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Wirtschaft freut sich über Ausländer-Rekord

Die Zahl der Zugewanderten in Deutschland ist so hoch wie nie. Ein neues Wir-Gefühl sei nötig, fordern Fachleute.

Von Ira Schaible

Fast zwei Drittel der Offenbacher Schüler sprechen zu Hause nicht hauptsächlich Deutsch. In Frankfurt am Main haben etwa 70 Prozent der Kinder im Vorschulalter einen Migrationshintergrund. In Berlin hat gut jeder dritte Schüler eine andere Herkunftssprache als Deutsch. „Wenn man in die Schulen guckt, ist die Diversität und Vielfalt, die wir haben, schon zu einer Normalität geworden“, sagt Migrationsforscherin Vera Hanewinkel von der Universität Osnabrück.

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Mehr als 7,6 Millionen Ausländer lebten Ende 2013 in Deutschland – so viele wie nie zuvor. Diese Zahlen aus dem Ausländerzentralregister hat das Statistische Bundesamt am Freitag veröffentlicht. Drei Viertel der Ausländer, die 2013 in die Bundesrepublik gezogen sind, stammten aus den EU-Mitgliedsstaaten.

Migrationsforscher Klaus F. Zimmermann vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit führt dies auf die „exzellente Situation des deutschen Arbeitsmarktes“ zurück und warnt vor unseriösen Debatten. Deutschland müsse das Signal aussenden: „Wir freuen uns, dass Leute kommen“, sagt der ehemalige Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. „Diese Wohlfahrtsstaatsdiskussion zu Jahresbeginn, die ja nicht von Fakten getragen war, schadet dem Land als Aufnahmeland enorm.“

Größte Gruppe stammt aus der EU

Vor allem die EU-Osterweiterung und die Euro-Krise in den Südländern brachten den Zuwachs. Der durch Einbürgerung bedingte Rückgang der türkischen Bevölkerung setzte sich dagegen fort. Rund 518 800 Menschen kamen neu in die Bundesrepublik (Saldo aus Zu- und Fortzügen). Die Geburten überstiegen die Sterbefälle zudem um 14 200 Menschen.

Das erklären die Statistiker vor allem damit, dass die meisten Ausländer in Deutschland in der Familiengründungsphase kommen. 113 000 Menschen wurden eingebürgert und werden daher nicht mehr als Ausländer gezählt.

Die Menschen aus den neuen EU-Beitrittsländern kämen hauptsächlich zum Arbeiten nach Deutschland, und sie hätten überwiegend die Absicht, zurückzukehren. „Das sind keine Dauerzuwanderer, selbst wenn wir das wollen“, sagt Zimmermann. „Sie nutzen die Arbeitsmöglichkeiten bei uns aus, aber sie helfen uns gleichzeitig, die Arbeit zu machen.“ Dies sei ein normaler Ausgleichsvorgang, der zur Europäischen Union (EU) gehöre. Wie ökonomische Beziehungen langfristig wirken könnten, zeige das Beispiel Türkei.

Drei Viertel der neu zugewanderten oder in Deutschland geborenen Ausländer stammten aus den EU-Staaten. Die größte Gruppe machten die zehn Beitrittsstaaten von 2004 aus und dabei vor allem Polen und Ungarn. Bei den Menschen aus den jüngeren Neu-Mitgliedsstaaten Rumänien, Bulgarien und Kroatien betrug das Plus 19,3 Prozent. Allerdings: „Es kommen zu wenig Leute aus Südeuropa. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in den Ländern sind es viel zu wenig“, sagt Zimmermann. Trotz der langen Integrationsgeschichte seien die Barrieren bei Sprachkenntnissen, kultureller Offenheit und Kommunikation noch nicht genügend abgebaut.

Bei Ausländern aus Staaten außerhalb der EU lag der Zuwachs bei 103 900 (2,5 Prozent), vor allem Syrer und Russen kamen. Türkisch ist nach wie vor die häufigste ausländische Staatsangehörigkeit in Deutschland, insbesondere im Westen und Berlin, geht aber weiter zurück. In den neuen Ländern sind die häufigsten Staatsangehörigkeiten polnisch und russisch.

Die meisten Ausländer ließen sich wie im Vorjahr in Bayern nieder (plus 105 400), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (85 300) und Baden-Württemberg (62 500).

Deutschland sei bei der Integration auf einem guten Weg, und es gebe inzwischen einen Konsens, dass Zuwanderung angesichts der alternden Gesellschaft und des Fachkräftemangels notwendig ist, sagt gestern die Osnabrücker Wissenschaftlerin Hanewinkel.

Ängste ernst nehmen

Einwanderung dürfe aber nicht immer nur unter dem Nutzenaspekt gesehen werden. „Sie ist Teil einer Gesellschaft, und eine ganze Generation wächst auch damit auf – für die ist es selbstverständlicher. Und wenn man vor Ort guckt, klappt Integration in der Nachbarschaft und das Zusammenleben auch.“

Hanewinkel sieht aber auch Nachholbedarf: Ängste müssten ernst genommen und Integrationskonzepte weiter ausgebaut werden. Dazu gehöre eine Willkommenskultur, zu der die Gesellschaft auch steht. Notwendig sei auch die Vermittlung eines neuen Wir-Gefühls und die stolze Frage: „Wir sind ein Einwanderungsland, was können wir jetzt tun?“ (dpa)