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Die Retter der ältesten Blockstube

Ein Umgebindehaus in Neschwitz gibt bei der Sanierung seine Geheimnisse preis. Auch jahrhundertealte Kuriositäten entdeckten die Eigentümer.

Bauherrin Steffi Prauser und ihr Vater Hans-Christian Bartke vor ihrem Umgebindehaus im Neschwitzer Ortszentrum, das gerade saniert wird. Es birgt so manche Überraschung.
Bauherrin Steffi Prauser und ihr Vater Hans-Christian Bartke vor ihrem Umgebindehaus im Neschwitzer Ortszentrum, das gerade saniert wird. Es birgt so manche Überraschung. © SZ/Uwe Soeder

Neschwitz. Wenn Steffi Prauser von ihrer Baustelle erzählt, gerät man unweigerlich ebenfalls ins Schwärmen. Die Mutter zweier Kinder widmet sich gemeinsam mit ihrem Mann Matthias mitten im Ortszentrum von Neschwitz einem wirklich aufwendigen Wohnprojekt, das manch anderen wohl verzweifeln ließe: Nachdem sie aus Hamburg in die alte Heimat zurückgekehrt war, hat die Familie 2018 dort, direkt neben der Neschwitzer Barockkirche, ein altes Umgebindehaus erworben.

Ausschlaggebend für den Kauf war damals eher Pragmatismus als Leidenschaft: "Wir haben mitbekommen, dass das Haus zum Verkauf stand, und es von der privaten Eigentümerin erworben, die bis zuletzt darin gewohnt hat", erzählt Steffi Prauser. Ein Stück weit naiv seien sie und ihr Mann damals an das Vorhaben gegangen, sagt sie lachend. Denn in welch desolatem Zustand sich das Gebäude tatsächlich befand, hätten sie erst mit Beginn der Sanierungsarbeiten im März 2020 bemerkt. "Da konnten wir schon nicht mehr umdrehen", so Steffi Prauser weiter.

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Das Bauholz stammt aus dem Jahr 1552

Immerhin: Mit dem Fortschritt der Arbeiten verliebten sich beide zunehmend in das Häuschen. Das gibt nur zögerlich seine historischen Besonderheiten preis. Die aber haben es in sich, berichtet Arndt Matthes von der Stiftung Umgebindehaus: "Die Blockstube ist von 1553", hat er durch Bestimmung der beim Bau verwendeten Hölzer herausgefunden. Das Tannenholz, das eigentlich untypisch für diese Region ist, sei im Winter 1552 gefällt worden. Damit ist die Blockstube der Prausers - soweit bislang bekannt - die älteste Erhaltene ihrer Art im gesamten Landkreis Bautzen.

Die historische Holzbalkendecke der Blockstube konnte zu großen Teilen erhalten und restauriert werden. In einem Riss im Querbalken fanden die Prausers bei den Arbeiten fünf Backenzähne.
Die historische Holzbalkendecke der Blockstube konnte zu großen Teilen erhalten und restauriert werden. In einem Riss im Querbalken fanden die Prausers bei den Arbeiten fünf Backenzähne. © SZ/Uwe Soeder

Einen Großteil der Hölzer an den Außenwänden mussten die Prausers auswechseln lassen. Erhalten aber blieb die Holzdecke - auch sie sucht ihresgleichen: Wo sonst mehrere Balken quer zu den Deckenbrettern verlaufen, hält im künftigen Schlafzimmer des Ehepaars Prauser ein einziger Querbalken das Holz an Ort und Stelle. "Solche Spannweiten gibt es sonst nirgendwo. Das ist einzigartig rechtsseitig der Elbe", berichtet Steffi Prausers Vater Hans-Christian Bartke - "der dritte Bauherr", wie Steffi Prauser lachend sagt.

Und noch eine Überraschung fanden die Prausers in ihrem künftigen Schlafzimmer. Eines, das ein wenig schaurig sei, verrät die Hausbesitzerin, während sie vielsagend ein Stück Malerkrepp vom Deckenbalken löst. Dahinter verbergen sich fünf Backenzähne. Wie und warum die dahin gekommen sind, kann auch Umgebindehaus-Fachmann Arndt Matthes sich nicht erklären: "Fakt ist, jemand wollte sich dort verewigen. Vielleicht war es eine Art Aberglaube. Vielleicht hat mal ein Zahnarzt in dem Haus gelebt", sagt er.

Haus war einst vielleicht die Kirchschule

Für wahrscheinlicher hält er aber, dass sich in der Blockstube nach ihrer Erbauung die Kirchschule oder das Pfarrhaus befunden hat. "Die Decken sind für eine Blockstube sehr hoch. Mit 90-prozentiger Sicherheit war das mal ein besonderes Haus", erklärt Matthes. 1547 - also kurz vor der Erbauung der Blockstube - habe die Reformation stattgefunden. Damals seien in der Oberlausitz die ersten Kirchschulen entstanden. Diese Theorie passe zur exponierten Lage des Umgebindehauses direkt neben der Kirche.

Mit der Sanierung des Hauses haben die Prausers ausschließlich Fachleute aus der Region beauftragt. Die Blockstube wurde in viel Handarbeit wieder hergestellt. Derzeit werden die Lehmziegel in das alte Fachwerk im Obergeschoss eingepasst.
Mit der Sanierung des Hauses haben die Prausers ausschließlich Fachleute aus der Region beauftragt. Die Blockstube wurde in viel Handarbeit wieder hergestellt. Derzeit werden die Lehmziegel in das alte Fachwerk im Obergeschoss eingepasst. © SZ/Uwe Soeder

So viel Geschichte fühlen sich auch Steffi und Matthias Prauser verpflichtet, die mit der Sanierung ihres Schätzchens ausschließlich Fachleute aus der Region beauftragten. Die, verrät Steffi Prauser, seien inzwischen eine eingeschworene Handwerkergemeinschaft. Und: "Auf unserer Baustelle wird ganz selbstverständlich Deutsch und Sorbisch gesprochen." Manchmal, fährt die Hausherrin fort, habe sie bei so viel Tradition Gänsehaut. Sie zeigt ein Video vom Richtfest. Im strömenden Regen singen drei Männer sorbische Volkslieder. "Wir haben kein Wort verstanden, aber das war toll", schwärmt Steffi Prauser.

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Gänzlich auf Moderne und Wohnkomfort verzichten will die Familie bei allem Traditionsbewusstsein aber nicht. Deshalb gliederte sie den Wohn- und Essbereich in einen neuen Anbau aus. Der L-förmig zum Bestandsgebäude angeordnete Baukörper besticht durch große Glasflächen, hohe Decken und eine Galerie - wenigstens in Zukunft. Denn noch ist das Häuschen an der Kirchgasse eine Baustelle. "Manchmal haben wir uns schon gefragt, warum wir nicht einfach auf der grünen Wiese gebaut haben", gibt Steffi Prauser mit Blick auf die lange Bauphase zu. Inzwischen aber, fährt sie fort, mache sich die Familie mit dem Einzugstermin keinen Stress mehr.

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