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"Die Zeit ohne Quote war lang genug"

Die Frauenquote ist Unsinn. Dieser Satz fällt häufig. Hier die Gegenrede, warum die Quote Unternehmen erfolgreicher macht. Ein Gastbeitrag von Viola Klein.

Unternehmerin Viola Klein hielt die Frauenquote für Führungspositionen in der Wirtschaft lange für unnötig. Sie hat ihre Meinung geändert.
Unternehmerin Viola Klein hielt die Frauenquote für Führungspositionen in der Wirtschaft lange für unnötig. Sie hat ihre Meinung geändert. © ronaldbonss.com

Von Viola Klein

Vor Jahren, kurz nach der Wende, war ich der festen Überzeugung, dass die Frauenquote völlig unnötig ist, denn Frauen sind super qualifiziert und brauchen das nicht! Oft hörte ich, übrigens auch von Frauen, den Satz: “Die Quote ist Unsinn, Frauen, die etwas können, schaffen es auch ohne Quote!“

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Ja, so dachte ich auch, bis mein Denken auf die Realität traf. Deutschland gehörte damals zu den Ländern, wo Frauen nur punktuell in den Führungsetagen zu finden waren – da hat sich bis heute nichts verändert! Warum ist das so?

Würden die Unternehmen die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen beherzigen, wäre der Frauenanteil in der Praxis viel höher. Denn es gibt zahlreiche Studien weltweit, die nachweisen, dass gemischte Teams mit mindestens 30 Prozent Frauenanteil messbar erfolgreicher arbeiten. Catalyst, McKinsey, Ernst Young oder BCG als weltweit agierende Unternehmens- und Personalberatungen gaben wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Diversity in Auftrag und kamen alle zum gleichen Ergebnis: Gemischte Teams sind erfolgreicher!

Selbst erlebt habe ich das in Software-Entwicklungsteams in meinem Unternehmen der Saxonia Systems AG (jetzt Zeiss Digital Innovation). Bei unserer Eigenentwicklung eines wichtigen Tools zum agilen Arbeiten (ETEO) waren Männer und Frauen in den Teams gleichermaßen und gleichberechtigt organisiert. Wir hatten nicht nur eine wunderbare Arbeitskultur (es kam jeder zu Wort/ Alle Ideen wurden abgeklopft/ wir informierten uns über alles usw.), sondern konnten uns auch über schnelle Arbeitserfolge freuen.

Im Mittelstand scheint man den Vorteil gemischter Teams erkannt zu haben: hier sind rund 16 Prozent der Chefs Frauen und damit fast doppelt so viele wie in Großkonzernen und DAX-Unternehmen. Der Schlüssel dafür, dass der Frauenanteil in Führungspositionen steigt, liegt für mich aber nicht in der „Frauenförderung“. Frauen sind einfach super ausgebildet und haben nachweislich bessere Abschlüsse, selbst noch an der Hochschule oder Universität. Erst dann kommt es zu einer generellen Verschiebung. So fällt auf, dass nur etwa 31 Prozent der Promovierten weiblich sind. Betrachtet man also die hervorragenden Abschlüsse der Frauen an Schule/ Hochschule/ Universität, ist es kaum nachvollziehbar, dass es so wenige Frauen im Management gibt, und das trotz fachlicher Eignung.

In Ostdeutschland sehen die Zahlen etwas anders aus. Im vergangenen Oktober wurden Ergebnisse einer Datenbank-Auswertung der Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel veröffentlicht. Demnach beträgt die Frauenquote auf Führungspositionen in sächsischen Unternehmen 30 Prozent. Nur darf man hier nicht vergessen, dass es sich dabei um (sehr) kleinen Mittelstand handelt. Aber zumindest wird erkennbar, dass ein höherer Frauenanteil im Management auch in Deutschland möglich ist! Dabei würde eine flächendeckende, qualifizierte und gute Kinderbetreuung ungemein helfen.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, die Strukturen und Arbeitsweisen in Unternehmen in Frage zu stellen und neu zu denken. Ist es wirklich notwendig, wichtige Meetings in die Abendstunden zu legen? Ist die Führungskraft besser und produktiver, die viel Zeit im Unternehmen verbringt? Oder macht es nicht mehr Sinn, auf Teamarbeit zu setzen und Zeitmanagement-Modelle zu finden, die Beruf und Familie ermöglichen? (Die Fragestellung ist im Übrigen auch für Männer interessant.) Wie wollen wir in Zukunft leben und arbeiten? Meiner Ansicht nach geht es nur gemeinsam. Mit Männern UND Frauen. Dass jetzt in vielen Unternehmen pandemiebedingt das Arbeiten im Homeoffice und mit Videokonferenzen ausprobiert wird, wird Veränderungen sicher beschleunigen.

Aus meinen Gesprächen mit vielen Investoren weiß ich, dass sie immer mehr Wert auf einen hohen Frauenanteil im Management legen, weil hierdurch die Rendite gesteigert und Preisblasen an der Börse verhindert werden können. Dazu passt der Spruch: Wäre damals das Unternehmen der Lehmann Brothers ein Unternehmen der Lehmann Sisters gewesen, hätte es die weltweite Finanzkrise nie gegeben!

Was hindert Wirtschaft und Politik dann daran, das Richtige zu tun? Sind es vorhandene manifestierte Machtstrukturen? Die Angst vor dem Verlust der eigenen Bedeutung? Warum passiert da so wenig? Offene Stellen im Management werden oft über das eigene Netzwerk angeboten, in denen Frauen meist nicht Mitglied sind. Es ist also auch an den Frauen selbst, Teil von Netzwerken zu sein, eigene aufzubauen und sie aktiv zu gestalten.

Hier ist mehr Sichtbarkeit von Frauen gefragt. Vor allem junge Frauen brauchen Vorbilder, so genannte Role Models! Deshalb geht meine Bitte an Frauen in Führungspositionen: Werdet sichtbar, ermutigt junge Frauen, Verantwortung zu übernehmen und tretet für diverse Teams ein. Bildet Netzwerke und ermutigt junge Frauen mitzuarbeiten.

Die Quote ist kein Allheilmittel, aber sie kann helfen, über Strukturen nachzudenken! Leider werden wir ohne die Quote in absehbarer Zeit kaum greifbare Veränderungen herbeiführen können. Die Zeit ohne Quote war ja lang genug…

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