merken
PLUS Wirtschaft

Deutschland soll Vorreiter beim Wasserstoff werden

Die EU setzt auf voll auf den umweltfreundlichen Energieträger und will Milliarden investieren.

Die emissionsfreien Busse in Wuppertal werden mit Wasserstoff betrieben, der aus Hausmüll produziert wird. Nach 100 Testtagen gab es eine erste Bilanz: Die Busse fuhren ohne Pannen.
Die emissionsfreien Busse in Wuppertal werden mit Wasserstoff betrieben, der aus Hausmüll produziert wird. Nach 100 Testtagen gab es eine erste Bilanz: Die Busse fuhren ohne Pannen. © WSW Wuppertaler Stadtwerke GmbH

Von Finn Mayer-Kuckuk

Die EU arbeitet an einem gemeinsamen Konzept, um Wasserstoff als Energieträger zu etablieren. „Wir brauchen Wasserstoff als Bindeglied zwischen Erneuerbaren Energien und konkreten Anwendungen“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier am Montag. Im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft hatte Altmaier zu einer virtuellen Wasserstoff-Konferenz eingeladen. Mit dabei waren die Energie-Kommissarin Kadri Simson und der Chef der Internationalen Energie-Agentur IEA, Fatih Birol.

Der Wasserstoff wird nach Ansicht von Experten in der Energieversorgung der Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Das Element kann an vielen Punkten als Kraftlieferant dienen, an denen heute fossile Brennstoffe wie Kohle oder Öl zum Einsatz kommen. Ein Beispiel ist der Verkehr, wo Wasserstoff große Fahrzeuge wie Laster oder Kühltransporter antreiben kann. Er eignet sich statt Erdgas zum Heizen der Häuser. Auch zur Stahlherstellung lässt sich das Element einsetzen. Hier ersetzt es Kohle.

Familien aufgepasst
Familien aufgepasst

Hier finden Sie alle Ergebnisse des Familienkompass 2020.

Doch bis zur Umsetzung dieser Ideen sind noch erhebliche Anstrengungen nötig. „Die marktwirtschaftlichen Akteure haben noch kein Vertrauen in die Entwicklung“, räumt Altmaier ein. Daher sei Förderung nötig, um zugleich mehr Angebot und mehr Nachfrage zu schaffen. Das sei nur möglich, indem die EU einen grenzüberschreitenden Markt schafft. In Zukunft können beispielsweise die heutigen Erdgasleitungen den Wasserstoff zwischen den Ländern verteilen. Um die Weichen für all das zu stellen, sei nun jedoch schnelles Handeln nötig, sagt Altmaier.

Der EU kommt hier eine Schlüsselrolle zu. „Die Kommission wird eng mit den Mitgliedsstaaten zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass die Politik künftig einen Schwerpunkt auf Wasserstoff setzt“, sagt Simson, die für Energie zuständige Kommissarin. Angesichts der Klimakrise seien schnellere Veränderungen nötig, als sie bisher zu beobachten sind. „Wir müssen den Übergang beschleunigen.“

Wasserstoffwende schafft Jobs

Der Dreistufenplan der EU sieht vor, zunächst das Angebot hochzufahren. Subventionen sollen helfen, den Ausstoß an umweltfreundlich hergestelltem Wasserstoff von seinem derzeit niedrigen Level bis 2030 auf ein erhebliches Niveau hochzufahren. Förderung für die Industrie soll zugleich Abnehmer für das Gas schaffen, indem dort Anlagen entstehen, die auf den Gebrauch des Energieträgers ausgerichtet sind. 

Beides wird zunächst teuer sein, doch das Ziel der EU ist es, den Wasserstoff schnell zu einem wettbewerbsfähigen Produkt zu machen. Im Kern der Bemühungen soll eine Allianz aus Industrieunternehmen aller beteiligten Branchen mit den zuständigen Behörden stehen. Wichtig ist hier die Herkunft des Wasserstoffs, wie sowohl Altmaier als auch Simson betonten. Anders als Kohle oder Öl kommt Wasserstoff nicht in der Natur vor. Es handelt sich daher nicht um eine Energiequelle. 

Puffer für Erneuerbare

Der grüne Wasserstoff muss stattdessen unter hohem Aufwand aus Wasser gewonnen werden.  Seine umweltfreundliche Herstellung verschlingt sogar besonders große Mengen an Strom. Sein Einsatz hat also nur Sinn, wenn der Wasserstoff unter Einsatz von Erneuerbarer Energie hergestellt wurde. IEA-Chef Fatih Birol ist jedoch optimistisch, dass der Preis von Ökostrom im Gleichschritt mit dem Ausbau weiter fällt. 

Auf der Positivseite eignet sich Wasserstoff bestens als Puffer für die Erneuerbaren: Wenn viel Wind weht und schön die Sonne scheint, können die Wasserstofffabriken Vorräte anlegen. Die neue Wirtschaftsweise entstehe also parallel zum konsequenten Ausbau alternativer Energiequellen, sagt Altmaier. Die EU-Kommission schätzt, dass bis 2050 in Europa zwischen 180 und 470 Milliarden Euro an Investitionen in die Wasserstofferzeugung fließen werden. Bis dahin soll die EU klimaneutral wirtschaften.

Weiterführende Artikel

Lausitz eignet sich als Energie-Sonderzone

Lausitz eignet sich als Energie-Sonderzone

Dieser Vorschlag kommt von einem Aachener Physiker, der empfiehlt, die Energiewende ganz neu zu denken.

Wasserstoff statt Kohlenstaub

Wasserstoff statt Kohlenstaub

Im Chemiedreieck bei Bitterfeld wecken Wasserstoff-Projekte Hoffnung auf neue Jobs nach dem Kohleausstieg.

Die Drewag fährt Wasserstoffautos

Die Drewag fährt Wasserstoffautos

Das Unternehmen hat zwei neue, besonders umweltfreundliche Fahrzeuge in Betrieb genommen. Damit sollen die Mitarbeiter nicht nur Dienstwege erledigen.

Mit Wasserstoff-Loks nach Radeberg?

Mit Wasserstoff-Loks nach Radeberg?

Der VVO schreibt die Strecken von Dresden nach Kamenz und Königsbrück neu aus. Darin überraschen einige Details.

Altmaier sieht hier auch eine Führungsrolle für Europa, und in Europa wiederum für Deutschland. Die Schwellenländer werden nur dann eine Abkehr von Kohle und Öl beginnen, wenn die entwickelten Länder zeigen, dass man trotzdem wachsen kann und auf nichts verzichten muss. Die EU-Kommission erwartet zugleich, durch die Wasserstoff-Wende neue Jobs zu schaffen. Gerade im Kielwasser der Corona-Krise können die Investitionen dazu beitragen, die Konjunktur wieder anzukurbeln.

Mehr zum Thema Wirtschaft