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„Das Sahnehäubchen meiner Karriere“

Otto Graf übergibt am 1. Juli den Posten als Standortleiter der Bosch-Chipfabrik an Christian Koitzsch. Was die Chipfabrik für beide bedeutet, erklären sie im Interview.

Der alte und der neue Chef: Otto Graf (l.) übergibt den Posten als Standortleiter an Christian Koitzsch.
Der alte und der neue Chef: Otto Graf (l.) übergibt den Posten als Standortleiter an Christian Koitzsch. © kairospress

Herr Graf, Bosch beginnt mit der Produktion im Dresdner Chipwerk ein halbes Jahr früher. Wie haben Sie das trotz der Corona-Pandemie hinbekommen?

Natürlich hat die Corona-Pandemie auch uns überrascht. Aber bei so einem großen Projekt plant man gewisse externe Probleme immer von vornherein mit ein. Eines der schwierigsten Themen waren die Reisebeschränkungen für die Bauarbeiter, die vor allem aus Polen, Tschechien und der Slowakei beruflich gependelt sind. Als die Staus an der Grenze 50 bis 60 Kilometer lang waren, bangten wir oft, wenn sie jetzt über die Grenze fahren, würden sie dann auch wieder ins Land gelassen? Auch die Experten aus den USA und Asien konnten nicht einreisen, die die Produktionsanlagen in Betrieb nehmen sollten. Aber wir konnten es dank Datenbrillen und virtueller Technik aus der Distanz ganz gut meistern. Am Ende haben Hunderte Menschen in Dresden während der Pandemie Außerordentliches geleistet, um das scheinbar Unmögliche möglich zu machen.

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Herr Koitzsch, wie wird Corona die Arbeitswelt bei Bosch verändern?

Bei Bosch gilt grundsätzlich eine flexible Arbeitskultur. Wo immer möglich, können Mitarbeiter mobiles Arbeiten nutzen. Das ist bei uns eher die Normalität. In der Fertigung hat es verständlicherweise je nach Tätigkeit Grenzen, aber auch hier sorgt gerade die hohe Automation für flexible Möglichkeiten. Aber zunächst hoffen wir, dass die Einschränkungen, die durch die Pandemie kamen, wie Abstandsregeln oder Verzicht auf persönliche Besprechungen, wieder wegfallen können. Denn unser Arbeitsplatzkonzept im Werk, das wir Inspiring Working Conditions nennen, lebt auch gerade von der persönlichen Begegnung, um kreativ zu sein oder gemeinsam neue Lösungen zu erarbeiten. Ob Corona dauerhafte Auswirkungen darauf haben wird, muss sich erst noch zeigen.

Herr Graf, welchen Stellenwert hat der Bau dieser Chipfabrik in Ihrer Karriere?

Auch für mich als erfahrenen Halbleiterexperten war es eine sehr reizvolle Aufgabe, eine Chipfabrik dieser Größenordnung zu bauen und das auch noch in Deutschland. So etwas geht man mit viel Power an, aber auch mit einer gewissen Demut, dass man das Projekt richtig konzipiert und umsetzt. Für meine Karriere ist diese Chipfabrik das Sahnehäubchen. Bosch bildete dazu mit seinen Mitarbeitern, Lieferanten und Dienstleistern ein exzellentes Team. Daher war es für mich eine Auszeichnung, dass ich dieses Projekt leiten durfte, und ich bin zuversichtlich, dass es jetzt gut in den Werksbetrieb übergehen wird.

Herr Koitzsch, Sie übernehmen zum 1. Juli die Position des Standortleiters. Was bedeutet dies für Sie persönlich?

Mir fallen dazu Worte wie Demut und Enthusiasmus ein. Demut, weil wir jetzt einen steilen Hochlauf vor uns haben. Die Nachfrageseite für Mikroelektronik-Produkte ist sehr hoch. Die Kunden erwarten, dass wir schnell in die Volumenproduktion kommen. Nach dem Bau und der Inbetriebnahme gehen wir als Team jetzt den Weg aus einer Projektstruktur in eine Werksorganisation, wo Dinge nicht zum ersten Mal gemacht werden, sondern wiederholend und das mit einer exzellenten Qualität. Da spüre ich Enthusiasmus, weil ich das mit einem neuen Team anpacken kann.

Zudem bringt mich die neue Verantwortung „zurück zu den Wurzeln“. Denn einerseits bin ich gebürtiger Ostdeutscher, bin in Brandenburg geboren und in Thüringen aufgewachsen. Und deshalb freue ich mich nach vielen Jahren im In- und Ausland, jetzt wieder ein Stück näher an die alte Heimat zu kommen. Auch habe ich die ersten beruflichen Schritte in der Mikroelektronik gemacht, und zwar als Prozess-Ingenieur.

Was sehen Sie als ihre größte Aufgabe in den nächsten Monaten?

Wir haben gerade die Qualifikationsphase der Wafer begonnen. Bosch fertigt in Dresden Produkte, die in vielen Automobilbereichen zur Anwendung kommen, zum Beispiel für eine Elektrolenkung. Dort im Serienbetrieb eine hohe Qualität zu erreichen, das ist in den ersten Monaten die wesentliche Aufgabe nach einer Inbetriebnahme eines Werks. Das fordert uns als gesamtes Team.

Herr Graf, Ihr Nachfolger ist quasi ein Rückkehrer. Gibt es davon viele in der bisherigen Mannschaft?

Sicherlich haben sich auch einige wegen einer Rückkehr nach Dresden als Arbeitsort beworben. Doch Bosch hat sich bewusst für Dresden entschieden, weil hier im Silicon-Saxony-Cluster einfach viel Expertise unter den Fachkräften zu finden ist. Das hat sich auch bestätigt. Wir konnten unter einer Vielzahl extrem guter Bewerbungen auswählen und stellen weiter stetig ein. Uns ist eine gute Mischung gelungen zwischen erfahrenen Mitarbeitern, die wir für uns gewinnen konnten, und Hochschulabsolventen, denen wir die Chance geben wollen, in ein Unternehmen wie Bosch hineinzuwachsen.

Wie divers ist das Team – wie hoch ist der Frauenanteil?

Vielfalt ist ein Vorteil für Bosch. Im Team sind mehr als zehn Nationalitäten vertreten. Zudem haben wir schnell erkannt, dass es hier besonders viele Frauen mit einer sehr guten technischen Ausbildung gibt. Daher haben wir uns das ehrgeizige Ziel gesetzt, dass wir einen Frauenanteil zwischen 25 und 30 Prozent erreichen wollen und das auch im Führungsteam. Das haben wir geschafft. Es gibt im Werk zum Beispiel eine Produktionsleiterin, eine Qualitätsleiterin, eine Personalleiterin, eine IT-Leiterin – und sie stammen überwiegend aus der Region.

Bosch ist bekannt für seine Unternehmenskultur, in der auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geachtet wird. Wie wollen Sie als Arbeitgeber punkten, Herr Koitzsch?

Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben hat in der Tat bei Bosch einen hohen Stellenwert. Auch ich habe in meiner Laufbahn mehrere Monate Elternzeit genommen. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe. Aber nicht nur die Elternzeit wertschätzen wir als Kompetenzgewinn, auch die Pflege von Angehörigen. Mit dem Übergang aus der Projekt- in die Werksorganisation werden wir schrittweise attraktive Arbeitsbedingungen im Werk verankern, wie man sie von Bosch gewohnt ist. Vor allem die sinnstiftenden Aufgaben sind für viele Motivation, zu Bosch zu kommen.

Die Medien verfolgen stark den Bau der Batteriefabrik von Tesla in Brandenburg auch als Beispiel dafür, ob Deutschland bei solchen Projekten mithalten kann. Herr Graf, welche Erfahrungen haben Sie mit den Behörden gemacht?

Wir haben schnell gemerkt, dass Bosch nicht die erste Firma ist, die hier ein Chipwerk baut. Die Behörden waren sehr fachkundig. Die Unterstützung auch bei den notwendigen Genehmigungen war sehr gut und professionell, der Kontakt zum Oberbürgermeister bestand von Anfang an. Die Stadt ist gut vorbereitet, weil sie eine zentrale Abteilung hat, in der alle beteiligten Akteure zusammenarbeiten.

Gibt es bei all dem Lob auch eine kleine Schwäche?

Da fällt mir ad hoc nichts ein. Wir sind hier sehr gut angekommen und von Anfang an professionell betreut worden. Wir sind sehr, sehr zufrieden.

Wie lange werden Sie noch in Dresden mit an Bord sein?

Bis zum Jahresende bleibe ich noch beratend dabei. Dann ziehe ich mich nach Österreich zurück und werde einen neuen Lebensabschnitt beginnen, in dem ich mir mehr Zeit für meine Familie und meine Enkelkinder nehmen kann.

Was ist Ihr wichtigster Rat für Ihren Nachfolger, um hier in Dresden gut anzukommen?

Graf: Das ist schwer, einem Profi wie ihm einen Tipp zu geben – zumal er zu seinen Wurzeln zurückkehrt und die tolle Mannschaft ihn sicherlich trägt. Er kommt aus der Forschung und könnte den guten Draht zu unserem Forschungszentrum nutzen, um mit dieser hochmodernen Fabrik immer weiter an der Spitze zu bleiben.

Koitzsch: Die Fußstapfen meines Vorgängers sind schon groß. Ich werde Otto lieber doch noch bitten, mir einen kleinen Brief zu hinterlassen.

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  • Der 63-jährige Otto Graf verantwortet seit 2017 bei Bosch den Aufbau und die Inbetriebnahme des neuen Fertigungsstandorts. Der ausgewiesene Experte für Halbleitertechnik war zuvor in verschiedenen Fach- und Managementpositionen bei führenden Halbleiterfirmen im In- und Ausland tätig. Der Österreicher studierte Elektrotechnik an der HTL Klagenfurt und hat zwei Kinder.
  • Der 45-jährige Christian Koitzsch ist ab 1.7.2021 Leiter des Bosch-Halbleiterwerkes Dresden. Zuvor war er in verschiedenen Positionen für Bosch im In- und Ausland tätig, unter anderem in Indien. Er promovierte 2004 in Physik an der Universität Neuchatel (Schweiz) nach seinem Studium der Elektrotechnik an der TU Ilmenau, in der Schweiz und den USA. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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