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Die Pleitewelle ist nur verschoben

Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform sieht die Coronahilfen der Politik im Grundsatz positiv, aber auch kritisch. Ihre Chefs in Dresden erklären warum.

Nur kurz nach der Wende gab es im Freistaat weniger Pleiten als im Corona-Jahr 2020. Für Andreas Aumüller (r), Inhaber von Creditreform Dresden, und Prokurist Thomas Schulz (l) kommt das nicht überraschend.
Nur kurz nach der Wende gab es im Freistaat weniger Pleiten als im Corona-Jahr 2020. Für Andreas Aumüller (r), Inhaber von Creditreform Dresden, und Prokurist Thomas Schulz (l) kommt das nicht überraschend. © Ronald Bonß

Hilferufe von Unternehmen und ganzen Branchen, Gastronomen, Hoteliers und Einzelhändler in Existenzangst, Forderungskataloge von Lobbyisten, Empörung ob ausbleibender Staatshilfen, und Experten sprechen vom stärksten Einbruch der Wirtschaft seit dem Krieg. Andererseits gab es, abgesehen von den ersten beiden Jahren nach der Wende, hierzulande nie weniger Firmenpleiten als im Coronajahr 2020 – sogar zwei Drittel weniger als zu Zeiten der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Eine verkehrte Welt?

„Die Situation ist eine ganz andere“, sagt Andreas Aumüller. Bei der Krise 2007/09 habe der Schwerpunkt bei Banken und Finanzdienstleistern gelegen, nun sei vor allem die Realwirtschaft betroffen. Damals habe es im Freistaat statistisch 5,3 Insolvenzen pro Tag gegeben, jetzt seien es 1,7. Aumüller muss es wissen, er ist Chef und Inhaber des Dresdner Standorts von Creditreform, dem führenden deutschen Anbieter von Wirtschaftsinformationen.

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Die Zahlen passen nicht zusammen

„Es ist verrückt, die Zahlen passen nicht zusammen“, sagt der Franke, der sich im Nachwendesommer an der Elbe niedergelassen hatte – wie zuvor in Regensburg und Nürnberg, wo er mit seinem Bruder die 1905 vom Großvater begründete Familientradition fortführt. Die Insolvenzentwicklung habe sich von der „diffusen Lage“ abgekoppelt und sei überdeckt durch Liquiditätshilfen des Staats, Kurzarbeitergeld und die ausgesetzte Insolvenzantragspflicht.

Durch dieses Moratorium mussten zahlungsunfähige Unternehmen, die vorgaben, durch Corona in Not zu sein, bis zum Herbst nicht zum Amtsgericht. Diese Regelung wurde bis Ende April verlängert, wenn die besagten Firmen noch auf ihre beantragten Hilfsgelder vom Staat warten.

„Die Wirtschaft war schon vor Corona in einem starken Veränderungsprozess“, sagt Thomas Schulz, Aumüllers rechte Hand. Der Leiter Vertrieb und Wirtschaftsinformation verweist auf den Auftragseinbruch im verarbeitenden Gewerbe, im Auto-, Maschinen- und Anlagenbau, auf die digitale Transformation, sich grundlegend verändernde Geschäftsmodelle, auf zweistellige Zuwächse im Onlinehandel – zulasten stationärer Geschäfte.

Sachsens Unternehmen mit dickem Polster

Nach Ansicht von Schulz haben Sachsens meist inhabergeführten Betriebe in der Coronakrise eine gute Basis. Wegen ihrer kleinteiligen Struktur – 87 Prozent erwirtschaften weniger als 500.000 Euro Jahresumsatz – könnten sie flexibel agieren. „Viele Unternehmer sind vom alten Schlag und durch die Nachwendejahre krisenerprobt“, sagt Schulz. Trotz eines Umsatz- und Ertragsrückgangs in vielen Branchen sei die Liquidität wegen der staatlichen Hilfsprogramme hervorragend, so der Prokurist. Mit im Schnitt 36 Prozent hätten Sachsens Firmen die bundesweit höchste Eigenkapitalquote. Auch wenn das nicht nur gut sei und für einen Investitionsstau stehen könnte, sei dieses Top-Verhältnis von Eigenkapital zum Gesamtkapital ein Pfund bei Kreditverhandlungen.

© DDV-Grafik/Antje Madaus

Dennoch haben laut Creditreform-Datenbank von den 188.000 aktiven Unternehmen in Sachsen fast 28.000 eine schwache Bonität mit der Ziffer 3 ganz vorn im Index. Und die Pandemiefolgen fressen weiter an der Substanz. „Wir schieben durch die Hilfen eine Pleitewelle vor uns her“, ist Aumüller überzeugt. „Die Frage ist nicht, ob die Insolvenzen kommen, sondern wann – und abhängig von Gesetzen“.

Politik vor Bundestagswahl in Versuchung?

Aber wie groß ist angesichts der Bundestagswahl im Herbst und einiger Landtagswahlen die Versuchung der Politik, Pleiten und Arbeitslosigkeit künstlich gering zu halten? „Das kann schon sein“, sagt Aumüller – auch, weil die Hoffnung mitschwinge, im Sommer werde es sowieso besser. Normalerweise scheiden Unternehmen aus, deren Geschäftsmodell nicht mehr zum Markt passt. „Je länger dieser Selbstreinigungsprozess der Wirtschaft ausgeschaltet wird, desto schwieriger wird es für die Gesamtwirtschaft“, warnt er. Dann komme das Drama mit Wucht und reiße viele nach dem Dominoprinzip mit.

Das Insolvenzmoratorium sei trügerisch, sagt Prokurist Schulz. „Viele Unternehmer leben nach dem Prinzip Hoffnung.“ Sie würden ihre Probleme mit Corona verbinden, dabei seien die Krankheitssymptome schon vorher da gewesen. Und Aumüller ergänzt: „Es ist wie beim Menschen: Wenn er Vorerkrankungen hat und Corona bekommt, wird die Krankheit viel schwerer sein und der Patient die Krankheit womöglich nicht überstehen.“

Dann besteht kein Vertrauen mehr...

Seit Jahresbeginn verschlechtert sich das Zahlungsverhalten. Sachsens Unternehmen sind mit nur sieben bis acht Tagen Verzug zwar noch Spitze im Vergleich zum Bundesschnitt von knapp zwölf Tagen. Im Detail gibt es aber auch beim Primus unter den Ländern negative Ausreißer wie Friseure und andere persönliche Dienstleister.

Bei vielen todgeweihten Unternehmen bestehe die Gefahr, dass gesunde durch Lieferantenkredite Geld verlieren sowie die öffentliche Hand Steuereinnahmen und die Krankenkassen Beiträge, so Schulz. „Dann besteht kein Vertrauen mehr – und Vertrauen ist nicht nur die Basis in der Politik, sondern auch unter Geschäftspartnern.“

Bei Index 600 geht das Licht aus

Das kratzt einen wie Aumüller in der Ehre. Schließlich hatte der 1879 in Mainz gegründete „Verein Creditreform zum Schutz gegen schädliches Creditgeben“ das Ziel: „Kreditgeben“ durch Erfahrungsaustausch über Auskünfte zu reformieren. Dazu wurde eine weitverzweigte Organisation selbstständiger Unternehmer aufgebaut und 1885 auch eine Adresse in Dresden. Nach dem Zweiten Weltkrieg durch die sowjetische Militäradministration aufgelöst, erwachte der Verein mit Sitz in Neuss bei Düsseldorf 1990 im Osten zu neuem Leben. Sächsische Adressen gibt es noch in Görlitz, Leipzig, Chemnitz und Zwickau.

Die Wirtschaft hat Respekt vor Creditreform. Kein Wunder, verfügt der mächtige und flächendeckend aufgestellte Verband doch über sensible Informationen zu über vier Millionen Firmen in Deutschland. Creditreform kann ein Unternehmen in Minuten vom Markt nehmen. Der dreistellige Bonitätsindex entscheidet oft über Auftrag oder Kredit, über Sein und Nichtsein. Die erste Stelle gleicht den Schulnoten von eins bis sechs. Bei „600“ geht nach genauer Prüfung das Licht aus – und der Chef oder ein Gläubiger zum Insolvenzgericht.

Viele stille Heimgänge

Wenn die Pleite vor der Tür stehe, werde es viele stille Heimgänge geben, prophezeit Schulz. „Um den Makel der Insolvenz zu vermeiden, wird mancher das Ersparte der Familie zusammenkratzen und den Laden oder die Kneipe abschließen.“ Weitere Konsequenz: „Es wird weniger Unternehmensnachfolgen geben, weil sich die Rahmenbedingungen verändert haben.“

Corona wirkt wie ein Katalysator, beschleunigt alles und fordert die Unternehmen heraus, schneller neue Kunden und Wege zu finden, ist sich das Führungsduo von Creditreform einig. „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“, bedient sich Schulz eines geflügelten Wortes.

Krise = Gefahr + Chance

Und was kommt nach Corona? Wenn durch Homeoffice weniger Büros gebraucht werden, Läden verschwinden und bereits 75 Prozent der Gaststätten gefährdet sind – was bleibt dann in den Innenstädten? „Neue Chancen für neue Modelle, einen neuen Mix, mehr Wohnungen, weniger große Handelsketten, sondern mehr lokale Läden kombiniert mit Lieferservice“, sinniert Aumüller, seit 2009 auch Honorarkonsul für Italien.

Der Dresdner Creditreform-Chef glaubt nicht an ein Ende des stationären Handels. Doch es brauche kluge Konzepte, Anreize für neue Mobilität, Steuererleichterungen und eine andere Kultur im Umgang mit Unternehmern – als Arbeit - und als Chancengeber, sagt er. Das chinesische Schriftzeichens für Krise bestehe aus zwei Teilen: Gefahr und Chance.

Das chinesische Schriftzeichen für Krise besteht aus zwei Teilen: Gefahr und Chance.
Das chinesische Schriftzeichen für Krise besteht aus zwei Teilen: Gefahr und Chance. © SZ/Bildstelle

In der Masse kämen Sachsens Unternehmen bislang gut durch diese Krise, sagen die beiden Experten. Im Einzelhandel würden das nicht alle unterschreiben - und Reisebüros, Veranstalter, Freiberufler, Friseure sowieso nicht. Für Aumüller machen das Wiedererstarken Chinas als wichtiger deutscher Exportmarkt und der neue US-Präsident Mut. „Jetzt schlägt die Stunde des Unternehmers“, sagt er und: „Viele werden gestärkt hervorgehen, weil sie ihre Hausaufgaben gemacht haben.“


  • Creditreform, 1879 gegründet, ist der führende Anbieter von Wirtschaftsinformationen in Deutschland.
  • Der Verband bietet auch Marketingadressen, Seminare, Konjunkturanalysen und Factoring an, den Aufkauf und das Eintreiben von Schulden.
  • In Deutschland betreuen 128 selbstständige Geschäftsstellen etwa 128.000 Mitgliedsunternehmen.
  • Wichtigste Wettbewerber hierzulande: CRIF Bürgel mit Hauptsitz im italienischen Bologna sowie Bisnode mit US-Partner Dun & Bradstreet, der weltgrößten Wirtschaftsauskunftei.
  • Creditreform ist seit 1885 in Dresden. 1948 im Register gelöscht, erlebte der Verein 1990 eine Wiedergeburt.
  • Lesern der Sächsischen Zeitung ist auch der Schuldneratlas, der Regionencheck zum Pleiterisiko und das Sachsenbarometer, der SZ-Wirtschaftsindikator der SZ, ein Begriff. (SZ/mr)

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