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„Keine Staus verspreche ich nicht, aber Besserung“

Die neue Autobahn GmbH des Bundes arbeitet seit dem 1. Januar. Wir haben mit ihrem Chef über den Start und die massive Kritik an dem Projekt gesprochen.

Vor der Tätigkeit als Vorsitzender der Geschäftsführung der Autobahn GmbH war Stephan Krenz Deutschlandchef des Bahnunternehmens Abellio und des Bahntechnikanbieters Bombardier.
Vor der Tätigkeit als Vorsitzender der Geschäftsführung der Autobahn GmbH war Stephan Krenz Deutschlandchef des Bahnunternehmens Abellio und des Bahntechnikanbieters Bombardier. © Autobahn GmbH

Herr Krenz, haben Sie im Dezember den Jahresrückblick der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ gesehen?

Ja, und ich konnte sogar schmunzeln.

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Immerhin wurden Verkehrsminister Scheuer und Ihre Autobahn GmbH kräftig durch den Kakao gezogen.

Wer Koch werden will, darf die Hitze nicht scheuen. Es ist doch klar, dass die größte Verwaltungsreform in der Geschichte der Autobahn unter Beobachtung steht – kritisch, teils auch mit Häme. Damit muss ich leben. Wir waren gut vorbereitet auf diesen 1. Januar 2021. Es ist wie im Fußball: Am Ende muss das Ergebnis stimmen.

Und stimmt es für die ersten sechs Wochen, in denen es die Gesellschaft gibt?

Der Start hat weit besser geklappt, als viele erwartet haben. Wenn Sie auf die Straßen schauen, dann haben die Pkw- und Lkw-Fahrer von der Transformation nichts gemerkt. Von den Verkehrsleit- über die Tunnelzentralen bis zum Winterdienst hat alles funktioniert – und auch die Baustellen.

Kam Ihnen die Pandemie entgegen, weil weniger los war?

Im Gegenteil: Corona macht es deutlich schwerer. Wir sind keine Behörde mehr, sondern eine GmbH, arbeiten nicht mehr auf Landesebene, sondern sind eine Gesellschaft des Bundes. Deshalb mussten wir viele Dinge intern verändern.

Zum Beispiel?

Früher wurden Rechnungen aus dem Haushalt der Länder bezahlt, jetzt haben wir ein zentrales SAP-System, was nach Handelsrecht im Sinne der doppelter Buchführung Rechnungen bucht. Dafür mussten wir Mitarbeitende schulen, und das war und ist unter Corona-Bedingungen sehr schwer.

Für das Projekt, das alles effizienter und billiger machen sollte, gab es viel Kritik. Von Doppelstrukturen, offenen Rechtsfragen, horrenden Beraterkosten, Personalnot, IT-Chaos ist die Rede. Alles bleibt, wie es war, nur teurer?

Nichts bleibt, wie es war. Wir werden nicht mehr 16 Mal kleinklein machen, sondern alles aus einer Hand: Einkauf, Fuhrpark und vieles andere. Wir diskutieren, wie wir schneller planen und bauen können. Ich bin sicher: Es wird eine ganze Menge dabei herauskommen, auch finanziell. Und für die Einführung eines neuen IT-Systems geben auch in der Privatwirtschaft einige Unternehmen deutlich mehr aus. Unseres funktioniert sogar ...

... voraussichtlich im März, wie es heißt.

Natürlich fahren wir vorsichtig und schrittweise hoch. Wenn Sie in ein neues Auto steigen, fahren Sie auch nicht gleich mit 180 auf die Autobahn, sondern erst mal mit 50 los. Wir müssen umsichtig handeln.

Wie sieht es beim Personal aus?

Wir haben von den Ländern etwa 10.500 Beschäftigte übernommen. 90 Prozent haben Ja gesagt. Das hätten wir uns vor einem Jahr nicht erträumt. Der Rest bleibt im Landesdienst und wird von dort für Autobahnjobs gestellt. Mit den zuvor 1.000 eigenen Leuten sind wir jetzt in Summe gut 11.500.

Ziel sind 15.000 Mitarbeitende, so viel wie zuvor im Landesdienst.

Die Lücke ist kein Drama, denn wir arbeiten auch mit externen Unternehmen zusammen. Es ist in jedem Fall sichergestellt, dass alles gut läuft. Wir sind absolut im Plan, suchen aber in diesem Jahr noch rund 800 Leute: Straßenwärter, Planer, Ingenieure, aber auch Juristen und Controller.

Stehen sich die Übernommenen besser?

Wir haben mit Verdi und dem DBB einen attraktiven Tarifvertrag ausgehandelt. Unter anderem sind die Löhne in Ost und West gleich ...

... was 31 Jahre nach der Einheit eigentlich nichts Besonderes sein sollte ...

Stimmt bei uns absolut, ist aber leider noch nicht überall bei anderen Unternehmen der Fall. Zudem gibt es gute Aufstiegschancen, und die Leute verdienen auch mehr. Neben Tarifbeschäftigten haben wir etwa 800 Beamtinnen und Beamte.

Was wird aus dem Vorgänger Deges, der verschmolzen werden sollte – was verfassungsrechtlich aber nicht ging?

Autobahnprojekte sind per Gesetz von den Ländern auf uns übergegangen. Damit sind wir Auftraggeber der Deges. Sie arbeitet weiter mit ihren Leuten an ihren Projekten wie dem A4-Ausbau zwischen Bautzen und Nossen. Wir arbeiten eng zusammen, damit wir die Reformziele auch schaffen.

Stephan Krenz ist auch Präsident von Mofair, dem Bündnis für fairen Wettbewerb im Schienenpersonenverkehr.
Stephan Krenz ist auch Präsident von Mofair, dem Bündnis für fairen Wettbewerb im Schienenpersonenverkehr. © Tobias Koch

Wird man noch 2021 Effekte spüren?

Es wird Effekte geben wie erstmals ein deutschlandweites Verkehrsmanagement, das bei Unfällen Umleitungen organisiert. Wir wollen innovativ sein: Wir werden demnächst eine Autobahn-App präsentieren und uns um spürbare Verbesserungen auf den Rastplätzen kümmern.

Dort leiden vor allem Brummifahrer unter fehlenden Parkplätzen.

Das wollen wir per Parkleitsystem ändern. Für Lkw-Fahrer soll es endlich Duschkabinen und andere Verbesserungen geben.

In der Haushaltsplanung des Bundes bis 2025 fehlen 2,7 Milliarden Euro für den Autobahn-Erhalt. Drohen Baustopps?

Der Finanzierungs- und Realisierungsplan im Volumen von 27 Milliarden Euro wurde vom Bundestag abgesegnet. Trotz der Lücke sind wir gut durchfinanziert. 2021 werden 5,5 Milliarden investiert: in Neubau, Ausbau, Erhalt, Lärmschutz und mehr. Vor fünf Jahren waren es keine vier Milliarden.

Sie kommen vom konkurrierenden Verkehrsträger Bahn. Was reizt Sie am Job? Hat man Sie gezwungen – mit Geld?

Geld war kein Thema. Autobahnen haben für Deutschland große Bedeutung, sie müssen laufen. Zudem reden wir von der größten Infrastrukturreform seit der Wende. Das war und ist eine Riesenaufgabe: 16 Auftragsverwaltungen der Länder in eine Bundes-GmbH in jetzt zehn Niederlassungen zu überführen, die nicht den Landesgrenzen entsprechen. Diese kümmern sich rund um die Autobahn – planen, bauen, erhalten, betreiben, finanzieren, verwalten.

Haben Sie ein persönliches Ziel?

Ich will, dass beim Autobahnnutzer von der Reform etwas ankommt. Ich möchte Innovationen auf die Straße bringen und dafür sorgen, dass wir weniger Stillstand haben. Keine Staus verspreche ich nicht, aber Besserung.

Das Gespräch führte Michael Rothe.

Der Verkehr staut sich auf der Autobahn 4 bei Bautzen in Richtung Dresden. F
Der Verkehr staut sich auf der Autobahn 4 bei Bautzen in Richtung Dresden. F © dpa

Die Autobahn GmbH und ihre Pläne 2021 im Freistaat

Das ist die neue Gesellschaft

  • Die 2018 gegründete Autobahn GmbH des Bundes kümmert sich seit dem 1. Januar um die deutschen Autobahnen und Fernstraßen. Ziel: schneller planen und bauen.
  • Zuvor hatte der Bund als Eigentümer das Geld gegeben, und den Ländern oblagen Planung, Bau und Betrieb.
  • Mit 13.000 Kilometern Autobahn und 15.000 Mitarbeitenden gehört sie zu den größten Infrastrukturbetreiberinnen.
  • Der Plan, die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges) zu integrieren wurde wegen rechtlicher Bedenken gestoppt. Deren Projekte hätten neu ausgeschrieben werden müssen.
  • Der Bund der Steuerzahler geht von Milliarden Euro an Zusatzkosten aus.
  • Der Aufbau kostete bislang 325 Millionen Euro, davon 38 Millionen für Beratungs- Dienst und Unterstützungsleistungen.
  • Die Niederlassung Ost, eine von bundesweit zehn, mit Sitz in Halle kümmert sich um 1.451 Kilometer mitteldeutsche Autobahn mit 2.800 Brücken und 32 Tunneln.
  • Am Jahresende sollen dort 1.200 Menschen arbeiten – zum Haustarifvertrag, der sich am Öffentlichen Dienst orientiert.
  • Die Außenstelle Dresden betreut die Meistereien Chemnitz, Döbeln, Dresden-Hellerau + Nickern, Leipzig, Weißenberg.

Fahrbahnerneuerung in Sachsen

  • A 4: 7,5 km zwischen Dresden-Hellerau und Dresden-Nord in beiden Richtungen (Kosten: 7,2 Millionen Euro); 4,7 km zwischen Meerane und Glauchau-Ost Richtung Erfurt (Kosten: 7,4 Millionen Euro); 2,6 km Überfahrt von Dresden Richtung Hof am Kreuz Chemnitz (Kosten: 4,4 Millionen Euro); Fahrbahnübergänge zwischen Dreieck Nossen und Willsdruff.
  • A 13: 10,1 km zwischen Radeburg und Thiendorf in Richtung Berlin (Kosten: 7,8 Millionen Euro).
  • A 17: 3,2 km zwischen Dresden-Südvorstadt und Dreieck Dresden-West in beiden Richtungen (Kosten: 8,0 Millionen Euro).
  • A 72: Restarbeiten zwischen Borna und Rötha und Abriss der nicht mehr benötigten B 95. Von Rötha zur A 38 stehen nach groben Erdarbeiten Brücken und erste Straßenbauarbeiten im Fokus.

Parkplätze an der A 4

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  • Derzeit werden bis 2022 an den Plätzen mit WC (PWC) Rödertal an der A4 bei Ohorn, Rossauer Wald und Hainichen zusätzliche Lkw-Parkstände gebaut, Am Eichelberg bei Ottendorf-Okrilla soll es unwesentlich länger dauern. Die Tank- und Rastanlage Oberlausitz bei Salzenforst ist 2023 dran und bis 2024 fertig.

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