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Warum der Flughafen BER so nicht funktionieren kann

Nach Pannen am letzten Wochenende läuft der BER wieder. Doch die Bewährungsprobe steht dem Airport noch bevor – der Regelbetrieb.

Berlin und Brandenburg als Mitgesellschafter drängen nach den chaotischen Zuständen am Airport BER am vergangenen Wochenende auf eine schnelle Aufarbeitung der Probleme.
Berlin und Brandenburg als Mitgesellschafter drängen nach den chaotischen Zuständen am Airport BER am vergangenen Wochenende auf eine schnelle Aufarbeitung der Probleme. © dpa

Von Joana Nietfeld, Thorsten Metzner und Dennis Pohl

Am Tag, als sich Engelbert Lütke Daldrup in den Ruhestand verabschiedete, schien die Welt in Ordnung. Der Mann, der den Flughafen doch noch ans Laufen gebracht hat, hatte seine Frau und seinen Dackel zu dem kleinen Fototermin am letzten Arbeitstag in der BER-Terminalhalle mitgebracht.

„Nun erleben wir zum ersten Mal einen neuen Flughafen, der voll ist, der in Betrieb ist, so wie wir es uns die ganze Zeit gewünscht haben“, sprach der scheidende Flughafenmanager, das Foto mit der Freiheitsbotschaft von Namensgeber Willy Brandt im Rücken.

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Engelbert Lütke Daldrup, Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg, an seinem letzten Arbeitstag.
Engelbert Lütke Daldrup, Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg, an seinem letzten Arbeitstag. © dpa

Er ging, auf eigenen Wunsch, ein halbes Jahr früher. Hinterher plauderten alle noch ein Weilchen rum. Nachfrage am Rande: Also Ende gut, alles gut? „Für mich ist Ende gut, alles gut“, antwortete Lütke Daldrup.

Seit dem letzten Wochenende ist auch allen anderen klar: Für den BER nicht. Das „Wunder von Berlin“, das ausgerechnet ein Luftfahrt-Fachblatt ausrief, ist gar keins. Es glänzt und funkelt nur im Schonbetrieb. In Tegel und Alt-Schönefeld haben sie unter Volllast 100.000, sogar 120.000 Passagiere pro Tag abgefertigt. Der neue, schöne, sieben Milliarden Euro teure BER geht am Herbstferien-Samstag schon bei halber Kraft abrupt in den Ausnahmezustand über.

Die es erlebt haben, klingen immer noch fassungslos. Lange Schlangen vor den Checkpoints, verpasste Flüge, niemand in Sicht, der helfen kann. Zweieinhalb, drei Stunden in der Ankunftshalle vor dem Gepäckband mit hunderten anderen – nicht die Ausnahme. Auch dort sind keine Mitarbeiter zu sehen, Polizisten zucken nur mit den Schultern, berichtet ein Leser. Nach eineinhalb Stunden kommt eine Durchsage: „Das Gepäck der EasyJet-Passagiere verzögert sich.“ Bitteres Gelächter.

Vor der Sicherheitskontrolle bilden sich lange Schlangen. Viele verpassen ihren Flug.
Vor der Sicherheitskontrolle bilden sich lange Schlangen. Viele verpassen ihren Flug. © dpa

Wer bei der Swissport anruft, die für die Abfertigung zuständig ist, berichtet hinterher den anderen, es sei „niemand mehr da, der das Gepäck vom Flugzeug zum Gepäckband bringt“. Einer fotografiert die Ankunftstafel mit seinem Ferienflug: „Corfu 22:55“ und stoppt die Zeit. Um 01:56 Uhr sei das Band dann angerollt.

Am Dienstagvormittag wirkt das alles wie ein Bericht aus ferner Vorzeit. Nur noch ein Gästebucheintrag im Raum der Stille, einem dunklen Gebetsraum im Obergeschoss, lässt erahnen, dass es vor seiner Tür anders zuging. „Eine Oase, wunderbar!“, schrieb ein Passagier. „Mögen alle gestärkt wieder herausgehen.“

Heute zeigt die BER-App Wartezeiten vor den Sicherheitskontrollen zwischen 10 und 20 Minuten an. Vor dem Check-In-Schalter der Fluggesellschaft Condor hat sich trotzdem eine Schlange gebildet, vielleicht 60 Personen. Zwei Männer, Schwäger, auf dem Weg nach Kos, stehen ganz hinten. Ob sie das Chaos der letzten Tage mitbekommen hätten? Ja, im Fernsehen. Gestern haben sie sich zur Übung für den Griechenland-Trip ein paar Ouzo genehmigt.

Aber mal ehrlich, sagt einer, dass man lieber zwei bis drei Stunden früher am Flughafen ist, allein schon wegen der Anfahrt – sei doch klar! Auch ein Mitarbeiter in oranger Warnweste zeigt sich unbeeindruckt. Er ist das, was sie hier „Terminalmanager“ nennen – einer, der Ratlosen den Weg weist und andere Hilfestellung leistet. Das gäb’s jeden Tag, dass Leute Flüge verpassten, sagt er.

In der Ferienzeit wird es erstmals voll am BER.
In der Ferienzeit wird es erstmals voll am BER. © dpa

BER-Sprecher Jan-Peter Haack schlägt vor, auf die Empore im Terminal 1 hochzufahren. „Da haben wir einen besseren Blick.“ Etwa 400 Maschinen werden heute ankommen und abfliegen. Nach wie vor bloß knapp die Hälfte der Auslastung, sagt Haack, die es vor Corona in der Ferienzeit gegeben hätte.

Corona – das ist ein Stichwort, das häufig fällt, teils zur Entschuldigung für des Chaos, teils zur Erklärung, weshalb es vorher vorgeblich keiner ahnen konnte. Das konnte man aber sehr wohl. Denn dass der BER nach dem 30. Oktober 2020 und nach zehn Jahren und der x-ten geplatzten Eröffnung nebst einer eigenen Witze-Gattung recht problemlos startete, das verdankte sich der Pandemie. De facto startete er ohne Passagiere. Da fiel es gar nicht auf, dass das lichtdurchflutete Hauptterminal zwar Architekturkritiker begeisterte, die Zahl der Check-In-Schalter aber überschaubar ausfällt.

Dass von der 2000-köpfigen Belegschaft der Flughafengesellschaft viele noch in Kurzarbeit sind, merkte auch keiner. Corona hat ohnehin das Personal knapp werden lassen. Gerade Leute aus den schlecht bezahlten Jobs am Boden haben sich im Lockdown anderswo umgeschaut und fanden etwa bei Corona-Gewinnern wie Amazon bessere Bedingungen.

Monatelang fuhr der Betrieb so scheinbar wie im Lehrbuch hoch. Nur hier und da ließ ein Wut-Tweet in den letzten Wochen etwas ahnen, dass man eine Stunde aufs Gepäck warten müsse. Das waren die Vorboten.

Die Problemanalyse am Flughafen steht noch aus.
Die Problemanalyse am Flughafen steht noch aus. © dpa-Zentralbild

Den politisch Verantwortlichen hat das Chaos übrigens den Gefallen getan, im richtigen Moment auszubrechen. In Berlin wird ein neuer Senat sondiert, im Bund eine neue Regierung. Die bisher Zuständigen packen die Koffer, die anderen sind noch nicht zuständig. Andi Scheuer kann demnächst im Bundestag von der Hinterbank über ein paar Stuhlreihen hinweg dem Berliner Ex-Regierenden Michael Müller zuwinken. Ihre Nachfolger müssen sich erst mal einarbeiten und können alle Schuld auf die Vorgänger schieben. Das hilft locker noch über ein Weihnachts- und ein Osterchaos hinweg.

Vor dem Check-in-Schalter von Easyjet hat sich am Dienstag ein kleines Grüppchen gebildet. Ein Mann im Hawaiihemd und mit Schiebermütze, einer mit Wanderschuhen, ein Pärchen in Funktionshemden. Sie fachsimpeln, wie man jetzt am besten zum Holiday Inn am Terminal 5 kommt. Laufen dauert eine Stunde und 25 Minuten. Taxi wäre am einfachsten, das Geld müsste die Gruppe aber vorstrecken. Ihr Flug nach La Palma fällt aus. Nachts um eins ging die Mail raus, da waren einige schon auf dem Weg, Markus B. zum Beispiel. 23 Uhr in den ICE nach Köln, früh um Fünf am Hauptbahnhof, kurz nach sechs sieht er die Mail: Flug verschoben, er soll sich bei einem Easyjet melden für einen Hotelcoupon.

"Wir sind hier nur die Vermieter"

Richtige Easyjet-Mitarbeiter gibt es allerdings wenige hier am Flughafen Berlin-Brandenburg. Ein Großteil des Check-in-Personals am Schalter gehört zu Swissport, einem der drei Dienstleistern der Flughafengesellschaft. „Wir sind hier nur die Vermieter“, sagt Flughafensprecher Haack. Die Airlines buchen ihr Personal je nach Passagieraufkommen selber.

Am Wochenende haben sie offensichtlich zu wenig gebucht. Passagiere zeigen auf Twitter, Facebook und Co. Fotos und Videos, auf denen zwei einsame Mitarbeiter der Bodenabfertigung am späten Samstagabend vier gelandete Maschinen abfertigen. Die Gepäckluken müssen sie öffnen, Koffer und Taschen ausladen, sortieren, zum Band am Anfang der Gepäckausgabe fahren. Das dauert. Drei Stunden, wie gesagt.

Es gibt Branchenkenner, die wundert das überhaupt nicht. Anfang Oktober haben große Billig-Airlines den Boden-Dienstleister gewechselt. Zuerst tauschte Ryanair den Dienstleister von Wisag zur Konkurrenz von Swissport. Nun folgte auch noch Easyjet. Die Luftfahrtindustrie in ganz Deutschland habe gespannt auf die Entwicklungen in Berlin geschaut, sagt einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Aber lag das Chaos Wochenende wirklich nur an den Dienstleistern am Boden? Ein Mitarbeiter eines dieser Unternehmen widerspricht. „Die Airlines haben die Tendenz, immer dem Bodenpersonal den schwarzen Peter zuzuschieben”, sagt er, „und ihre eigene Schuld an solchen Ereignissen von sich zu weisen.”

In der Disziplin sind hinterher wirklich alle gut. Nachfrage bei der Lufthansa, warum es an ihren Terminals so lange gedauert hat? Erstens, sagt eine Konzernsprecherin, sei am BER nur einer von drei Terminals geöffnet. Und zweitens liege das an den unterschiedlichen Corona-Regularien in den Zielländern. „Das führt zu einem erheblichen Aufwand beim Check-In, da alle zur Einreise erforderlichen Dokumente kontrolliert werden müssen.” Der zeitsparende Online-Check-In sei für viele Zielländer einfach nicht möglich.

Aus dem Durcheinander lernen

Aber das war vor dem Wochenende auch kein Geheimnis. Der Flughafenbetreiber verspricht aus dem Durcheinander zu lernen. Man will zu Stoßzeiten mehr von den orangeleuchtenden Terminalmanagern einsetzen, die Passagieren in den Schlangen zum Beispiel schon mal sagen, welche Papiere sie bereithalten müssen. Wenn man damit 30 Sekunden Suchen am Schalter spare, rechnet einer vor, könne das einen entscheidenden Unterschied machen. Auch mehr Helfer bei der Gepäckabfertigung soll es geben, Leute aus der Kurzarbeit zurückholen will man.

Aber ob das hilft, wenn es hier mal richtig losgeht und nicht nur mit halber Kraft? Die eigentliche BER-Lektion wird immer wieder verdrängt. Auch jetzt ist die Gefahr groß, dass sie verschwindet hinter dem Kleinklein und der Suche nach Zuständigkeiten. Die Wahrheit nämlich ist und bleibt: Es ist ein alter Flughafen, den die Berliner und Brandenburger draußen in Schönefeld bekommen haben, kein neuer Airport. Er konnte mit Ach und Krach betriebsreif saniert werden. Aber mehr auch nicht. Gerade sind im Hauptterminal acht von 17 Laufbändern ausgefallen, 2012 eingebaut, Garantie abgelaufen, irreparabel kaputt. Kosten? Unklar. Verkünden musste das Lütke Daldrups Nachfolgerin Aletta von Massenbach. Es wird nicht der letzte Aufschlag sein.

Die Schwäger mit dem Flugziel Kos stehen jetzt vor der Sicherheitskontrolle. Sie winken aufgeregt. „Die werden ihren Flug verpassen“, sagt der eine und zeigt auf ein Paar vor ihnen. „Wir haben gerade 30 Minuten in der anderen Sicherheitskontrolle angestanden, und dann wurde die einfach zugemacht“, berichtet die Frau. In ihren Augen steht Panik. Sie wollen nach Antalya. Abflug in 20 Minuten.

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Das sei die Entscheidung der Bundespolizei gewesen, sagt Pressesprecher Haack. Das falle nicht in den Aufgabenbereich der Flughafengesellschaft. Die Mitarbeiter seien einer Sicherheitsfirma unterstellt, die wiederum von der Bundespolizei angeheuert wurde. Da könne er also nichts zu sagen.

Was er aber sagen kann, ist, dass das vergangene Wochenende wirklich nichts in Ordnung schien.

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