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Autoversicherung: Was taugen Telematik-Tarife?

Kfz-Versicherer locken mit bis zu 30 Prozent Rabatt. Ein Autofahrer aus Dresden erklärt, was er dafür tun muss – und welche böse Überraschung er erlebt hat.

Fährt mit einem Telematik-Sensor im Auto und damit günstiger: Marco Klinger aus Dresden.
Fährt mit einem Telematik-Sensor im Auto und damit günstiger: Marco Klinger aus Dresden. © Marco Klinger

Aus der Tatsache, dass er ein Rabattjäger ist, macht Marco Klinger aus Dresden keinen Hehl. Auch bei der Kfz-Versicherung würde er gern sparen. Auf seinen Namen sind zwei Autos angemeldet – sein eigenes und das seiner Partnerin. Allein die Vollkasko- und Haftpflicht-Police für den Zweitwagen, einen VW Golf 1.2 TSI, kostete ihn zuletzt rund 700 Euro pro Jahr. „Gerade hier wären wegen der höheren Einstufung 20 Prozent Nachlass durchaus erstrebenswert“, sagt der 43-Jährige, der sich als gelernter Versicherungskaufmann mit der Materie auskennt.

Tatsächlich werben Versicherungen sogar mit bis zu 30 Prozent für ihre Telematiktarife. Die Idee hinter der Offerte: Autobesitzer lassen ihr individuelles Fahrverhalten mittels Sensoren überwachen und zahlen im Gegenzug weniger Prämie, wenn die Datenanalyse einen achtsamen, vorausschauenden Fahrstil belegt. Im Fachjargon heißt das „Pay how you drive“ – bezahle, wie du fährst. Die Datenerfassung übernimmt eine kleine Box, die sich per Satellit (GPS) orten lässt. Alternativ lässt sich auch eine App auf dem Smartphone oder ein Datenstick nutzen. Protokollierte Parameter sind Tempo, Beschleunigung, Kurven- und Bremsverhalten, teils auch Tageszeit, Fahrdauer, Straßentyp oder Verkehrslage. Alle Daten werden per Mobilfunk oder nachträglich per W-Lan an einen Dienstleister übermittelt, der daraus eine Punktzahl, den sogenannten Score, errechnet und an die Versicherung übermittelt. Je höher der Score, desto größer der Rabatt.

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Ende November 2020 hat sich Marco Klinger vertraglich bei der Huk-Coburg gebunden und für seine Policen den Zusatzbaustein „Telematik Plus“ gebucht. Als Startrabatt werden ihm zehn Prozent der Haftpflicht- und Vollkaskoprämie erlassen. Den Sensor in Betrieb im Auto zu fixieren und mit der App der Versicherung zu verbinden, empfindet er als sehr einfach. „Das war eine Sache von Sekunden.“ Sein Ziel ist nun, durch optimales Fahrverhalten einen Score von 100 und damit das Rabattmaximum zu erreichen.

Immer mehr Interessenten - und Anbieter

Mit solchen Aussichten lassen sich Autofahrer ködern. Laut einer Markteinschätzung der Beratungsgesellschaft Meyerthole Siems Kohlruss gibt es in Deutschlands Haushalten mittlerweile rund 750.000 Telematikverträge. Bei einer Gesamtzahl von 50 Millionen Kfz-Policen zwar noch ein Mini-Anteil, doch das soll sich ändern. Die Corona-Krise habe das Interesse an „verhaltens-, kilometer- und belohnungsbasierten“ Policen deutlich gesteigert, meldet der Branchendienstleister CMT und verweist auf eine Befragung von 4.000 Autofahrern aus Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland. Auch die Anbieter werden zahlreicher: Laut einer Studie im Auftrag des Start-ups Neodigital konkurrierten Anfang 2021 elf Versicherer mit Telematiktarifen um die Gunst der Deutschen.

So mag es der Telematiksensor: Vorsichtiges Fahren auf schneeglatten Straßen ergibt 100 Punkte.
So mag es der Telematiksensor: Vorsichtiges Fahren auf schneeglatten Straßen ergibt 100 Punkte. © Screenshot: SZ

Huk-Coburg-Kunde Klinger berichtet nach knapp vier Monaten des überwachten Fahrens von positiven und negativen Aha-Erlebnissen. „Bei längeren, gleichmäßigen Landstraßenfahrten habe ich tatsächlich den Bestwert von 100 geschafft.“ Im Lockdown aber sei er oft nur auf Kurzstrecken unterwegs gewesen: zum Kindergarten, ins Büro, zum Supermarkt. „Diese Fahrten wurden nicht sonderlich positiv bewertet.“ Richtig geärgert hat ihn ein Erlebnis Ende Februar. „Da musste ich unverschuldet scharf bremsen, um einen Zusammenstoß mit einem Lkw zu vermeiden.“ Dieses Manöver habe seinen Punktwert vorübergehend auf 40 gedrückt. Klinger hat deshalb sogar einen Beschwerdebrief an die Huk geschickt und die fehlende Möglichkeit zur Rechtfertigung moniert.

Verbraucherschützer fordern mehr Transparenz

In der Antwortmail verneint die Versicherung einen so großen Einfluss eines einzelnen Ereignisses: „Natürlich ist eine solche Bremsung in der Wochenbewertung ersichtlich. Im Gesamtwert gehen einzelne Gefahrenbremsungen jedoch unter.“ Auf Nachfrage der SZ bekräftigt Thomas Körzdörfer, Head of Telematic Analytics bei der Huk-Coburg, diese Aussage. „Wir tun unser Bestes, diese Ausnahmesituationen vom sonst üblichen Fahrverhalten zu unterscheiden.“ Jedoch, so räumt der Analyst ein, sei Bremsen nun mal das stärkste Merkmal, um das individuelle Unfallrisiko zu beurteilen. „Wer häufig stark bremst, fährt gefährlicher als der Durchschnitt.“

Dass Versicherer das Zustandekommen ihrer Scores erklären, sollten Kunden nicht erwarten. Wie bestimmte Parameter gewichtet und bewertet werden, sei „als individuelle Tarifierungskomponente“ ein Geschäftsgeheimnis des jeweiligen Unternehmens, sagt Kathrin Jarosch vom Versichererverband GDV. Mit anderen Worten: Der Kunde erfährt zwar, welches Fahrverhalten Einfluss auf seine Bewertung hat, nicht jedoch, wie genau die ominöse Zahl zustande kommt. Verbraucherschützer fordern deshalb schon seit Jahren mehr Transparenz. Aus seiner Sicht ähnele das Scoring der Kfz-Versicherer dem des Finanzdienstleisters Schufa, sagt Lars Gatschke vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV). „Das ist eine Blackbox.“ Auch die intensive Datensammelei und die Tatsache, dass Versicherte dadurch zu gläsernen Kunden werden, sieht der VZBV kritisch.

Eine disziplinierende Wirkung

Huk-Coburg-Experte Körzdörfer betont, man beurteile das Fahrverhalten „ganzheitlich“. Im Übrigen dürften Autofahrer einen schlechten Punktwert nicht als Bestrafung missverstehen, sagt der 40-Jährige. „Das bedeutet nur, dass sie ein höheres Unfallrisiko haben als der Durchschnitt.“ Im Umkehrschluss deute ein Score von 100 auf herausragend sicheres Fahren hin.

Fakt ist, dass das Wissen um den Sensor im Auto eine disziplinierende Wirkung hat. „Ich überlege mir genau, ob ich forsch anfahre oder mit zu viel Tempo in eine Kurve gehe“, sagt Marco Klinger. „Auch kurze Bremser sind schnell registriert.“

Doch selbst Fehlerlosigkeit schütze nicht immer vor schlechten Punktwerten, sagt Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. „Es gab zum Beispiel den Fall, dass jemand mit 120 auf der Autobahn gefahren ist, während parallel dazu eine Straße mit Tempo 70 verlief. Dies hat das GPS aber nicht erkannt. Was dazu führte, dass dies als Geschwindigkeitsübertretung auf der Landstraße interpretiert wurde.“ Immerhin gebe es momentan kaum Beschwerden von Telematikkunden, sagt der Anwalt. Er hat dazu seine eigene These: „Entweder die Unzufriedenen sind zurück in einen Normaltarif gewechselt, oder sie haben sich mit den Unzulänglichkeiten der Technik arrangiert.“

Sieben Tipps für einen höheren Telematik-Rabatt:

1. Bremsen

Sanftes Bremsen und das Ausnutzen der Motorbremse sind besser als starkes Verzögern. Trotzdem wird eine Gefahrenbremsung immer als Ereignis in der App auftauchen. Es gilt der Grundsatz: Je häufiger abrupt und kräftig gebremst wird, desto wahrscheinlicher ist eine wenig vorausschauende Fahrweise mit zu wenig Sicherheitsabstand – was zu einem Punkte-Malus führt. Die Intervention beim Versicherer dürfte nicht sonderlich erfolgreich sein: „Da lief ein Kind auf die Straße“ haben die als Ausrede schon zu oft gehört.

2. Beschleunigen

Kavalierstarts an Ampeln sind tabu. Teilweise kritisieren Nutzer ihre Versicherer, der Algorithmus würde sie zwingen, auf den Einfahrtstreifen an Autobahnen zu langsam zu beschleunigen. Klar ist, dass die StVO an dieser Stelle ein vergleichsweise zügiges Beschleunigen fordert, um gefahrlos einfädeln zu können. Jedoch zeigt ein anderes Beispiel, wie sehr Vorsicht honoriert wird: Auf schnee- und eisglatten Straßen hat Marco Klinger im Februar den Bestwert von 100 Punkten eingefahren.

3. Geschwindigkeit

Das System belohnt defensives Fahren und die Einhaltung von Tempolimits. Die Praxis vieler deutscher Autofahrer, wonach „zehn km/h drüber noch okay sind“, sollten sich Telematiknutzer abgewöhnen, rät der Verbraucherschützer Michael Wortberg. Auch auf Autobahnen ohne Tempolimit sollte nicht gerast werden. Die Allianz beispielsweise wertet dauerhaft mehr als 150 km/h als überhöhte Geschwindigkeit.

4. Lenken

Hier gilt: Kurve ist nicht gleich Kurve. So wird zwischen dem Durchfahren eines Kreisverkehrs und Lenkbewegungen in einer normalen Kurve unterschieden. Je höher die Fliehkräfte, desto schlechter für den Score, weil dann ein rasanter Fahrstil unterstellt wird.

5. Tageszeit

Unstrittig ist, dass Nachtfahrten oder Berufsverkehr ein höheres Risiko bedeuten. Das heißt jedoch nicht zwingend, dass man schlecht bewertet wird, wenn man in der Dunkelheit oder zu Stoßzeiten unterwegs sein muss. Negativen Einfluss auf den Score habe das Fahren in diesen Phasen erst dann, „wenn es mit einem riskanten Fahrverhalten einhergeht“, betont Thomas Körzdörfer von der Huk-Coburg. Als Beispiel nennt er die wiederholte Überschreitung von Tempolimits.

6. Straßentyp

Teilweise identifizieren Versicherer bestimmte Straßenabschnitte als Gefahrenstellen. Wer dort zu forsch fährt, riskiert eher einen Punktabzug als auf einer Strecke, auf der es bislang wenige oder keine Unfälle gegeben hat.

7. Handy am Steuer

Das Smartphone soll zwar bei jeder Fahrt an Bord und per Bluetooth mit dem Telematiksensor verbunden sein, seine Benutzung erhöht jedoch das individuelle Risiko. Entscheidend ist hier, dass das Kreiselinstrument im Gerät keine Dreh-, Kipp- oder sonstige Bewegungen erkennt. Das (erlaubte) Mitführen in einer Arretierung wird toleriert. Weitere Indizien für eine unerlaubte Verwendung sind laut Körzdörfer ein entsperrtes Display und Scrollen oder Tippen, während das Auto rollt. (rnw/are)

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Die Versicherer halten dagegen und erklären, solche Fehler seien äußerst selten. Laut Huk-Coburg hat sich die Fahrbewertung „zum präzisen und zuverlässigen Tarifmerkmal entwickelt“. Seit der Einführung von „Telematik Plus“ im Jahr 2016 habe man 400.000 Kunden gewonnen und vier Milliarden Fahrkilometer ausgewertet.

Laut Stiftung Warentest lohnen sich vernetzte Tarife am ehesten für Fahranfänger mit geringen Schadenfreiheitsrabatten. Doch auch für andere Zielgruppen sei Telematik eine Option, sagt Stephen Voss von Neodigital. So könnten sich zum Beispiel Besitzer eines VW Golf GTI von der „Kollektivstrafe“ einer hohen Einstufung befreien. „Es wird nur noch Ihr persönlicher Fahrstil als Grundlage für die Höhe des Tarifs herangezogen. Auch wenn Sie in einem PS-starken Fahrzeug sitzen“, sagt Voss. Fragt sich nur, wer einen GTI kauft, um ihn dann zu bewegen wie ein Opa mit Hut.

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Den Familien-Golf fährt Marco Klinger derzeit mit einem Score von 67. Das ergäbe 15 Prozent Rabatt, wenn es bis zum Ende der Vertragslaufzeit so bliebe. Sein vorläufiges Resümee: „Ich bleibe dabei, solange ich mindestens zehn Prozent bekomme. Mein Ziel sind aber 20.“

Der VZBV fordert, dass Versicherer dazu verpflichtet werden, vor Vertragsschluss darüber zu informieren, welchen Durchschnittsrabatt zwei Drittel aller Kunden durch Nutzung einer Telematiklösung erzielen.

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