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Er machte im Uranschacht das Licht aus

Lothar Rosenhahn förderte mit "Willi Agatz" in Dresden die letzte Kohle im Döhlener Becken. Ein Ende, und zugleich ein Anfang.

Sie nannten ihn den Alten. Dabei war Lothar Rosenhahn der Jüngste unter den Direktoren der Wismut. Auch der Marienschacht, hier im Hintergrund, gehörte zu seinem Betrieb.
Sie nannten ihn den Alten. Dabei war Lothar Rosenhahn der Jüngste unter den Direktoren der Wismut. Auch der Marienschacht, hier im Hintergrund, gehörte zu seinem Betrieb. © Foto: Egbert Kamprath

Kommt der Bergmann zur Schicht, wechselt er seine Personalien. Was im Ausweis steht, ist dann einerlei. Nur der Spitzname hat noch Bedeutung. Bei "Willi Agatz" nannte man sich zum Beispiel Blindschacht-Seppl oder Schaufelstiel, Runkel, Ölprinz oder Grüner Ober. Ein Ausdruck nicht von Spott, sondern von Gemeinsinn. Der Einzelne kann im Bergbau nichts ausrichten, sagt Lothar Rosenhahn. "Nur die Mannschaft zählt."

Vielleicht war Lothar Rosenhahn, Direktor des Bergbaubetriebs "Willi Agatz" in Dresden-Gittersee, der einzige, der keinen Spitznamen hatte. Man nannte ihn nur den Alten. Dabei war er kaum dreißig, als er den Chefposten bekam. Der jüngste Betriebsdirektor der ganzen Wismut war er. Aber er war auch der - und da stimmt der Titel nun wieder -, der am längsten Direktor blieb, 34 Jahre. "Willi Agatz" und 450 Jahre Bergbau im Döhlener Becken waren da schon Geschichte.

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Der Anfang vom Ende des Uranbergbaus

Lothar Rosenhahn ist heute 82 und noch immer in Gittersee zu finden. Er wohnt am alten Bahnhof der Windbergbahn. Vom Arbeitszimmer aus könnte er seinen Betrieb in voller Größe überblicken: die Fördertürme, mit denen die Erzkohle ans Licht gehoben wurde, den technologischen Komplex mit radiometrischer Sortierung zum Aussondern des tauben Gesteins, die Verladerampe, die Verwaltung, Hauptwerkstatt, Heizhaus, Depot. Was er wirklich sieht, ist Wiese. Wo einst das Holz für den Grubenausbau lagerte, grasen Pferde.

"Es war eine schwere Stunde." Lothar Rosenhahn (2.v.r.) nach der Förderung des letzten Kohlehunts bei "Willi Agatz" am 1. Dezember 1989.
"Es war eine schwere Stunde." Lothar Rosenhahn (2.v.r.) nach der Förderung des letzten Kohlehunts bei "Willi Agatz" am 1. Dezember 1989. © Foto: Wismut/Repro Egbert Kamprath

Am 1. Dezember 1989 stand dort unten, bei Schacht 1, der letzte Hunt mit uranhaltiger Steinkohle. Es war nicht nur das Aus für "Willi Agatz", sondern auch der Anfang vom Ende der Wismut als Grundstein der sowjetischen Atomindustrie. Lothar Rosenhahn, damals verantwortlich für über tausend Beschäftigte, nennt das Ereignis eine schwere Stunde. Dabei ist das Ende eines Bergwerks ganz natürlich, wie der Tod eines Menschen, sagt er. "Irgendwann muss er das Zeitliche segnen."

"Ich bin Bergmann, wer ist mehr?"

Auf dem Schwarzweißfoto von damals sieht Lothar Rosenhahn nicht aus, als wäre er auf einer Beerdigung. In Arbeitsklamotten, Geleucht vor der Brust, lehnt er lässig an dem Kohlenwagen. Er scheint sich auf die neue Aufgabe zu freuen - die Sanierung der Grube. Und so war es auch. Die Wunden des Bergbaus in der Natur zu schließen, ist doch eine sinnvolle Sache, sagt er. Und wenn er aus dem Fenster guckt, auf die Wiesen und Hügel, spürt er Stolz. "Es ist eine wunderbare Landschaft geworden."

Ein "Saurier" untertage: Ab 1983 wird bei "Willi Agatz" eine sowjetische Teilschnittmaschine für den Abbau uranhaltiger Kohle eingesetzt.
Ein "Saurier" untertage: Ab 1983 wird bei "Willi Agatz" eine sowjetische Teilschnittmaschine für den Abbau uranhaltiger Kohle eingesetzt. © Foto: Wismut/Repro Egbert Kamprath

Als Lothar Rosenhahn 1953 Hauer-Lehrling wird, will er alles andere, als Bergwerke zumachen. Aufgewachsen im Grenzland zwischen Sachsen und Thüringen, gehört der Bergbau wie selbstverständlich zu seiner Welt, und auch die Plakate: Ich bin Bergmann, wer ist mehr? Statt auf die Oberschule will er nach untertage, mit Muskelkraft und Technik an Orte vordringen, wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist. "Ich wollte einen richtigen Männerberuf."

Er lernt in Oelsnitz, in der Steinkohle, auf dem Karl-Liebknecht-Schacht. Es ist jener Schacht, in dem Adolf Hennecke seine historische Hochleistungsschicht gefahren hatte. Lothar Rosenhahn gefällt es. Körperlich arbeiten, mit den Kumpeln zusammen sein, das wird er sein Leben lang schätzen. Das Lehrlingsgehalt ist mit 120 Mark geradezu fürstlich. Außerdem gibt es Schokoladenzuteilung, 14 Tage Urlaub an der Ostsee und 40 Zentner Briketts im Jahr.

Immer unter Plan-Druck: Kumpel von "Willi Agatz" beim Warten der Abbautechnik. Der Betrieb förderte bis 1989 fast 3.700 Tonnen Uran.
Immer unter Plan-Druck: Kumpel von "Willi Agatz" beim Warten der Abbautechnik. Der Betrieb förderte bis 1989 fast 3.700 Tonnen Uran. © Foto: Wismut/Repro Egbert Kamprath

Als die Lehre aus ist, setzt sich der junge Rosenhahn doch noch einmal auf die Schulbank. Abitur an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät, Studium an der Bergakademie Freiberg, Abschluss als Ingenieurökonom. Er kommt zum Bergbaubetrieb in Schmirchau, wo die Wismut schon seit den 1950ern nach Uranerz gräbt. Er wird Assistent, Steiger, Obersteiger. 1967 schließlich schickt ihn die Generaldirektion ins Döhlener Becken. Dort brauchen sie einen, der sich mit Kohle auskennt.

Mehrere Hundert Mann fahren pro Schicht ein

Zu dieser Zeit ist der Freitaler Bergbau so gut wie vorbei. Die Kohlevorräte sind erschöpft, die Qualität ist schlecht. Der VEB Steinkohlenwerk "Willi Agatz", Nachfahre der einstigen Königlich-Sächsischen Steinkohlenwerke, scheint reif für die Schließung. Doch dann kommt die Wismut. Denn in der Kohle steckt Uran. Anfang 1968 übernimmt die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft den kompletten Betrieb. Lothar Rosenhahn ist der Mann, der das "System Wismut" auf Gittersee ausdehnen soll. 1969 wird er Direktor.

Gruß von "Willi Agatz": Das Fördergerüst von Schacht 1 wurde zum Andenken an Freitals Bergbaugeschichte von Gittersee nach Burgk umgesetzt.
Gruß von "Willi Agatz": Das Fördergerüst von Schacht 1 wurde zum Andenken an Freitals Bergbaugeschichte von Gittersee nach Burgk umgesetzt. © Archivfoto: Thorsten Eckert

Unter Rosenhahns Führung geht es wieder aufwärts mit "Willi Agatz", an der Oberfläche, aber viel mehr noch darunter. Bis 1989 werden mehr als 70 Kilometer Strecke neu aufgefahren, mehr als 2,3 Millionen Kubikmeter Masse gewonnen. Pro Schicht sind zwei- bis dreihundert Mann untertage. Manche Arbeitsorte liegen derart weit draußen, dass der Anmarsch, mit Grubenbahn und zu Fuß, eine volle Stunde dauert.

Yellowcake fürs Gleichgewicht des Schreckens

Die strahlende Kohle wird in Seelingstädt, Thüringen, aufbereitet. Dass aus dem "Yellowcake", dem Urankonzentrat, auch Waffen entstehen, sei klar gewesen, sagt Lothar Rosenhahn. Er spricht von der ersten Atombombe, die Amerika auf Hiroshima warf, und von der Notwendigkeit des atomaren Patts. "Jeder wusste, es muss ein Gleichstand sein."

Nach der Wende blieb Lothar Rosenhahn Direktor, nun beim Sanierer Wismut GmbH. Bis 2003 leitete er das Verschwinden seines eigenen Betriebs und des Bergbaubetriebs in Königstein. Heute ist er ein glücklicher Rentner. Er geht dreimal die Woche ins Fitnessstudio, fährt Motorrad, buddelt im Garten. Seine schwarze Bergmannsuniform zieht er nur noch selten an. Sie soll mal ins Museum. Die Museumsleute haben ihn schon damit fotografiert. So wird die Nachwelt sich erinnern, an den Mann mit dem letzten Hunt Kohle, den Alten von "Willi Agatz".

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