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Viel Geld für die Biotech-Branche

Mehr als drei Milliarden Euro gingen im Corona-Jahr 2020 an Biotechnologie-Unternehmen. Vor allem Impfstoffhersteller profitieren.

Ein Mitarbeiter ist im Labor des biopharmazeutischen Unternehmens Curevac  zu sehen: Vor allem Impfstoffhersteller bekamen 2020 üppige finanzielle Zuwendungen.
Ein Mitarbeiter ist im Labor des biopharmazeutischen Unternehmens Curevac zu sehen: Vor allem Impfstoffhersteller bekamen 2020 üppige finanzielle Zuwendungen. © dpa/Sebastian Gollnow

Frankfurt. Die Auswirkungen und die Bekämpfung der Corona-Pandemie haben der deutschen Biotech-Industrie im vergangenen Jahr so viel frisches Geld in die Kassen gespült wie nie zuvor: Mit 3,1 Milliarden Euro über Risikokapital, Börsengänge, Finanzierungen und Anleihen registrierte die Branche einen neuen Rekordwert. Es waren rund 1,8 Milliarden Euro mehr als beim letzten Höchststand 2018. Getrieben wurde die Entwicklung allerdings vor allem von zwei Unternehmen: Den beiden Covid 19-Impfstoff-Herstellern BioNTech und Curevac. Allein auf diese beiden Firmen entfielen 1,55 Milliarden Euro. Nimmt man die Biotech-Firmen Evotec und Morphosys hinzu liegt der Anteil sogar bei 74 Prozent.

„Die Biotech-Branche steht an einem Wendepunkt“, sagte Alexander Nuyken, Partner der Unternehmensberatung EY am Dienstag bei der Vorstellung des Biotechnologie-Reports 2021. „Dieses Momentum gilt es zu nutzen, um den Biotech-Standort nachhaltig zu stärken und zu zeigen, dass die Branche nicht nur aus Impfstoffherstellern besteht, sondern auch innovative Lösungsansätze für Umwelt-, Energie- und Ernährungsthemen bereithält.“ Als Bremse erweise sich trotz explodierender Finanzierungszahlen regulatorische Hürden für die Firmen bei Investitionen und Abschreibungen oder Beschränkungen im Blick auf ausländische Kapitalgeber. „Wir können uns nicht nur auf ein paar Milliardäre verlassen“, betont Nuyken.

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Erhebliche Mängel sieht Oliver Schacht, Chef des Branchenverbandes Bio Deutschland, auch bei der Finanzierung der klinischen Studien für Phase 2 und 3 auch für Therapeutika zur Behandlung von Covid 19. Das trifft auch das Tübinger Unternehmen Atriva, wie dessen Chef Rainer Lichtenberger berichtet. Die 2015 aus der Universität ausgegliederte Biotech-Firma hat ein Präparat in Form einer Tablette zur Reduzierung der Virus-Aktivität und zur Vermeidung eines schweren Verlaufs einer Covid-19-Erkrankung entwickelt. Angesichts zunächst mangelnder Unterstützung durch die Zulassungsbehörden und einer Ablehnung durch die Ethik-Kommission rechne er jetzt mit einer Zulassung erst im ersten Quartal 2022. Die öffentliche Hand habe zu spät, zu zaghaft, zu wenig und zu bürokratisch reagiert, klagen Lichtenberger und Schacht.

Viele Neugründungen in der Branche

Insgesamt aber sind die Zahlen für die Branche für das vergangene Jahr beeindruckend. Der Marktwert der börsennotierten deutschen Biotech-Firmen ist um 111 Prozent gestiegen. Curevac und die ebenfalls aus Tübingen stammenden Immatics wagten den Schritt an die US-Technologie-Börse Nasdaq und erlösten dort 215 Millionen und 224 Millionen Euro. Nach Angaben von Schacht gab es im vergangenen Jahr 19 Neugründungen, davon die vier in Baden-Württemberg und sechs in Bayern, die nach wie vor die stärksten Biotech-Regionen. „Sie finden allerdings quer durch die Republik spannende Biotech-Unternehmen.“ Insgesamt sind es derzeit 710 mit knapp 37.500 Beschäftigen, zehn Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Umsätze kletterten sogar um 36 Prozent auf knapp 6,5 Milliarden Euro, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung um 37 Prozent auf fast 2,5 Milliarden Euro. Das seien „sensationelle“ Zahlen. Nach Angaben von Schacht betrachten 60 Prozent der Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage als gut, wobei das nur ein Viertel der Pandemie zuschreibt.

Über eine halbe Milliarde Euro für Curevac

Mit Blick auf frisches Risikokapital hat Deutschland Frankreich im vergangenen Jahr mit 882 Millionen Euro hinter sich gelassen, wobei allein 560 Millionen Euro auf Curevac entfallen, darunter 300 Millionen Euro über die staatliche Förderbank KfW. Spitzenreiter in Europa war erneut Großbritannien mit knapp 1,1 Milliarden Euro. „Allerdings muss man auch festhalten: Ohne Curevac läge Deutschland hinter Großbritannien, Frankreich und der Schweiz“, betont Nuyken. In den USA sei das Volumen der Biotech-Finanzierung im vergangenen Jahr zwar gesunken, es seien aber immer noch fast 100 Milliarden Dollar.

Schacht zufolge zeigt dies, dass die Biotechnologie in Deutschland stärker gefördert werden muss, zumal es sich zu 90 Prozent um kleine und mittelgroße Unternehmen handelt. „Die Gründungsdynamik muss erhöht werden. Biotechnologie muss nicht nur für die Pandemie, sondern für zahlreiche Lebensbereiche als Schlüsseltechnologie wahrgenommen werden. Das muss politisch gewollt sein und unterstützt werden. “ Es stecke weit mehr als nur Covid-19 in der deutschen Biotechnologie, etwa im Blick auf den biotechnischen Abbau von Plastik oder die biotechnische Umwandlung von CO 2. Dazu müssten die Rahmenbedingungen für Investitionen und Abschreibungen verbessert werden. Der von Bundes-Forschungsministerin Anja Karliczek aufgelegte Fonds für die Förderung von Covid-19-Therapeutika ab Mai diesen Jahres sei gut, aber mit 50 Millionen Euro für acht Firmen allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein.

Das Forschungsministerium selbst gibt nach eigenen Angaben 2020 und 2021 nahezu 1,6 Milliarden Euro für Forschung zu Covid-19 aus. Davon fließen fast 630 Millionen an die beiden Impfstoff-Hersteller BioNTech und Curevac.

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