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Ein Neues europäisches Bauhaus

Der Klimawandel erfordert neue Wohn- und Baukonzepte. Der Zukunftsforscher Daniel Dettling erklärt, worauf es künftig ankommt. Ein Gastbeitrag.

Der Zukunftsforscher Daniel Dettling sieht die Zeit gekommen für eine neue Wohnbewegung. Foto: Neumann und Rodtmann
Der Zukunftsforscher Daniel Dettling sieht die Zeit gekommen für eine neue Wohnbewegung. Foto: Neumann und Rodtmann © Neumann und Rodtmann

Von Daniel Dettling

Die Immobilienpreise und Mieten in großen Städten wie Leipzig und Dresden steigen auch in der Coronakrise weiter. Eine Ursache ist die Zunahme von Single-Haushalten. Ihre Zahl ist in den letzten 30 Jahren bundesweit um 46 Prozent gestiegen. In Städten wie München oder Berlin wohnt fast jeder Zweite in einem Ein-Personen-Haushalt. Zunehmen wird auch die Zahl der älteren Menschen. Werden die größeren Städte zu Orten von Singles und Senioren? Die Nachfrage nach kleineren Wohneinheiten und gemeinschaftlichem Wohnen wird in Zukunft steigen, auch weil sich die Menschen nach Corona nach mehr Gemeinschaft und Schutz sehnen. Gefragt sind innovative und Antworten und neues Denken.

Teppich Schmidt
Sieben Wohnwelten – ein Geschäft
Sieben Wohnwelten – ein Geschäft

Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

Weniger Fläche, mehr Nachbarschaft

Mehr Singles und Senioren führen zu neuen sozialen Herausforderungen: Die Einsamkeit nimmt vor allem unter den Jüngeren und den Älteren zu. Betroffen sind vor allem die um die 30-Jährigen und die über 80-Jährigen. Wohnen wird zur doppelten sozialen Frage: neben bezahlbaren Mieten geht es um attraktive Quartiere und Nachbarschaften. Eine Reduktion der Miet- und Grundstückskosten geht in den Städten nur über eine Verkleinerung der Wohnflächen, da insbesondere große Städte wie Leipzig und Dresden an Bevölkerung wachsen und die Preise entsprechend steigen. Gefragt sind soziale und ökologisch nachhaltige Innovationen, die auf weniger, dafür vernetzte Wohnfläche setzen.

Eine Antwort auf den Trend der Single-Haushalte ist verdichtetes und vernetztes Wohnen. „Tiny-Living“ begann in den 90er Jahren in den USA. Es geht um kleine, flexible Wohneinheiten mit großer Lebensqualität. Die Generationen Y und Z, aber auch die Babyboomer wollen anders wohnen und leben. Ihnen geht es um mehr Gemeinschaft, Sharing-Angebote, Möglichkeiten, etwas zu teilen. Aus Büros wird Co-Working, aus Autobesitz Co-Mobility, aus Gärtnern Co-Gardening und aus Küchen und Wohnzimmern Co-Living. So entsteht am Südkreuz derzeit ein Quartier, das auf die neuen Bedürfnisse reagiert und 2020 fertig werden soll. Das Quartier mit 665 Mietwohnungen umfasst auch 116 geförderte Wohnungen für 8,50 Euro pro Quadratmeter. Entstehen soll eine Gemeinschaft, die, so ihr Entwickler Joachim Wintzer, „groß genug ist, um etwas teilen zu können und klein genug, um zu wissen, mit wem man teilt.“

Ein ähnliches Projekt baut Hannover. In der niedersächsischen Hauptstadt entsteht Europas größte Siedlung für ökologisches, minimalistisches und inklusives Wohnen. Das basisdemokratische Projekt setzt vor allem auf drei Zielgruppen: „Junge Radikale“, die reduziert leben wollen. Senioren, die Einsamkeit oder Altersarmut vermeiden wollen und die mittlere Generation, die auf der Suche nach einer neuen Balance von Selbstbestimmung und Gemeinschaft sind. Im „Ecovillage“ sollen rund 500 Einheiten für bis zu tausend Bewohner entstehen. Das Projekt ist als Genossenschaft organisiert, Sozialwohnungen machen das Projekt aufgrund der staatlichen Förderung nicht nur günstiger, sondern auch multikulturell und inklusiv. Verhindert werden soll, dass Gutverdiener günstig an eine Eigentumswohnung kommen. Das neue urbane Bauen reagiert auf ein neues Bedürfnis der Stadtbewohner: Teilen statt Eigentum. Ihre neuen Organisationsformen sind die alten: Genossenschaften und (Bau-)Gemeinschaften.

Menschen verbinden, die nicht zusammengehören

Damit setzt sich die Idee der Circular City durch: Menschen und Dinge zu verbinden, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören. Es geht um sozialen Austausch und um die Weiter- und Wiederverwendung von Dingen. Der „Clash of Spaces“ zwischen den unterschiedlichen Lobby-Gruppen (Wohnbau, Kleingärtner, Tourismus) soll vermieden werden, indem das Ziel „Weniger Raum, mehr Lebensqualität“ konsequent umgesetzt wird. Aus Bewohnern werden Nachbarn. Gemein ist den neuen Projekten, dass es ihnen nicht in erster Linie um „gutes Wohnen“, sondern um den Aufbau guter Nachbarschaften geht. Bisherige Wohnkonzepte sind introvertiert und nach innen gerichtet und wollen die äußere Welt in der privaten Wohnung abbilden: „Meine Garage, mein Auto, meine Familie, mein Garten.“ Die neuen Konzepte sind eine Antwort auf das Bedürfnis nach Nachbar- und Gemeinschaft und den Trend, die Welt zu erobern, indem man die eigenen vier Wände verlässt.

Cluster- und Co-Living

Das neue gemeinwohlorientierte Wohnen richtet sich nicht nur an Menschen mit unterdurchschnittlichem Einkommen wie der traditionelle soziale Wohnungsbau, sondern an alle sozialen Milieus und Lebensstile. Der Erfolg der neuen Projekte und Quartiere liegt im „Cluster- und Co-Living“: alleine Wohnen innerhalb einer Gemeinschaft. Es ist erst die Vielfalt an Wohn- und Lebensformen, die eine Großstadt lebenswert und attraktiv macht. Co-Living wird zum neuen Wohnmodell, nicht nur für Studierende und junge Leute. Populärer werden auch WGs für Berufstätige und Ältere sowie Mehrgenerationenhäuser. Alters-WGs verbinden das Bedürfnis der Älteren, möglichst lange in den eigenen vier Wänden und nicht in einem Heim zu leben, mit der Notwendigkeit, sie gut und effizient zu betreuen. Unterstützt werden die WGs durch technologische Fortschritte im Bereich des Ambient Assisted Living (AAL) und des Smart Home. Langfristig lösen Alters-WGs die Altenheime ab.

Eine neue Bauhaus-Bewegung

Vor 100 Jahren stellte sich die Bauhaus-Bewegung der Frage, wie Gebäude designt sein sollen, damit sie einen sozialen Dienst an der Gesellschaft leisten. Heute geht es um Lösungen, welche die urbane Infrastruktur miteinbeziehen. Auf 15 bis 20 Quadratmetern im Stadtraum zu wohnen funktioniert nur, wenn es gut ausgestattete Bibliotheken, Räume der Begegnung und Angebote zum Teilen gibt. Den Trend hat jetzt auch die EU-Kommission entdeckt. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat jüngst ein „neues europäisches Bauhaus“ vorgeschlagen. Europaweit sollen zunächst fünf Projekte entstehen, die dem Ziel der Nachhaltigkeit verpflichtet sind. Es geht um die Zukunftsthemen naturnahe Baustoffe und Energieeffizienz, Kunst und Kultur, Demografie, neue Mobilitätsformen und ressourcenschonende digitale Innovationen.

„Die Menschen, nicht die Häuser machen die Stadt“ sagte Perikles, als vor mehr als 2000 Jahren die Akropolis in Athen neu bauen ließ. Beim Bau von Wohnungen geht es immer auch um Beziehungen. Nachbarschaften und Gemeinschaften entstehen, wenn sie gelingen.

Der Autor ist Zukunftsforscher und leitet das von ihm gegründete Institut für Zukunftspolitik (www.zukunftspolitik.de). Sein neues Buch heißt: „Zukunftsintelligenz. Der Corona-Effekt auf unser Leben“ (LangenMüller).

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