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Das Vermächtnis eines VEB-Chefs

Sein Onkel Walter Ranze wollte die DDR retten. Ludwig Martin Rade holt dessen Thesen 31 Jahre später aus dem Schrank.

Ein guter Tropfen gehört bei Hobbywinzer Ludwig Martin Rade dazu – auch wenn der 81-Jährige auf den Spuren seines Onkels ins Philosophieren kommt.
Ein guter Tropfen gehört bei Hobbywinzer Ludwig Martin Rade dazu – auch wenn der 81-Jährige auf den Spuren seines Onkels ins Philosophieren kommt. © Juergen Loesel, loesel-photograp

Der grüne Aktenordner, den Ludwig Martin Rade aus dem Schrank seiner Meißener Wohnung holt, kommt unscheinbar daher – und doch birgt er einen Schatz: 281 Seiten mit dem brisanten ideellen Erbe seines Onkels Walter Ranze.

Der Ex-Chef des VEB Vereinigte Grobgarnwerke Kirschau, kurz Vegro, hatte nicht nur sein aufregendes Leben aufgeschrieben, sondern auch Gedanken, wie die DDR-Wirtschaft gerettet werden könnte. Unterschrieben am 31. Januar 1989 – wenige Monate vor der Grenzöffnung in Ungarn, vor Montagsdemos und Mauerfall.

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Was wäre wohl geschehen, wenn die Analyse des sterbenden Systems nicht im Privatschrank, sondern bei den Entscheidern gelandet wäre? Hätten sie Ranzes Vorschläge diskutiert, gar angenommen und die DDR die Kurve gekriegt? Immerhin war der Autor nicht irgendwer, sondern Lenker einer kombinatsähnlichen Einheit mit gut 30 Betrieben und 5.500 Beschäftigten – Alleinversorger mit Nadelfilz-Teppichfliesen, Produzent der legendären Flauschdecke „Molly“ und Devisenbringer durch Export technischer Gewebe und Scheuertücher.

Warum Arbeiterklasse vor Intelligenz?

„Wie kann es möglich sein, dass 40 Jahre nach Kriegsende die Bundesrepublik Deutschland ökonomisch stärker ist als die Deutsche Demokratische Republik?“, fragt Ranze, rhetorisch und enttäuscht, in seinen Aufzeichnungen. „Dabei haben wir so günstige Potenzen, die Bedingungen für eine Überlegenheit gegenüber der freien Marktwirtschaft beinhalten.“

Dank Beschäftigter wie Kunibert Vendt (l.), Fritz Pötschke und Micaela Sensenschmidt (oben) schaffte es Vegro oft auf die Titelseite der SZ.
Dank Beschäftigter wie Kunibert Vendt (l.), Fritz Pötschke und Micaela Sensenschmidt (oben) schaffte es Vegro oft auf die Titelseite der SZ. © arion Gröning, Volker Santrucek, privat, Repro: SZ

Sein Neffe, kennt die Antwort: „Ulbricht, Honecker & Co haben es versaut – und das ging 1961 mit dem Mauerbau los“, sagt Rade. „In den Betrieben hatten Parteisekretäre das Sagen und nicht die, die was von Wirtschaft verstanden“, so der 81-Jährige, der nach der Wende für die FDP im 1. Sächsischen Landtag saß und auch als Rentner kein Blatt vor den Mund nimmt. Wie einst sein Onkel.

Die propagierte „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ gebe es nicht, denn gesunde Wirtschaftspolitik sei Voraussetzung für effektive Sozialpolitik, schreibt Ranze und fragt: Warum muss die Arbeiterklasse die führende Kraft sein und nicht die Intelligenz? Warum überhaupt ein Unterschied?

Walter Ranze
Walter Ranze © privat

Warum wird Rationalisierung im Westen kritisiert, während sie in der DDR keinerlei Einspareffekte hat? Über die Losung „Überholen ohne einzuholen“ könne man nur den Kopf schütteln, heißt es, und der Slogan „Von der Sowjetunion lernen, heißt Siegen lernen“ sei „nicht glücklich“. Starker Tobak vom Mann, dem Managerallüren nachgesagt wurden.

Kein Heldenepos - aber Anerkennung

„Es war ein hartes Leben“, beginnen seine Memoiren: 1911 in der Kaiserzeit bei Pulsnitz geboren, Schule in Meißen während der Weimarer Republik. Das Studium zum Berufsschullehrer. Der Krieg, der ihn an die Loire und bis vor Moskau führt, und der ihn ein Auge kostet. An der Front nannte man ihn Glückspilz, weil er heim durfte.

Ranze war widersprüchlich: NSDAP-Mitglied, das nach eigenem Bekunden nichts von KZs wusste, und nach dem Krieg, dank Fürsprache durch Antifaschisten rehabilitiert, in die SED eintrat. Ein Mann, der das „Eiserne Kreuz“ ebenso trug wie den „Vaterländischen Verdienstorden in Bronze“ und andere DDR-Abzeichen.

Von einst 5.500 Vegro-Beschäftigten arbeiten heute noch 190 bei drei Nachfolgebetrieben. Eine ist Anke Queißer in der Nähwirkerei der Kirschauer Textil GmbH.
Von einst 5.500 Vegro-Beschäftigten arbeiten heute noch 190 bei drei Nachfolgebetrieben. Eine ist Anke Queißer in der Nähwirkerei der Kirschauer Textil GmbH. © Steffen Unger

Sein Neffe weiß um den Spielraum in einer Gesellschaft. Rade wurde im Kollektiv mit dem „Banner der Arbeit“ dekoriert und nach der Wende mit der „Sächsischen Verfassungsmedaille“. Der Diplomingenieur verurteilt nicht, singt kein Heldenepos, achtet aber Ranzes Lebensleistung. Auch dessen Neuanfang 1945 als Chef einer Marmeladenfabrik in Zittau und die Jahrzehnte an der Spitze der rivalisierenden und 1969 neben anderen Lausitzer Textilbetrieben vereinigten Kirschauer Grobgarnwerke Gebrüder Friese AG und Vegro. 1976 der altersbedingte Abschied.

Aus dem "Konzern" wurden vier Betriebe

Ein Jahr vor seinem Tod 1995 hatte Ranze seinem Neffen das Papier übergeben, „Nun habe ich noch einen Wunsch, mit Wort und Schrift etwas dazu beizutragen, wie man unsere Gesellschaft attraktiver gestalten kann“, schließt Ranze sein Werk.

Ist es auch 30 Jahre später für die Allgemeinheit nutzbar? „Natürlich“, ist sich sein Erbe sicher. Rades Enkel „überlegen immer noch, wie man das bestehende System besser machen kann“, sagt er. Da seien solche Erfahrungen hilfreich, „denn bei der Besetzung von Posten entscheidet oft immer noch das Parteibuch“. Zu den Errungenschaften von Vegro gehörten auch Wäscherei, Schumacher- und Schneiderwerkstatt, Verkaufsstelle für die Beschäftigten, drei betriebseigene Gaststätten, Poliklinik, Kitas – Dinge, die heute wieder angesagt sind, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein.

68 Prozent der 3.200 Beschäftigten im VEB Vegro Kirschau waren Frauen. 1984 arbeiteiteten 69 von ihnen in der Deckensäumerei.
68 Prozent der 3.200 Beschäftigten im VEB Vegro Kirschau waren Frauen. 1984 arbeiteiteten 69 von ihnen in der Deckensäumerei. © Waltraut Kossack

Aus dem DDR-„Konzern“ waren nach der Wende vier Privatbetriebe hervorgegangen, drei mit zusammen 190 Bechäftigten gibt es noch: die Meiko Textil GmbH, Hersteller von Reinigungsequipment wie Topflappen, die Kirschauer Textil GmbH, Produzent von Packdecken, Boden- und Spültüchern, sowie die Vegro Teppichboden GmbH, die Autoteppiche fertigt und über eine niedersächsische Firma auch für den Objektbereich Nadelvlies vertreibt. Der Deckenhersteller Vegro Textilproduktion GmbH war 2012 geschlossen worden.

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Vor zwei Jahren hatte Ludwig Martin Rade den ideellen Nachlass seines Onkels auch an Sven Gabriel (FDP), Bürgermeister von Schirgiswalde-Kirschau, geschickt. Im Archiv der Stadt sei er am besten aufgehoben, so seine Überzeugung. Doch bis heute gab es nicht mal eine Eingangsbestätigung.

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