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Deutsches Exportmodell vor Problemen

Corona, Brexit, Handelskonflikte – für kleinere Firmen wird das Auslandsgeschäft schwieriger. Über die Gründe wird auch in Sachsen diskutiert.

Kerstin Voigt, Chefin der Meisterwerkstatt für Metallblasinstrumente Jürgen Voigt in Markneukirchen, befürchtete Umsatzeinbußen durch den Brexit. Doch die traten nicht ein.
Kerstin Voigt, Chefin der Meisterwerkstatt für Metallblasinstrumente Jürgen Voigt in Markneukirchen, befürchtete Umsatzeinbußen durch den Brexit. Doch die traten nicht ein. © dpa

Der sächsische Export brummt wieder. Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Landesamtes in Kamenz wurden im Januar und Februar diesen Jahres Waren im Wert von 6,8 Milliarden Euro aus dem Freistaat ausgeführt – sieben Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, in dem das Corona-Virus in Deutschland noch keine Rolle spielte.

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Können also die Unternehmen, die einen großen Teil ihres Umsatzes im Ausland verdienen, aufatmen? Wird alles wieder so werden, wie vor der Corona-Pandemie. Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) hat da seine Zweifel. „Corona wirkt wie ein Katalysator. Die Pandemie hat die Wandlungsprozesse in der Wirtschaft und Gesellschaft beschleunigt, so dass es zu einer Neuverteilung der Welt und die Märkte kommt“, sagte Dulig in der Auftaktveranstaltung der sächsischen Außenwirtschaftswoche am Montag.

Aber nicht nur Corona verändert die Handelsbeziehungen auch Entwicklungen wie der Austritt der Briten aus der Europäischen Union. Dulig kündigte an, in diesem Jahr nach Großbritannien zu reisen, „wenn die Corona-Situation es zulässt.“ Er will dort in England und Schottland für den Standort Sachsen werben bei Firmen, die jetzt eine Niederlassung auf dem europäischen Festland anstreben.

„Der Brexit wirkt nach. Er ist eine politische Zäsur für die Globalisierung, die nicht verarbeitet ist“, betonte Professor Henning Vöpel, Keynote-Speaker und Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Er geht davon aus, dass die gesellschaftlichen Widerstände gegen die Globalisierung künftig weiter zunehmen werden. Corona bedeute keine „originäre Krise“ für die Marktwirtschaft und ihre weltweiten Verflechtungen. „Die Marktwirtschaft war in der Lage, Versorgungsketten aufrechtzuerhalten“, stellte Vöpel klar. Jedoch haben die Wirtschaftsmächte unterschiedlich stark mit den Wachstumseinbrüchen zu kämpfen. Der große Gewinner sei China. Das Land habe als einziges weltweit geschafft, selbst im Pandemiejahr 2020 noch wirtschaftlich zu wachsen. Die USA traf es nicht so hart wie Europa und die Schwellenländer. Für dieses Jahr wird in den Vereinigten Staaten ein Wirtschaftswachstum von 6,5 Prozent erwartet. „Wir in der Eurozone tun uns dagegen schwerer, uns von dieser Krise zu erholen“, betonte der Ökonom. Die Pandemie werde die Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen den einzelnen Ländern vergrößern, worunter die Stabilität des Euro leiden könnte.

Aber nicht nur die europäische Währung wird instabiler, auch die Lage für bestimmte Märkte und Branchen. Gründe sind eine Zunahme der Staatswirtschaft und Konzentration von Marktmacht. „Deshalb Augen auf bei der Internationalisierung. Die Wettbewerbs- und Marktlage wird sich stark verändern“, so Vöpel.

Er sieht ein neues Kapital für die Weltwirtschaft aufgeschlagen, in dem es zu einer Zurückführung der beschleunigten Globalisierung und Re-Nationalisierung der Wirtschaftspolitik kommen wird. Unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden heißt es „Buy American“, nicht „America first“ wie unter Donald Trump, gemeint ist das gleiche. Für kleinere Unternehmen wird das Auslandsgeschäft künftig schwieriger werden. Das deutsche Exportmodell ist in einer Sandwich-Situation zwischen den USA und China gefangen. Deshalb fordert Vöpel dringend eine europäische außen(wirtschafts)politische Strategie, um die kleinen und mittelständischen Firmen vorzubereiten. Es benötige mehr technologische Innovationen und wieder stärker bilaterale Beziehungen zu verschiedenen Ländern, um neue Zulieferer zu finden und Lieferketten widerstandsfähiger zu machen. „Wir brauchen alle Länder, auch Russland“, so der HWWI-Direktor. Bei aller Kritik an Russland sei die Reise von Ministerpräsident Michael Kretschmer richtig gewesen. „Wir müssen diese Märkte offenhalten für den deutschen Mittelstand“, sagte Vöpel.

„Wie entwickelt man eine eigene Kraft, diesen Prozess anzugehen“, fragte Dulig in die virtuelle Teilnehmerrunde. Seine Antwort: Sachsen muss dabei sein, wenn die EU eigene Leitmärkte etwa für die Mikroelektronik oder Batterie- und Wasserstofftechnologie aufbaut. Es gelte aber auch, die unternehmerische Freiheit zu stärken. „Wir brauchen echtes Gründertum und mehr Agilität in den Unternehmen“, so der Gast aus Hamburg.

Noch spüren sächsische Unternehmer und Unternehmerinnen die von ihm beschriebenen großen Trends nicht so stark. Sie sind vielmehr damit beschäftigt, die Liefer- und Geschäftsbeziehungen aufrechtzuerhalten, wenn man nicht reisen darf. So berichtete Dietmar Heyduck, Prokurist beim Radebeuler Druckmaschinenhersteller KBA Planeta und zuständig für den weltweiten Vertrieb, wie neuen Kunden die Maschinen per Video demonstriert werden und auch Serviceleistungen über digitale Lösungen aus der Ferne erfolgt. Heyduck war vor Corona zweimal pro Woche dienstlich unterwegs. Das neue Arbeiten empfindet er als sehr effizient. „Das Reiseniveau wird nie wieder auf das von vor Corona zurückkehren“, ist er sich sicher.

Die Corona-Folgen bekommt Kerstin Voigt, Inhaberin der „Jürgen Voigt - Deutsche Meisterwerkstatt für Metallblasinstrument“ in Markneukirchen besonders stark zu spüren, da gerade Orchester nicht auftreten dürfen und wenig Musik gemacht wird. Aber auch der Brexit – Großbritannien ist ein großer Markt für das Unternehmen – hatten Kerstin Voigt einen starken Auftragseinbruch befürchten lassen. Doch diese Sorgen erwiesen sich als unbegründet. „Unsere Produkte sind so speziell und individuell auf die Kundenwünsche angepasst, dass die neuen Handelshemmnisse und zusätzlichen bürokratischen Vorschriften kaum eine Rolle spielen“, hat die Musikinstrumentenbauerin in der elften Generation festgestellt.

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