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Autofahrer in Sachsen fahren auf Elektro ab

Die regionale Statistik für 2021 zeigt zwei klare Verlierer und den Aufstieg der alternativen Antriebe. Doch hält die Ladeinfrastruktur mit?

Von Andreas Rentsch
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Einen ID.3? Viele E-Auto-Novizen würden lieber eine Nummer kleiner einsteigen. Doch für den eUp! hat VW seit Ende 2020 keine Bestellungen mehr angenommen.
Einen ID.3? Viele E-Auto-Novizen würden lieber eine Nummer kleiner einsteigen. Doch für den eUp! hat VW seit Ende 2020 keine Bestellungen mehr angenommen. © Oliver Killig

Dass sein nächstes Auto wieder ohne Auspuff auskommen würde, stand für Michael Papke außer Frage. „Ich habe mir im Mai 2021 einen Renault Twingo Electric gekauft“, sagt der 35-Jährige aus Radebeul. Den stolzen Bruttopreis von rund 27.000 Euro habe er dank Händlerrabatt und Förderzuschüssen auf die reichliche Hälfte gedrückt. Dass der Kleinwagen kein Reichweitenriese ist, kann Papke verschmerzen. Er lädt den Akku oft an der heimischen Wallbox, fährt aber auch weite Strecken. Mehr als 14.000 Kilometer hat er mit dem Twingo bereits zurückgelegt.

Auch viele Besitzer von Benzinern oder Dieseln entdecken die alternativen Antriebe für sich. Wie stark der Wechselwille ist, zeigen aktuelle Daten des Kraftfahrtbundesamts für Sachsen. Demnach hat es vergangenes Jahr erstmals mehr neu zugelassene Hybridautos als Diesel gegeben. Die Zahl der batterieelektrischen Pkw hat sich binnen zwölf Monaten auf 9.078 fast verdoppelt. Parallel dazu gingen die Neuzulassungen reiner Benziner drastisch zurück. Angesichts der Tatsache, dass bei Plug-in-Hybriden ein Otto-Motor an Bord ist, relativiere sich der Rückgang aber, sagt Michael Schneider, Vizepräsident im Landesverband des Kfz-Gewerbes.

Zulassungszahlen der vergangenen zehn Jahre in Sachse: Da dreht sich was.
Zulassungszahlen der vergangenen zehn Jahre in Sachse: Da dreht sich was. © FP-Grafik/Ariane Bühner

Interessant ist auch, welche batterieelektrischen Modelle sich am besten verkauft haben. Diese Zahlen liefert das KBA nur für ganz Deutschland. In der Jahresabrechnung auf Platz eins landet das Model 3 von Tesla mit 35.262 Exemplaren, gefolgt von VW e-Up! (30.797), VW ID.3 (26.693), Renault Zoe (24.736) und Smart EQ ForTwo (17.409). „Es wird spannend, wie es hier in den nächsten Monaten weitergeht“, sagt E-Auto-Pionier Papke. Denn stark nachgefragte Kleinwagen wie der e-Up! seien schon seit Ende 2020 nicht mehr bestellbar. Vor wenigen Tagen allerdings habe VW in einer internen Mitteilung an Händler angekündigt, der eUp! könne bald wieder geordert werden könne, sagt Stefan Moeller vom Mobilitätsdienstleister Nextmove.

Michael Schneider rechnet mit anhaltender Dynamik im E-Auto-Sektor. „Ich gehe für 2022 von einer weiteren Verdopplung aus. Ebenso werden die Hybridfahrzeuge weiter zunehmen.“ Dies sei der stetig wachsenden Modellvielfalt, aber auch der Förderpolitik geschuldet. Dazu kommen steuerliche Anreize bei Dienstwagen und rekordverdächtig hohe Spritpreise.

Als Wachstumshemmnis sieht Michael Papke monatelange Lieferfristen und die Tatsache, dass der Ausbau der Ladeinfrastruktur nicht mit dem wachsenden Fahrzeugbestand mithalten kann. Dass er sich bei diesem Thema bestens auskennt, hat berufliche Gründe: Papke arbeitet für das Start-up eClever. Diese Firma entwickelt eine intelligente Navigationslösung für E-Auto-Fahrer. Eine seiner Aufgaben besteht darin, öffentlich zugängliche Lademöglichkeiten in eine Datenbank einzupflegen und ihren Status zu verifizieren. Eine von ihm erstellte Onlinekarte aller Gleichstromladestellen in Sachsen listet derzeit 172 Standorte mit Ladeleistungen bis 50 Kilowatt (kW) und 126 Standorte mit mehr als 50 kW. Dazu kommen zwei Tesla-Supercharger an der A14 in Nossen und der A72 in Plauen. Weitere Schnelllader, an denen mit 150 kW oder mehr gezapft werden kann, entstehen derzeit in Dresden, Leipzig, Nossen, Wurzen, Chemnitz, Glauchau und Stollberg. In Meerane und Zwickau sollen im Februar zwei Hypernetz-Ladeparks des Energieversorgers EnBW eröffnen – „wenn das Wetter mitspielt“, sagt eine Unternehmenssprecherin.

In Sachsen gibt es bislang nur zwei Tesla-Supercharger-Standort: einen an der A14 bei Nossen, der andere an der A72 bei Plauen.
In Sachsen gibt es bislang nur zwei Tesla-Supercharger-Standort: einen an der A14 bei Nossen, der andere an der A72 bei Plauen. © Jens Kalaene / dpa

Grundsätzlich sei es hilfreich, bei der Neuwagensuche Kompromisse zu machen, rät Michael Schneider. Denn die Engpässe bei Zulieferern beträfen längst nicht nur Chips und Steuergeräte, sondern oft auch kleine Kunststoffkleinteile. „Etwa die Schalter für das Anklappen der Außenspiegel“, erklärt der 52-Jährige. Der betroffene Hersteller habe dann seine Fahrzeuge zunächst ohne diese Ausstattung ausgeliefert und angeboten, die Schalter später nachzurüsten.

Auch der Motorradhandel hat mit Widrigkeiten zu kämpfen, büßt aber bei den Zulassungszahlen nicht so drastisch ein wie die Autobranche. 7.174 Krafträder kamen 2021 neu auf die Straße, das sind 1.013 weniger als im Rekordjahr 2020. Er habe im Dezember das komplette Jahresvolumen für 2022 bestellt, sagt Yamaha-Händler Matthias Gärtner aus Dohna bei Pirna. „Alle Liefertermine sind unter Vorbehalt der weltweiten Pandemieentwicklung vereinbart worden.“ Potenziellen Käufern rate er, ihr Bike bis spätestens Februar zu bestellen. Auch der Ausfall regionaler Fachmessen dürfte die Branche insgesamt viel Umsatz kosten, sagt Gärtner. „Dass etwa die ,Sachsen Krad‘ nicht stattfinden kann, schmerzt uns sehr. Der direkte Kundenkontakt ist durch nichts zu ersetzen.“