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Wird er Tschechiens neuer Präsident?

Jiri Drahos tritt bei der Wahl gegen Amtsinhaber Zeman an. Der Politneuling will anders mit der Kanzlerin umgehen.

© CTK/Michal Kamaryt

Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

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Angst hat er nicht, das muss man Jiri Drahos lassen. Als er vor knapp zwei Wochen in die Stichwahl der tschechischen Präsidentschaftswahl einzog, forderte er Milos Zeman auf, sich nun auch in zwei Fernsehduellen zu stellen. Wohl wissend, dass derlei Veranstaltungen in Tschechien, mit kreischendem Publikum und meist überforderten Moderatoren, wie gemalt für seinen Gegner sind. Zeman ist eine „Rampensau“, setzt auf seine rhetorische Begabung und seinen Witz, weiß einen großen Saal über Stunden locker allein zu unterhalten.

Drahos kommt da vergleichsweise dröge daher. Ihm liegt es nicht, Opponenten anzugreifen. Er versucht, mit Sachargumenten zu überzeugen, mit Fakten, wie er das Zeit seines Lebens als Chemieprofessor und früherer Chef der Akademie der Wissenschaften gewohnt war. Aber er hat in dem knappen Jahr in der Politik gelernt, dass die Tschechen nicht alle Intellektuelle sind und in Prag oder anderen größeren Städten leben. Er redet nicht mehr verschwurbelt, sondern in kurzen, jedem verständlichen Sätzen. So sagt er etwa – schon fast ungewohnt angriffslustig: „Das Migrationsproblem löst man nicht mit Bonmots gegenüber Frau Merkel. Da braucht es ernsthafte Verhandlungen in Europa.“

Sollte Drahos gewählt werden, bekämen Berlin und Brüssel in der Migrationsfrage keinen leichten Partner – wiewohl wirkliche Verhandlungen darüber die alleinige Aufgabe des jeweiligen Prager Regierungschefs sind. Letzterer hat dafür die Richtlinienkompetenz. Doch der Präsident könnte den Premier zum einen mit eigener Diplomatie unterstützen, auch mäßigend im Rahmen der Visegrad-Gruppe wirken.

Nein zu Flüchtlingsquoten

Und zum anderen das Dauerthema Migration in Tschechien – bei fast keinem einzigen Flüchtling – selbst etwas herunterkühlen. Drahos hat zu der Problematik klare Vorstellungen: Er ist entschieden gegen Verteilungsquoten für Migranten. „Niemand kann uns vorschreiben, wie viele Flüchtlinge wir aufnehmen müssen“, sagt er. Er will gesicherte EU-Außengrenzen und sehr viel mehr humanitäre Hilfe in den Herkunftsländern der Flüchtlinge.

Aber Drahos hält Tschechien – anders als Zeman – auch für stark genug, die einst versprochenen 2 600 Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. Dass ihm einer seiner Berater in diesem Zusammenhang ausgerechnet den in Tschechien verlachten Merkel-Satz „Wir schaffen das“ in den Mund gelegt hat, kommt bei der Mehrzahl der Wähler freilich nicht gut an. Das Zeman-Lager wendet eh schon alle faulen Tricks an, um Drahos als einen „Willkommens-Präsidenten“ für „Illegale und Terroristen“ hinzustellen. Etwa mit ganzseitigen Anzeigen in den Zeitungen oder einem Foto-Ausriss in den sozialen Netzwerken, auf dem er gemeinsam mit der Kanzlerin zu sehen ist. „Absprachen über die Migranten“ habe er mit Merkel getroffen, heißt es. Dabei stammt das komplette Foto von einem Wissenschaftler-Empfang in Berlin im Jahre 2013. Da gab es noch kein Migrationsproblem. Wie es auch beinahe schon verwundert, dass man Drahos noch nicht vorgeworfen hat, dass er seit einem Forschungsaufenthalt in Hannover 1985 auch Deutsch spricht.

Keinen Zweifel lässt Drahos aufkommen, dass Tschechien zu Europa, zur EU und zur Nato gehört. Ständige Besuche in Moskau oder Peking werde es mit ihm – anders als bei Zeman – nicht geben. Damit spricht er der zunehmenden Zahl der Tschechen aus dem Herzen, die sich Sorgen über die Ausrichtung des Lands machen. Drahos will dafür in erster Linie alle EU-Länder bereisen und dort für tschechische Interessen werben.

Der Herausforderer hat auch eine private Seite, bekennt sich als bodenständiger Mährisch-Schlesier von der Grenze zu Polen. Als Rentner liebt er die Gartenarbeit, hat sein „stinknormales“ Wochenendhäuschen ganz allein aufgebaut. Gern widmet er sich seiner zweiten Liebe neben der physikalischen Chemie – der Musik. Drahos spielt mehrere Instrumente, liebt Rock wie Klassik, singt seit Jahren in einem Chor. Seine Frau widerspricht dem Bild des „strohtrockenen Langweilers“. Wäre er so, würde sie nicht seit über 40 Jahren mit ihm verheiratet sein. Das kommt gut an.

Dieser „normale“ Drahos, der nach eigenen Worten dem Amt des Staatschefs die Würde zurückgeben möchte, die es zuletzt unter Vaclav Havel hatte, macht ihn automatisch zum „Anti-Zeman“. Wie dazu auch die Entscheidung der meisten unterlegenen anderen Kandidaten aus der ersten Wahlrunde beiträgt, ihn vor der Stichwahl zu unterstützen. Die haben sich mehr oder weniger alle als „Anti-Zemans“ verstanden. Wie die ganze Wahl eigentlich nichts anderes ist als ein Referendum für oder gegen den derzeitigen Amtsinhaber.