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Wismut bereitet Abriss der Uran-Silos vor

Die Lagertürme bei Königstein sollen verschwinden, zusammen mit 20 Kilometern Rohrleitung.

So sah das Ende von 75 Jahren Urangewinnung in Deutschland aus: Im Juni dieses Jahres wurde zum letzten Mal Uranschlamm in Königstein verladen.
So sah das Ende von 75 Jahren Urangewinnung in Deutschland aus: Im Juni dieses Jahres wurde zum letzten Mal Uranschlamm in Königstein verladen. © Steffen Unger

Es ist der Tag, an dem es die Wismut auf die Titelseiten schafft: Am Standort Königstein wird das letzte Uran verladen. Presseleute und Amtspersonen sehen zu, wie Geigerzähler und Kontaminationsmessgeräte den befüllten Tankwagen abscannen. Als der Lastzug den Betrieb verlässt, verlässt Deutschland nach 75 Jahren den Kreis der Uranproduzenten dieser Welt.

Das war am 1. Juni. Der Rummel ist verhallt. Carsten Wedekind, Chef des Wismut-Standorts Königstein, muss sich um die Konsequenzen des historischen Moments kümmern, um die nutzlos gewordene "Prozessstufe Uranentsorgung". Was handlich klingt, ist eine kleine Fabrik mit zwanzig Kilometern Rohrleitung. All das wird verschwinden. Aber nicht "in drei Minuten", sagt Wedekind. Bis 2025 könnte der Abriss inklusive Flächensanierung dauern.

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Die neue Wismut: Uranproduzent wider Willen

Im Kern stammen die Anlagen noch aus der DDR-Zeit, als man am Königstein Uran in der Tiefe des Berges mit einer schwefelsauren Lösung auswusch. Der Ertrag der Königsteiner Grube wurde bis 1990 in 18.000 Tonnen Urankonzentrat für die Sowjetunion verwandelt. Dann endete der Abbau. Doch die Säure blieb und löste weiter Uran aus dem Gebirge. Bis Juni 2021 fielen noch einmal rund 2.000 Tonnen an.

Das Wismut-Gelände am Königstein. Im Vordergrund, um die beiden Silotürme gruppiert, befindet sich die abgeschaltete "Prozessstufe Uranentsorgung".
Das Wismut-Gelände am Königstein. Im Vordergrund, um die beiden Silotürme gruppiert, befindet sich die abgeschaltete "Prozessstufe Uranentsorgung". © Wismut GmbH

Den Uranschlamm sammelte man in den Silos der Prozessstufe und verkaufte ihn schubweise an einen Hersteller von Kernbrennstoffen. Für dieses Verfahren wurden die Königsteiner Anlagen in den 1990ern extra ertüchtigt. Kaufmännisch habe sich das nie gerechnet, sagt Carsten Wedekind. Doch hätte man derartige Uranmengen auch nicht deponieren können. "Es gab dafür keine technische Lösung."

Die letzte Lieferung umfasste noch einmal 42 Tonnen Uran-Emulsion, gesammelt seit 2019. Inzwischen, sagt die Wismut, ist der Urangehalt im Grubenwasser so gering, dass ein Herausfiltern keinen Sinn mehr macht. Der Abriss der Anlagen ist beantragt. Carsten Wedekind geht davon aus, dass er die Genehmigung bis Jahresende hat.

"Irgendwann wollen wir die Zelte abbrechen." Carsten Wedekind, 64, Wismut-Urgestein, leitet die Sanierung des Königsteiner Standorts.
"Irgendwann wollen wir die Zelte abbrechen." Carsten Wedekind, 64, Wismut-Urgestein, leitet die Sanierung des Königsteiner Standorts. © Steffen Unger

Wedekind hat vor, die zwanzig Kilometer Rohre mit eigenen Leuten zu demontieren. Die eigentliche Uranfabrik soll eine externe Firma wegräumen. Etwa 35.000 Kubikmeter kontaminiertes Material werden wohl insgesamt anfallen, schätzt er. Der Schrott und Schutt soll "kompaktiert", also möglichst klein gemacht werden, und dann in der Halde Schüsselgrund verschwinden.

Im Schüsselgrund gibt es einen speziell abgedichteten Sondereinlagerungsbereich für belastete Stoffe. Die Kapazität von 100.000 Kubikmetern ist aktuell zu etwa einem Viertel ausgelastet. Der noch freie Raum sollte ausreichen, sagt Wedekind, um die Entsorgung gefährlicher Abfälle bis 2050 zu sichern.

Zu diesen Abfällen gehört auch ein besonderes "Gebäck": Filterkuchen. Das ist der rostrote, lehmartige Rückstand, der beim Reinigen des Grubenwassers übrig bleibt. Weil die vorgeschaltete Uranabtrennung nun wegfällt, gelangt das Schwermetall in diesen ausgepressten Bodensatz, zusammen mit anderen Substanzen wie Eisen, Mangan oder Zink.

Die Wasserbehandlungsanlage wurde für zehn Millionen Euro auf den Betrieb ohne vorherige Uran-Abscheidung angepasst.
Die Wasserbehandlungsanlage wurde für zehn Millionen Euro auf den Betrieb ohne vorherige Uran-Abscheidung angepasst. © Steffen Unger

Die Wasserbehandlung läuft rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Sie ist die Waschmaschine für das sechs Quadratkilometer große Königsteiner Grubenfeld. Um sie aufs Abschalten der Uranentsorgungseinheit einzustellen, waren großangelegte Umbauten nötig, die seit 2018 ausgeführt wurden, und die in Form von Restarbeiten noch immer andauern. Zehn Millionen Euro hat das bislang gekostet.

Kontamination lässt nur langsam nach

Die Aufsichtsbehörden haben die Anlage kürzlich abgenommen. Momentan bearbeitet sie 170, 180 Kubikmeter Wasser je Stunde und füllt zweimal die Woche einen 25 Kubikmeter großen Container mit Filterkuchen. In der Tiefe allerdings ändert sich kaum etwas an der mangelhaften Wasserqualität, wie die Wismut im jüngsten Umweltbericht feststellt. Die Messwerte belegten, dass die Kontamination nach wie vor nur langsam ausgewaschen werde. Die Aufbereitung des abgepumpten Flutungswassers sei unverzichtbar.

Das bleibt beim Säubern des Grubenwassers zurück: Im sogenannten Filterkuchen steckt natürliches Uran. Aber auch Eisen, Zink und Mangan sind enthalten.
Das bleibt beim Säubern des Grubenwassers zurück: Im sogenannten Filterkuchen steckt natürliches Uran. Aber auch Eisen, Zink und Mangan sind enthalten. © Steffen Unger

Die Wismut hält den Wasserstand im Bergwerk künstlich niedrig, auf rund 140 Meter über null. Ließe man es bis zum natürlichen Niveau ansteigen, auf etwa 190 Meter, so ist die Befürchtung, könnte das belastete Grubenwasser in den Grundwasserstrom Richtung Elbe gelangen.

Die Wismuter wollen das Abpumpen als ewige Aufgabe umgehen. Seit November 2020 haben sie versuchsweise wiederum Chemikalien eingesetzt, haben Natronlauge und Butanol, ein organisches Substrat, in einen Teil des gefluteten Grubenfelds eingebracht. Die Mischung sollte bewirken, dass Uran und andere Problemstoffe vom Wasser gar nicht erst mitgenommen, sondern an Ort und Stelle gebunden werden.

Zweieinhalbtausend Menschen arbeiteten einst bei der Königsteiner Wismut. Inzwischen haben Vögel und Fledermäuse das geräumte Verwaltungsgebäude besetzt.
Zweieinhalbtausend Menschen arbeiteten einst bei der Königsteiner Wismut. Inzwischen haben Vögel und Fledermäuse das geräumte Verwaltungsgebäude besetzt. © Steffen Unger

Der Test lief bis diesen August. Allen Anzeichen nach erfolgreich, sagt Carsten Wedekind. Der Effekt der Schadstoffbindung sei eingetreten. Nun werde Platz für ein Bohrloch gesucht, um das Verfahren im gesamten Grubenfeld und auf Dauer anzuwenden, im "homöopathischen Stil". Es werde kein Allheilmittel sein, sagt Wedekind, "aber eine unterstützende Maßnahme".

Große Mehlschwalbenkolonie muss umziehen

Unterstützen muss die Wismut auch über Tage, nämlich ihre tierischen Untermieter. Auf dem Leupoldishainer Betriebsgelände lebt eine bedeutsame Mehlschwalbenkolonie - schätzungsweise 100 Brutpaare. Hotspot ist die rissige Fassade des alten Verwaltungsgebäudes. Auch ein gutes Dutzend Fledermausarten ist nachgewiesen. Vor dem Abriss, der schon für 2020 geplant war, müssen Ersatzquartiere her.

Diese Mehlschwalben haben einen Nistplatz neben dem Verwaltungsgebäude gefunden. Bevor es fällt, müssen noch mehr Tiere umziehen.
Diese Mehlschwalben haben einen Nistplatz neben dem Verwaltungsgebäude gefunden. Bevor es fällt, müssen noch mehr Tiere umziehen. © Steffen Unger

Einige sind bereits montiert, in der Nachbarschaft des Betonklotzes, an einer Lagerhalle. Und sie werden angenommen, jedenfalls von den Schwalben, die emsig um die künstlichen und die neu gebauten Nester schwärmen. Aber das ist nur ein Anfang.

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Um die Auflagen zu erfüllen, wird die Wismut noch mehr Wohnraum für fliegende Gäste schaffen müssen, entweder an der alten Wäscherei oder in extra zu errichtenden Artenschutztürmen. Die Planungen dazu laufen. Carsten Wedekind rechnet mit Ausgaben von etwa 200.000 Euro für die Erdsatzquartiere. Er hofft, dass sie zügig bezogen werden und dass der alte Verwaltungskomplex 2023 endlich fallen kann.

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