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E-Sportwagen Taycan im Test: Porsche unter Starkstrom

Der elektrische Taycan ist ein extremes Auto – nicht nur auf der Straße, sondern auch an der Ladesäule. Eindrücke von einer Testfahrt im Raum Leipzig.

Rennsportflair: Im Leipziger Porsche-Werk gibt es einen Rundkurs, auf dem sich Autos wie dieser elektrisch angetriebene Taycan testen lassen.
Rennsportflair: Im Leipziger Porsche-Werk gibt es einen Rundkurs, auf dem sich Autos wie dieser elektrisch angetriebene Taycan testen lassen. © Anja Jungnickel

Wie sagte einer der Porsche-Mitarbeiter kurz vor dem Einsteigen? „Immer schön auf dem Asphalt bleiben! Und das Glänzende nach oben!“ Genau mein Humor. Ich werde mich hüten, den schwarzen Taycan Turbo S versehentlich aufs Dach zu legen. Immerhin kostet der Testwagen, in dem ich gerade sitze, mindestens 181.638 Euro, mit Extras vermutlich noch einiges mehr.

Das Problem ist nur: Jetzt steht „dynamisches Fahren“ auf dem Programm. Ich soll herausfinden, was dieser elektrische Supersportwagen zu leisten vermag. Im Konvoi mit vier weiteren Taycans rolle ich aus der Boxengasse des Testareals am Leipziger Porsche-Werk. Vom Antrieb ist nur ein Surren zu vernehmen. Vorneweg fährt John Black, Porsche-Instrukteur mit 15 Jahren Erfahrung und der sonoren Stimme eines Reiseleiters. Über Bordfunk erklärt er die Eigenheiten des 3,7-Kilometer-Rundkurses – wo sich die Einlenkpunkte der Kurven befinden und welche Pylonen die Ideallinie andeuten. Überholen ist verboten.

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Familienaufstellung: Der Taycan wird in drei verschiedenen Varianten gebaut.
Familienaufstellung: Der Taycan wird in drei verschiedenen Varianten gebaut. © Anja Jungnickel

Kurz vor der Einfahrt auf Start und Ziel stoppt John. „Damit jeder mal die volle Beschleunigung des Taycan erfahren kann“, erklärt er und gibt Anweisungen, was wir für den sogenannten Launch-Control-Start zu tun haben. Erstens: Mit dem Stellrädchen am Lenkrad den Modus „Sport plus“ auswählen. Zweitens: Den linken Fuß aufs Bremspedal, den rechten voll aufs Gas. Drittens: Lenkrad festhalten und Fuß von der Bremse.

Wie von einem unsichtbaren Katapult abgefeuert, reißt es den Wagen vorwärts. Nach drei Sekunden steht 100 auf dem Digitaltacho, nach zehn Sekunden ist Tempo 200 erreicht. Der Taycan rast an den ersten Orientierungsschildern vorbei, die die Entfernung bis zur nächsten Kurve anzeigen. Ich trete mit aller Kraft aufs Bremspedal. Gefühlt immer noch viel zu schnell, lenke ich ein. Die Reifen quietschen, doch der über zwei Tonnen schwere Allradler bleibt in der Spur. Oha. So brachial, wie er beschleunigt, verzögert der Porsche auch.

Katapultstart: Nach weniger als zehn Sekunden ist der Wagen 200 km/h schnell – und SZ-Redakteur Andreas Rentsch bekommt schwitzige Hände.
Katapultstart: Nach weniger als zehn Sekunden ist der Wagen 200 km/h schnell – und SZ-Redakteur Andreas Rentsch bekommt schwitzige Hände. © Anja Jungnickel

Vier Jahre Entwicklung stecken in der viertürigen Sportlimousine. Für die Produktion wurde in Zuffenhausen bei Stuttgart eigens ein neues Werk gebaut. Der Corona-Lockdown habe dem Fertigungsstart eine denkbar ungünstige Zwangspause beschert, sagt Firmensprecher Mayk Wienkötter. „Sechs Wochen wurde kein einziges Auto gebaut, keine Probefahrt gemacht.“ Inzwischen läuft die Produktion, pro Tag werden mindestens 150 Taycans fertig. Gebaut wird das extreme E-Auto in drei Varianten. Schon das „Basismodell“ 4S kostet knapp 104.000 Euro. Dafür wird der betuchte Kunde – zumindest beim Start nach Formel-1-Manier – mit bis zu 530 PS angeschoben. Der Turbo S kommt in dieser Disziplin auf aberwitzige 761 PS.

Doch Porsche wäre nicht Porsche, wenn man nicht auch an der Ladesäule der Schnellste sein wollte. Deshalb haben die Ingenieure dem Taycan als erstem Serienfahrzeug überhaupt ein 800-Volt-Bordnetz implantiert. Was damit möglich wird, sollen die Testfahrer auf öffentlichen Straßen und bei einem Ladestopp ausprobieren.

Spiegelbild: In der Mittelkonsole steckt ein 8,4-Zoll-Touchscreen.
Spiegelbild: In der Mittelkonsole steckt ein 8,4-Zoll-Touchscreen. © Anja Jungnickel

Dafür wechsele ich in einen hellblauen Taycan 4S. Mein Ziel liegt laut Navi nur 25 Kilometer vom Porsche-Werk entfernt. Auf dem Autohof am A9-Anschluss Bad Dürrenberg betreibt das Ionity-Konsortium sechs Schnellladesäulen. Über die A14 bis zum Schkeuditzer Kreuz und dann weiter Richtung Süden dauert die Fahrt dorthin nur knapp 20 Minuten. Ein paar Kilometer weiter überhole ich ein Model 3 von Tesla. Dessen Fahrer schaut interessiert herüber. Will der etwa tauschen?

An der Raststätte sind fünf der sechs Ladesäulenplätze leer. Was ich jetzt zu tun habe, soll nicht komplizierter sein als das Zapfen von Benzin oder Diesel. Kurz die Ladekarte an den Sensor der Säule halten, Freigabe abwarten, Ladekabel aus dem Schacht ziehen und am Wagen einklinken. Die Buchse für den Gleichstromanschluss sitzt auf der Beifahrerseite. 77 Cent kostet die Kilowattstunde, zeigt das Servicedisplay an – nicht eben ein Schnäppchenpreis.

Tankstopp: An der A9 bei Bad Dürrenberg stehen sechs Schnelllader.
Tankstopp: An der A9 bei Bad Dürrenberg stehen sechs Schnelllader. © Anja Jungnickel

Jetzt ist Zeit für ein Schwätzchen, wie es Fahrer von Elektroautos angeblich gern halten An der Nachbarsäule wartet ein Pärchen vor einem VW e-Up. „Wir wohnen südlich von Kassel und sind auf dem Weg nach Dresden“, erzählt Heiko Knüppel. Für die Distanz habe er fünf Ladestopps geplant. „Heimwärts mit Rückenwind sind es nur vier.“ Seit anderthalb Jahren schon sei er elektrisch unterwegs, sagt Knüppel, bereut habe er es nicht. Allenfalls das Tarif-Wirrwarr und die Suche nach günstigen Stromtankstellen finde er nervig.

Wäre mein Akku randvoll, käme der 4S laut Hersteller auf eine Reichweite zwischen 333 und 407 Kilometern. Von Leipzig auf die Insel Rügen sollte ich also bequem mit nur einem Tankstopp kommen.

Kraftakt: Getankt wird mit bis zu 270 Kilowatt Ladeleistung und einem dicken Kabel.
Kraftakt: Getankt wird mit bis zu 270 Kilowatt Ladeleistung und einem dicken Kabel. © Anja Jungnickel

Nach neun Minuten linse ich aufs Display meiner Ladesäule. Der runde Fortschrittsbalken ist schon fast geschlossen. „85 Prozent“, meldet der Taycan. In dieser kurzen Zeit hat es 13,6 Kilowattstunden in den Akku gepresst. Noch beeindruckender sei das Laden, wenn der Akku nahezu leer und optimal temperiert ist, hat mir Porsche-Ingenieur Christoph Roggendorf zuvor erläutert. „Den Ladestand von fünf auf 80 Prozent zu bringen, dauert dann nur 22 Minuten und 30 Sekunden.“ Wie oft Taycan-Besitzer ihren Batterien wohl diese Kraftkur zumuten? Porsche jedenfalls gibt acht Jahre Garantie, bis zu einer Laufleistung von 160.000 Kilometern.

Weitere vollelektrische Modelle sind bereits in Planung. So soll die nächste Generation des Macan, der in Leipzig gefertigt wird, ebenfalls mit Akkupower fahren. Klar ist aber auch, dass die Zuffenhausener weiterhin Autos mit konventionellem Antrieb produzieren werden. „Solange die Nachfrage da ist, werden wir Verbrenner bauen“, sagt Mayk Wienkötter.

Kaffeepause: Kein E-Auto-Akku lässt sich so schnell füllen wie der des Taycan.
Kaffeepause: Kein E-Auto-Akku lässt sich so schnell füllen wie der des Taycan. © Anja Jungnickel

Gut möglich, dass selbst eingefleischte 911er-Fans schwach werden, wenn sie einmal mit einem Taycan gefahren sind. Die Fahrleistungen des Elektrosportlers sind über jeden Zweifel erhaben. Auch beim gemächlichen Gleiten über die Autobahn macht der Viersitzer Spaß. Eine Anzeige über dem Digitaltacho animiert zum sparsamen Fahren. Lupfe ich den Gasfuß, weil es leicht bergab geht, erscheint ein grünes Indikatorlicht. Damit wird signalisiert, dass der Taycan rekuperiert, also Bewegungsenergie in elektrische Energie zurückverwandelt, die wieder in den Akku fließt. Trete ich dagegen voll drauf, schießt ein blauer Balken in die entgegengesetzte Richtung – ein Hinweis, dass der Akku gerade in Rekordtempo leer gesaugt wird. Leider macht der Taycan beim Beschleunigen am meisten Laune ...

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  • Porsches Vermietservice „Drive Rental“ hat seit Kurzem auch den Taycan im Angebot. Möglich ist die Ausleihe in Stuttgart, Hamburg, Berlin, auf Sylt – und in Leipzig.

  • Die Leihdauer ist flexibel und abhängig vom gewählten Modell. Kürzestmögliche Dauer sind drei Stunden, maximal sind 28 Tage möglich.

  • Interessierte müssen sich einmalig online bei Porsche registrieren. Voraussetzung für die Leihe ist ein Mindestalter von 25 Jahren, Mieter müssen zudem seit mindestens fünf Jahren eine Fahrerlaubnis besitzen.

  • Die Mietpreise in Leipzig beginnen bei 388 Euro für eine eintägige Taycan-Leihe. Während der Mietdauer laden Kunden über den Porsche Charging Service kostenfrei. Buchung und Abrechnung erfolgen per Kreditkarte.

  • www.porsche.de/drive

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