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Wirkt die Grippe-Impfung diesmal?

Im vergangenen Winter hat die Grippe-Schutzimpfung kaum gewirkt. Sachsen hat sich diesmal für neue Dreifach-Impfstoffe entschieden. Das halten nicht alle für ausreichend.

© Ronald Bonß

Von Stephanie Wesely

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Noch gibt es in Sachsen relativ wenige Grippe-Kranke. In der vergangenen Woche wurden 18 Fälle gemeldet – insgesamt damit seit Saisonbeginn im Oktober 63. Überwiegend sind das Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Ärzte empfehlen, sich jetzt gegen Grippe impfen zu lassen. „Denn die Zahlen steigen. Und bis eine Schutzwirkung eintritt, dauert es etwa zwei Wochen“, sagt Dr. Gerlinde Schneider, Präsidentin der Landesuntersuchungsanstalt (LUA) Sachsen.

Doch viele sind unschlüssig. Denn in der vergangenen Saison schützte die Impfung kaum. Ärzte führten das vor allem darauf zurück, dass der Impfstoff nur gegen drei statt vier Virustypen aktiv war. Auch in dieser Saison gibt es wieder einen Dreifach-Impfstoff. Ist er noch zeitgemäß?

Dr. Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts für Impfstoffe, bejaht das. „Denn Vierfach-Impfstoffe sind nicht prinzipiell besser, nur weil sie einen Virusstamm mehr haben“, sagt sie. Dreifach-Impfstoffe enthalten zwei A-Virusstämme und einen B-Stamm, Vierfach-Impfstoffe noch einen zweiten B-Stamm.

Die Landesärztekammer Sachsen ist da anderer Meinung. Sie fordert zumindest für Kinder bis zum zwölften Lebensjahr die Verwendung des Vierfach-Impfstoffs, „weil Kinder bis zu diesem Alter noch keine Antikörper gegen B-Influenza aufweisen.“

Die Favorisierung des Dreifach-Impfstoffs hat aber noch einen anderen Grund: Die Grippe-Impfung soll kostengünstig sein. Deshalb wird sie jedes Jahr ausgeschrieben. Verantwortlich dafür ist in Sachsen die AOK Plus. Aufgrund der großen Impfstoff-Menge, die benötigt wird, sind für die gesetzliche Krankenversicherung hohe Rabatte drin. Und die Dreifach-Impfstoffe gewannen bislang jede Ausschreibung. So auch in diesem Jahr. Die Entscheidung fiel auf die Impfstoffe Afluria, Influvac und Vaxigrip. Der Listenpreis pro Einzeldosis liegt zwischen 17 und 30 Euro.

AOK Plus-Sprecherin Hannelore Strobel: „Gängige Praxis ist, dass es nur für Kinder bis zum siebenten Lebensjahr freie Impfstoffauswahl gibt. Danach ist der Arzt an den Impfstoff der Ausschreibungsgewinner gebunden.“

Die A-Stämme im aktuellen Impfstoff heißen H1N1 und H3N2. Der B-Stamm gehört zur sogenannten Victoria-Linie. Er hatte sich in der vergangenen Saison als besonders stark erwiesen, war aber im Dreifach-Impfstoff nicht enthalten. Das hat man in diesem Jahr geändert. „Bis jetzt wirkt der Impfstoff gut“, sagt Stöcker.

Die Weltgesundheitsorganisation legt bereits im Februar, also Monate vor der neuen Grippesaison, die Impfstoff-Zusammensetzung fest. Das sei sicher ein Risiko, sagt die Impfstoffexpertin, aber später hätten die Hersteller nicht mehr genug Zeit für die Produktion. Auch auf aktuelle Änderungen können sie nicht reagieren.

„Hundertprozentigen Schutz gibt es ohnehin nicht“, sagt Susanne Stöcker. Denn Influenzaviren würden ihr Erbgut ständig verändern. Und diese Veränderungen seien nicht vorherzusehen. „Wir forschen seit Jahrzehnten an einem Universalimpfstoff gegen Influenzaviren. Wir suchen nach dem gemeinsamen Merkmal aller Virustypen, das sich durch die Impfung ausschalten lässt.“ Doch bislang ohne Erfolg.

Trotz allem empfiehlt das Robert-Koch-Institut (RKI) die Grippe-Impfung. „Gerade bei älteren Menschen haben Untersuchungen ergeben, dass sie ihr Erkrankungsrisiko dadurch halbieren können. Auch die Gefahr schwerer Krankheitsverläufe, die stationär behandelt werden müssen, sinkt“, sagt RKI-Sprecherin Dr. Susanne Glasmacher. Seit Oktober sind in Sachsen laut Landesuntersuchungsanstalt zwar nur sieben über 65-Jährige an Grippe erkrankt, es traf sie aber besonders schwer: Fünf mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Für ältere Menschen gibt es Impfstoffe mit Wirkverstärker. Sie könnten zwar keinen fehlenden Virusstamm im Impfstoff wettmachen, wie viele annehmen. „Aber sie funktionieren wie Turbobooster fürs Immunsystem“, sagt Glasmacher. „Gerade Ältere haben eine schwächere Abwehr und können davon profitieren“, sagt sie. Doch wie der Vierfach-Impfstoff sei auch der wirkverstärkte nicht rabattiert. Die Kasse übernehme nur die Kosten, wenn der Arzt die Notwendigkeit im Einzelfall begründet, sagt AOK-Plus-Sprecherin Strobel. Maßgeblich seien für die Kasse die Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses und der Ständigen Impfkommission (Stiko). Im Gegensatz zur Sächsischen Impfkommission gebe die Stiko keinem Impfstoff den Vorzug, sagt sie.

Die Experten hoffen, dass die Wirksamkeit der Grippeimpfung in dieser Saison höher ist. Die Referenzlaboratorien des Robert-Koch-Instituts untersuchen dafür die von den Hausärzten eingeschickten Rachenabstriche auf Influenza-Viren. Anhand eines Fragebogens wird ermittelt, wie viele der Erkrankten geimpft waren. Aus der Anzahl der erkrankten Ungeimpften und der erkrankten Geimpften errechnet sich die Wirksamkeit.

Dass manche Menschen nach der Impfung krank werden, sei aber kein Impfversagen. „Denn sie erkranken meist nicht an Grippe, sondern an einem viralen Infekt“, sagt Susanne Stöcker. Ein Infekt sei ein Zeichen dafür, dass sich der Körper mit dem Impfstoff auseinandersetzt. „Und das wollen wir ja erreichen.“