Wirtschaft
Merken

Hidden Champion im Dresdner Hinterhaus: Wie man sich eine Heizung stickt

Holger Orawetz und Matti Reppe fertigen elektrisch erwärmbare Werkzeuge für Faserverbundteile, weltweit einmalig. Sie sind scharf auf "Die Träumende" - und auf einen Investor.

Von Michael Rothe
 5 Min.
Teilen
Folgen
Matti Reppe und Holger Orawetz, Chefs und Inhaber der Qpoint Composite GmbH in Dresden (v. l.). Sie wollen über den Unternehmerpreis noch bekannter werden – und hoffen so auch, einen Investor zu finden.
Matti Reppe und Holger Orawetz, Chefs und Inhaber der Qpoint Composite GmbH in Dresden (v. l.). Sie wollen über den Unternehmerpreis noch bekannter werden – und hoffen so auch, einen Investor zu finden. © Ronald Bonß

Dresden. Wer die Qpoint Composite GmbH im Dresdner Osten besuchen will, braucht Entdeckergeist und Spürsinn. Versteckt in zweiter Reihe auf dem riesigen, denkmalgeschützten Gelände einer früheren Gardinen- und Spitzenmanufaktur residieren Holger Orawetz und Matti Reppe mit ihren 20 Beschäftigten. Das Treppenhaus ins Obergeschoss des 110 Jahre alten Gemäuers atmet noch einen Hauch DDR. Aber hinter der schweren Brandschutztür im Obergeschoss lebt die Zukunft.

Selten ist das Bild vom Hidden Champion treffender: Das 2009 gegründete Unternehmen ist Top-Anbieter und Technologieführer bei elektrisch beheizbaren Formwerkzeugen zur Serienfertigung von Composite-Bauteilen in der Auto-, Luft- und Raumfahrtindustrie. Deshalb ist auch hinter besagter Tür vieles geheim.

Das Geräusch einer CNC-gesteuerten Stickmaschine hallt durch den Raum. Sie bringt Heizdrähte auf ein 1,5 mal 1,8 Meter großes Glasfasergewebe auf. Auch Leinen, Folie, Kohlegewebe sind solche Basisstoffe, die dann millimetergenau auf ein Modell geklebt werden. Anschließend wird unter Vakuum Epoxidharz eingefüllt, sodass nach dem Aushärten ein Verbundwerkstoff entsteht.

Das kann auch die Schablone für den Unterboden eines McLaren-Autos sein. Zum weltweit einzigartigen Portfolio von Qpoint gehören auch Kaschiranlagen, mit denen Interieur wie Armauflagen und andere Autoinnenteile produziert werden können.

Wie bei einem Waffeleisen

Die Fertigung von Faserverbunden setzt eine Erwärmung der Bauteile voraus. Wenn die Gründer und Chefs den komplizierten Prozess erklären, nutzen sie gern den Vergleich mit Backöfen und Waffeleisen. Doch diese Prozesse kosten Zeit, Energie und Geld.

„Wir ermöglichen mit unseren Self Heating Composite Tools die direkte Erwärmung der Formen, in der Faserverbunde aufgebaut werden“, sagt Holger Orawetz. Die Energie gelange sofort dorthin, wo sie benötigt werde und reduziere so Aufheiz- und Haltezeiten. Temperaturen von 180°C seien in wenigen Minuten erreichbar. Matti Reppe spricht von „80 bis 90 Prozent Energieeinsparung“, was gerade derzeit an Bedeutung gewinne.

Mit der Innovation sind dreidimensionale Werkzeuge machbar, zum Beispiel für eine Motorhabe. Ferner erlaube die Integration der Heizung in Faserverbundstoffe auch ganz neue Funktionen: etwa als beheizbarer Flugzeugflügel zum Schutz vor Vereisung. „Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat´s einfach gemacht!“ So stehts auf der Website des Unternehmens, auch Credo der beiden Diplomingenieure.

Der Dresdner Reppe und der Stralsunder Orawetz hatten sich vor 15 Jahren am Leibniz-Institut für Polymerforschung in der Landeshauptstadt kennengelernt. Weil dort das Budget zur Entwicklung großer Werkzeuge für Faserverbundstoffe fehlte, fassten sie den folgenschweren Entschluss: „Wir nähen uns eine Heizung – eingebettet in Kunststoff, ohne Haustechnik“. Mit der Idee gingen sie zu Airbus, „und die waren begeistert“, erzählt Reppe. Als die Institutsprojekte im öffentlichen Dienst ausgelaufen seien, hätten sie sich entscheiden müssen, wie es weitergeht, sagt der 42-Jährige.

Airbus, Lamborghini, Ruag

Sie haben den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt – im Institut nahe dem Hauptbahnhof, mithilfe des Start-up-Services Dresden Exists, einem Gründerstipendium und einer Handvoll Beschäftigten. „Wir hatten nur zwölf Monate Zeit, um die Firma aufzubauen und Kunden zu akquirieren“, blickt Orawetz zurück.

Der erste große Auftrag kam aus Österreich vom namhaften Luftfahrtzulieferer FACC: die Form für das Scharnier eines Flügelelements. Der Beginn einer Wachstumsstory – auch bei der Kundschaft. Auf der Referenzliste stehen Airbus, Boeing, GKN Aerospace, die Autobauer Lamborghini, Lotus, Porsche und Beyond Gravity, die Raumfahrt-Division des Schweizer Technologieriesen Ruag.

An der Wand des Beratungszimmers hängt der Seitenrahmen eines BMW i8 aus Carbon – von Orawetz per Kohlezeichnung zum Concept Car erweitert. Der 55-Jährige und sein Kompagnon sprühen vor Ideen. Er holt einen schwarzen Fensterrahmen für den Airbus A 350 und legt das ebenso leichte wie feste Stück auf den Tisch. „Auf unseren Formwerkszeugen werden solche Teile gepresst“, sagt er stolz.

Qpoint Composite hat sein Geschäft um Sonderanlagen erweitert und sieht sich als Komplettanbieter: vom Konzept über Entwicklung, Konstruktion und Fertigung, bis hin zur Montage. Auch sechs Männer aus Kasachstan, der Ukraine und Georgien gehören zum Team, das nur manchmal durch Lieferengpässe bei Steuerungskomponenten oder Spezialharz ausgebremst wird.

Investor dringend gesucht

Als Qpoint-Eigner sind die verheirateten Familienväter Orawetz und Reppe „eher vorsichtig unterwegs“, wie sie sagen. Trotz ihrer Erfolgsgeschichte stößt ihr Umsatz, kapazitätsbedingt, bei drei Millionen Euro an die Grenzen. „Wir würden gern weiter wachsen und weg vom Hinterhof“, gesteht Holger Orawetz. „Doch dafür brauchen wir einen Investor, jemanden, der uns finanztechnisch unter die Arme greift“, so sein Hilferuf.

Aber auch als Sieger konnten sich Orawetz und Reppe schon fühlen: so 2009 als Gewinner des Innovationspreises Mitteldeutschland im Bereich Chemie und Kunststoffe und im gleichen Jahr als Preisträger im Businessplan-Wettbewerb Futuresax, inklusive 10.000 Euro. „Sachsen braucht Menschen mit Mut und Weitsicht, die ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen“, würdigte Sachsens Ex-Wirtschaftsminister Thomas Jurk (SPD) damals die Teilnehmer.

Orawetz und Reppe sind von jenem Kaliber. Und sie greifen nun nach der Unternehmerkrone im Freistaat – und nach der „Träumenden“, der Trophäe im Wettbewerb „Sachsens Unternehmer des Jahres“.