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Wie das alte Scharfrichterhaus neue Trends setzt

Bei Neschwitz wird jetzt ein historisches Gebäude aus Lissahora wieder aufgebaut. Es kann als Beispiel dienen für das ideale Heim umweltbewusster Weltenbummler.

Eine vergnügliche Pamperei: Arnd Matthes von der Stiftung Umgebindehaus benutzt historischen Lehm, um die Gefache des geretteten Scharfrichterhauses am neuen Standort in Luga zu verputzen.
Eine vergnügliche Pamperei: Arnd Matthes von der Stiftung Umgebindehaus benutzt historischen Lehm, um die Gefache des geretteten Scharfrichterhauses am neuen Standort in Luga zu verputzen. © SZ/Uwe Soeder

Neschwitz. Arnd Matthes ist überzeugt: Fachwerk und Umgebinde sind Antworten auf die Sehnsüchte der Gegenwart - ein unentdeckter Trend gewissermaßen. Während er mit den Händen in einem Bottich feuchten Lehms knetet, erklärt der Fachmann der Stiftung Umgebindehaus, was er meint: "Die Fachwerkbauweise ist absolut nachhaltig, ich würde sogar sagen, fast CO2-neutral." Darüber hinaus, fährt er fort, gehörten Fachwerkhäuser in Zeiten ihrer Entstehung zum "fahrenden Habe": "Man konnte sie einfach ab- und an anderer Stelle wieder aufbauen." - Die ideale Unterkunft für umweltbewusste Weltenbummler also.

Dass Arnd Matthes nicht übertreibt, zeigt sich am neuen Standort des historischen Neschwitzer Scharfrichterhauses an der Lugaer Bockwindmühle. Innerhalb von drei Tagen, berichtet Dieter Petschel, Vorsitzender des Neschwitzer Heimatvereins und Mitinitiator der Hausrettung, sei das Fachwerk nach der umfangreichen Aufarbeitung im Erzgebirge an seinem neuen Standort auf dem Lugaer Totenberg wiedererrichtet worden.

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Sogar der alte Lehm wird wiederverwendet

Derzeit ist eine feste Truppe von rund 15 Ehrenamtlern dabei, die Staken in die Gefache - die Räume zwischen den Holzbalken - einzupassen. Die Hölzer, die senkrecht zwischen die Balken geklemmt werden, sind Basis für die Wände aus Strohlehm, wie Arnd Matthes sie zu Anschauungszwecken aufbaut. Das sieht nach vergnüglicher Pamperei aus. Die sei es auch, versichert Matthes und erklärt: "Wir benutzen den historischen Lehm mit der Mischung aus 1790. Bevor er als Lehmbewurf verwendet werden kann, muss er die Konsistenz von Kuchenteig haben." Die Zutaten für den natürlichen Baustoff: Lehm, Sand, Stroh, möglicherweise Kuhmist. - "Absolut ökologisch - und gut für die Haut", sagt Matthes.

Bei all der Vergnüglichkeit, die auf der Baustelle herrscht - der Anlass für die Rettung des Scharfrichterhauses ist ein ernster. Und dennoch nicht unumstritten. Dieter Petschel erklärt: "Das Haus stand unter Denkmalschutz. Infolge von Sturmschäden mussten wir es zweimal notsichern. Danach hat das Amt für Denkmalschutz den Abriss in Aussicht gestellt."

Über den Sinn einer Rettung habe es unter den Natur- und Heimatfreunden harsche Diskussionen gegeben, erinnert sich Petschel zurück. Aber: "Fachwerk und Umgebinde sind im Heide- und Teichgebiet viel seltener als beispielsweise im Bautzener Oberland." Das hat einen Grund - und Folgen: "Hier gab es schon immer weniger Wald - deswegen war Holz ein knapper Rohstoff", erklärt Matthes. Petschel ergänzt: "Neben dem Umgebindehaus in der Neschwitzer Kirchgasse gibt es in der Gemeinde nur ein weiteres Haus in Fachwerkbauweise" und deutet auf das Scharfrichterhaus.

Innerhalb von nur drei Tagen wurde das Fachwerk des historischen Scharfrichterhauses aus Lissahora nach umfangreicher Aufarbeitung im Erzgebirge an der Bockwindmühle in Luga wieder aufgebaut.
Innerhalb von nur drei Tagen wurde das Fachwerk des historischen Scharfrichterhauses aus Lissahora nach umfangreicher Aufarbeitung im Erzgebirge an der Bockwindmühle in Luga wieder aufgebaut. © SZ/Uwe Soeder
Harry Gottschlin bearbeitet die Staken mit einer Axt, bevor sie in die Gefache des Scharfrichterhauses eingepasst werden, wo sie als Basis für den Wurflehm dienen.
Harry Gottschlin bearbeitet die Staken mit einer Axt, bevor sie in die Gefache des Scharfrichterhauses eingepasst werden, wo sie als Basis für den Wurflehm dienen. © SZ/Uwe Soeder
Die Sense - das Berufszeichen der Scharfrichter - hat Arnd Matthes in den frischen Lehm gezeichnet. Aus historischer Zeit wurde ein ebensolches Zeichen gerettet. Es wird am neuen Standort an der originalen Stelle wieder eingepasst.
Die Sense - das Berufszeichen der Scharfrichter - hat Arnd Matthes in den frischen Lehm gezeichnet. Aus historischer Zeit wurde ein ebensolches Zeichen gerettet. Es wird am neuen Standort an der originalen Stelle wieder eingepasst. © SZ/Uwe Soeder
Manfred Schröter setzt die Staken in die Gefache. Verwendet werden zum größten Teil historische Hölzer - absolut ökologisch.
Manfred Schröter setzt die Staken in die Gefache. Verwendet werden zum größten Teil historische Hölzer - absolut ökologisch. © SZ/Uwe Soeder
Sogar den alten Lehm verwenden die Retter des Scharfrichterhauses erneut. Die mit Langstroh umwickelten Staken werden horizontal in die Gefache eingebracht.
Sogar den alten Lehm verwenden die Retter des Scharfrichterhauses erneut. Die mit Langstroh umwickelten Staken werden horizontal in die Gefache eingebracht. © SZ/Uwe Soeder
Manches Geheimnis hat das Scharfrichterhaus erst bei seinem Abbau offenbart. Eines davon ist der Standort der Außentoilette, der an der Aussparung im Balken sichtbar wird.
Manches Geheimnis hat das Scharfrichterhaus erst bei seinem Abbau offenbart. Eines davon ist der Standort der Außentoilette, der an der Aussparung im Balken sichtbar wird. © SZ/Uwe Soeder

Ein Drittel des historischen Holzes konnte ein Fachmann aus Thalheim erhalten. Das ist teils älter als alt. Matthes zeigt auf einen Eichenbalken in der Durchfahrt am nördlichen Hausende und sagt: "Wir haben etliche Hölzer gefunden, die vom Vorgängerbau des historischen Scharfrichterhauses stammen. Wenn es noch gut war, wurde das Holz wiederverwendet. Dieser Balken war mal eine Türschwelle. Das erkennt man daran, wie abgelatscht er ist."

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Und auch das gehört zur Wahrheit dazu: Ein Selbstläufer ist die Rettung des Fachwerkbaus nicht. "Es tauchen immer wieder Probleme auf", sagt Dieter Petschel. Die größte Sorge ist und bleibt die Finanzierung: Trotz Fördermitteln und erfolgreichem Crowdfunding fehlen zur Fertigstellung des knapp 100.000 Euro schweren Vorhabens noch rund 20.000 Euro. Hierfür hofft Petschel weiterhin auf Sponsoren - genau wie auf regionale Handwerksbetriebe, die das Vorhaben mit Materialspenden unterstützen.

Spenden für das Scharfrichterhaus:
Kultur- und Heimatfreunde Neschwitz
IBAN: DE61 8555 0000 1002 0399 71
Kreissparkasse Bautzen
Verwendungszweck: Scharfrichterhaus

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