffte sie den Durchbruch mit ihrem Album „Private Dancer“. Sie gewann vier Grammys. Der Hit „What’s Love Got To Do With It?“ klang wie ein selbstironischer Rückblick auf die Ehe mit Ike.

Turner füllte Säle und Stadien der Welt. Als sie 1988 in Rio de Janeiro vor mehr als 180.000 Zuschauern sang, war das ein Fall fürs Guinness-Buch der Rekorde. In Deutschland sang sie zuletzt 2009 vor Hunderttausenden Fans in Köln, Berlin, Hamburg und München.

Tina Turner im Juli 2000 bei einem Konzert im niederländischen Groningen. Am Dienstag wird die US-Sängerin 80.
Tina Turner im Juli 2000 bei einem Konzert im niederländischen Groningen. Am Dienstag wird die US-Sängerin 80. © Ed Oudenaarden/ANP/epa/dpa

Seitdem läuft das Leben in der Villa am Zürichsee nach ihrem Gusto. Sie lebt dort seit Mitte der 90er-Jahre und ist inzwischen auch Schweizerin geworden. Sie benannte das 5.000 Quadratmeter große Anwesen nach ihren indianischen Vorfahren „Algonquin“. Es liegt hinter einem hohen schmiedeeisernen Tor. „Vor 12 Uhr nicht läuten“, steht dort am Tor. „Ich singe nicht. Ich tanze nicht. Ich mache mich nicht zurecht“, sagte sie der New York Times.

Turner lebt dort mit ihrem deutschen Mann Erwin Bach. Sie traf den Musikmanager Mitte der 80er, 2013 heirateten die beiden in Küsnacht. Bach nennt seine Frau „Schatzi“, manchmal auch „Bärli“. 2017 spendete Bach seiner Frau eine Niere. Tina Turner schrieb darüber 2018 in einer neuen Biografie.

Turner zeigt sich manchmal noch, so in diesem Jahr bei der Premiere des Musicals über ihre Lebensgeschichte, „Tina – Das Tina-Turner-Musical“. In einer Talkshow im britischen Fernsehen ließ sie sich mit 78 noch einmal zu einem ihrer heißen Hüftschwünge hinreißen, die ihre Auftritte so legendär machten. Und die Löwenmähne? Alles Fake, wie sie freimütig einräumt. „Ich trage Perücke, und zwar immer“, sagte sie der Zeit. „Ich ziehe Perücken an wie andere Menschen ihre Kleider.“ (dpa)