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Kesselsdorf: Innovationsschmiede gerettet

Die Firma Action Composites übernimmt den Carbon-Betrieb von Thyssenkrupp. Etwa 100 Beschäftigte haben wieder eine Perspektive.

Mit Rädern aus Carbonfasern will die Firma Action Composites in Kesselsdorf durchstarten. Miteigentümerin Christine Beuleke und Geschäftsführer Jens Werner.
Mit Rädern aus Carbonfasern will die Firma Action Composites in Kesselsdorf durchstarten. Miteigentümerin Christine Beuleke und Geschäftsführer Jens Werner. © Egbert Kamprath

Es war der rasante Fall vom preisgekrönten Unternehmen zum Schließungs-Kandidaten. Von ganz unten soll es nun für den Produzenten von Carbon-Rädern in Kesselsdorf wieder nach ganz oben gehen. "Unser Ziel ist es, Weltmarktführer in dem Segment zu werden", sagt Christine Beuleke, eine der neuen Eigentümer des Betriebs.

Anfang Mai dieses Jahres hatte Thyssenkrupp erklärt, die Konzerntochter Carbon Components in Kesselsdorf bei Dresden aufzugeben. Die stellte hauptsächlich Auto- und Motorradfelgen aus Carbon her. Zwar arbeitete der Betrieb mit modernsten Technologien, schaffte es aber nicht, profitabel zu wirtschaften. Stattdessen liefen nach Angaben von Thyssenkrupp Millionen-Verluste auf.

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Preisgekröntes Unternehmen

Als man bei der Action Composites GmbH davon hörte, dass der Betrieb aufgegeben werden soll, wurden die Österreicher hellhörig und zeigten Interesse. Immerhin war die Thyssenkrupp-Niederlassung noch im August 2020 von Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) mit einem Innovationspreis ausgezeichnet worden. Das "Top 100 Siegel" wurde nach einem wissenschaftlichen Verfahren vergeben. In der Klasse der Betriebsgrößen bis 200 Beschäftigten landeten die Kesselsdorfer sogar auf Platz zwei.

Das blieb nicht unbemerkt. Schnell sei den neuen Eigentümern klar geworden, dass diese "Innovationsschmiede" perfekt in das Portfolio des Familienunternehmens passt. Das hat seinen Sitz in Ried in Österreich. Es besteht nunmehr seit zehn Jahren und hat Standorte in China, Vietnam und Hongkong. "Als fünfter Standort ist nun Kesselsdorf hinzugekommen", sagt Christine Beuleke.

Die Radialflechtanlage der Firma Action Composites in Kesselsdorf verarbeitet Carbon-Fasern und ist eine besonders innovative Produktionsanlage.
Die Radialflechtanlage der Firma Action Composites in Kesselsdorf verarbeitet Carbon-Fasern und ist eine besonders innovative Produktionsanlage. © Action Composites

Action Composites produziert unter anderem Spoiler, Lufteinlass oder Spiegelkappen für Premium-Automarken wie Porsche. Felgen hatten als Komponente noch gefehlt. Deshalb passe die Verbindung mit Kesselsdorf perfekt. "Die Carbon-DNA verbindet uns", sagt Beuleke.

Das Unternehmen ist seit Gründung stetig gewachsen. Inzwischen arbeiten weltweit 1.800 Beschäftigte für Action Composites. Ziel ist es, noch weiterzuwachsen. Vielversprechend sei nicht nur das Know-how der Kesselsdorfer, sondern auch die enge Verbindung und damit der Zugang zur TU Dresden. Das Kernteam der Mitarbeiter stammt maßgeblich von der TU. Diese Fachkräfte würden auch weiter benötigt.

Mit der Übernahme erweitert Action Composites seine Produktpalette auch auf Motorräder. Es sind noch weitere strategische Entwicklungen geplant, über die die neuen Eigentümer aber noch nicht öffentlich sprechen wollen. An den Standorten in Asien soll die handwerksintensive Arbeit erfolgen. In Kesselsdorf sollen es eher die automatisierten Prozesse und die Entwicklung sein.

300 Einzelpatente sichern Zukunft

Selbst in den Kaufverhandlungen konnte nicht vollends mit offenen Karten gespielt werden. In einigen Bereichen waren beide Firmen Konkurrenten. Eine Werksbesichtigung war fast unmöglich, um vor Vertragsabschluss keine Betriebsgeheimnisse preiszugeben. "Wir haben Technologien mit 30 Patentfamilien, zu denen fast 300 Einzelpatente gehören", erklärt Geschäftsführer Jens Werner. Patentinhaber können diese 20 Jahre lang allein nutzen.

Viele Patente haben noch eine lange Laufzeit. "Mit diesem Schutz ist die Zukunft des Unternehmens gesichert", sagt Werner. Ein weiterer Marktvorteil ist, dass die Carbon-Räder aus Kesselsdorf sozusagen freigeprüft sind und ohne weitere Anforderungen für die Straße zugelassen sind - europaweit, in den USA und in Asien. Das könne kein anderes Unternehmen für Carbon-Räder vorweisen, erklärt Werner.

Die Geschäftsführung wie neue Eigentümer werden nicht müde, auf die technischen Vorteile von Carbon hinzuweisen. Das ist vergleichsweise leicht. An Autos wird die Masse allein durch Carbon-Räder um etwa 20 Kilogramm reduziert. Das verringert den Energieverbrauch.

Deshalb hat Action Composites auch die Elektroautos im Blick. Leichtere Autos erreichen mit demselben Energieverbrauch eine höhere Reichweite. Zudem dämpfen Carbon-Räder stärker die Abrollgeräusche. Bei E-Autos fehlen die Geräusche des Verbrennungsmotors, entsprechend präsenter sind Abrollgeräusche.

Carbon-Räder haben auch ein "gutmütigeres Versagensverhalten" als herkömmliche Räder aus Metall, erklärt Werner. Landläufig werde zwar immer etwas anderes behauptet, doch Carbon könne stärker beschädigt werden, bevor es bricht. Das sei inzwischen erwiesen.

Rennsport im Blick

In der "Werbung für Carbon" durfte auch eine Randnotiz nicht fehlen. Bei einem der bedeutendsten Motorrad-Straßenrennen, dem auf der britischen Insel Isle of Man, haben seit 2017 nur noch Teams gewonnen, die mit Carbon-Rädern gefahren sind. "Die sind für belastungsintensive Strecken besonders geeignet", sagt Werner. Die Kesselsdorfer waren mit einem eigenen Team vor Ort.

Der Rennsport könnte ein weiteres Geschäftsfeld werden. Für einen Grand Prix auf Rennstrecken sind Carbon-Räder laut Reglement aber nicht zugelassen. Dort wird noch an alten Standards festgehalten.

Derzeit wird ein Carbon-Radsatz für Sportmotorräder für rund 4.000 Euro angeboten. Auf der Website sind sie zwar noch als Produkte von Thyssenkrupp ausgewiesen, das wird aber schrittweise umgestellt. Seit 1. September ist die Übernahme erst fix.

Damit sind 100 Arbeitsplätze in Kesselsdorf vorerst gerettet. Um sich gleich entsprechend als Familienunternehmen zu präsentieren, gab es zwei Tage nach dem Abschluss des Kaufs ein Fest für die Beschäftigten und deren Familien auf dem Betriebsgelände. Auf Hüpfburgen konnte rumgetollt werden und die neuen Eigentümer standen für Gespräche zur Verfügung.

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