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Wie Dr. Quendt durch die Krise kommt

Der Stollenbäcker Dr. Quendt kommt fast ungeschoren davon – dank Krisenmanagement, vielen Arbeitskräften aus dem Ausland und einer Tüte Humor.

Trotz Corona bleibt bei Dr. Quendt alles im Rahmen – auch dessen Chef Robert Schiehandl in der Galerie Komische Meister.
Trotz Corona bleibt bei Dr. Quendt alles im Rahmen – auch dessen Chef Robert Schiehandl in der Galerie Komische Meister. © Arvid Müller

Ausgerechnet ein Berliner gewinnt den „Säggsischen Schärzgeegs“ und das Rennen um die Gestaltung der nächsten „Säggsisch Brod“-Eddischn von Dr. Quendt, der 4. Spezialausgabe seines legendären Russisch Brots. Laut Jury setzte Matthias Kiefel (60) das Motto „Mir baggen das“ am besten um und sich im Ausscheid gegen fast 50 Karikaturisten aus ganz Deutschland durch. Seine Zeichnung prangt nun auf den Packungen jenes Schaumgebäcks zum Diddschn – und das Original bis Weihnachten in der „Galerie Komische Meister“ neben der Frauenkirche, gemeinsam mit 80 weiteren Cartoons vom Wettbewerb.

Die Sonderedition ist ein Gemeinschaftsprojekt des Dresdner Backbetriebs mit der Ilse-Bähnert-Stiftung, die sich der Erhaltung und Pflege sächsischer Kultur und Sprache verschrieben hat. Ab 3. Oktober, wenn zum Tag der Einheit „Sachsens Wort des Jahres“ gekürt wird, sollen die Tüten 100.000-fach bei Konsum, Edeka, Kaufland, Rewe, in DDV-Lokalen – den Shops der SZ – und erstmals auch bei Penny und Lidl in Ostdeutschland im Regal stehen.

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Russisch Brot - mit lateinischen Buchstaben?

Im Gegensatz zum deutschen Alphabet mit 26 Buchstaben hat das sächsische nur 18. In den Tüten sind nur weiche „Gonsonandn“. Normalerweise fehlt auch das Z, das der gemeine Sachse als Kombination von D und S buchstabiert. Doch der Einfachheit halber wurde das zackige Zeichen nun in den illustren Kreis aufgenommen – als 19. und buchstäblich letzter Buchstabe.

Das Gebäck stammt wohl aus St. Petersburg. Dort hatte es der Dresdner Bäcker Ferdinand Hanke entdeckt, das Rezept 1844 nach Sachsen gebracht und Deutschlands erstes „Russisch Brot“ gebacken – nur lateinische statt kyrillische Buchstaben. Die süßen Zeichen wurden Jahrzehnte per Hand gefertigt, dann industriell auch von der Waffelfabrik Berbö, 1972 verstaatlicht zum VEB Rubro. Letztlich war es Hartmut Quendt, der die Herstellung Ende der 80er mit einer Spezialanlage revolutionierte.

Der Weltmarktführer übernimmt

Bei Dr. Quendt kennt man sich aus mit fragilen Dingen wie Schaumgebäck. 2014 stand das Unternehmen, das der 2016 verstorbene Hartmut Quendt 1991 aus einem Ex-Kombinatsbetrieb heraus gegründet hatte, finanziell vor dem Aus. Ein strategischer Investor musste her: Hermann Bühlbecker. Seine Aachener Printen- und Schokoladenfabrik Henry Lambertz zählt mit Aachener Printen, Nürnberger Lebkuchen zu den deutschen Top-3 der Branche und ist Weltmarktführer für Weihnachtsgebäck.

Russisch Brot - jetzt in der Sachsen-Edition mit Karikaturen.
Russisch Brot - jetzt in der Sachsen-Edition mit Karikaturen. © Arvid Müller

Der Printenkönig integrierte die Sachsen in sein Imperium. Dr. Quendt ist mit 2,4 Millionen Stück führender Hersteller von Dresdner Christstollen und macht damit die Hälfte seines Geschäfts. Kleinere Bäckereien werfen dem Primus Dumpingpreise vor. Dessen Kilo-Stollen liegt schon für knapp sieben Euro im Supermarkt, hiesige Handwerker müssen hingegen zweistellig kalkulieren. Das Unternehmen ist auch bekannt durch Dinkelchen, Dominosteine, Bemmchen und eben Russisch Brot.

Eher symbolischer Werksverkauf

2019 erwirtschaftete Dr. Quendt knapp 27 Millionen Euro Umsatz und zum dritten Mal infolge schwarze Zahlen. „In diesem Jahr werden wir trotz Corona nur leicht darunter liegen“, prognostiziert Werkleiter Robert Schiehandl. Das Unternehmen sei bislang fast schadlos durch die Krise gekommen – bis auf den Aufwand zur Umsetzung staatlicher Hygieneauflagen. Desinfektionsmittel, Vinylhandschuhe, Masken, der Container als zusätzlicher Pausenraum für die Produktionsarbeiter, die angeschafften Notebooks fürs Homeoffice und das noch immer geschlossene Firmencafé hätten gut 100.000 Euro gekostet. Pillepalle im Vergleich zum Existenz bedrohenden Millionenloch von vor sechs Jahren.

Der Werksverkauf läuft „unter strengsten Kriterien“ weiter, um Präsenz zu zeigen, auch wenn er sich nicht immer rechne. „Wir hatten nicht einen Infektionsfall“, freut sich Schiehandl, seit 2016 Werkleiter. Täglich werde bei Beschäftigten und Besuchern Fieber gemessen. Es habe weder Kurzarbeit und gedrosselte Produktion gegeben, noch brauche der einst totgesagte Betrieb staatliche Hilfen. Das Schichtsystem angepasst und Überstunden abgebaut worden. Bei Rohstoffen und Folien habe es keine Ausfälle gegeben. Alles im Rahmen.

Klein, aber mit gutem Image

Höheren Puls hatte der Niederbayer nur vor dem Saisonstart Anfang Juni, als er wegen geschlossener Grenzen nicht wusste, ob die seit Jahren eingearbeiteten Ausländer ins Werk dürfen. Von den 100 festen und noch mal so vielen Saisonkräften sind etwa 60 aus Polen und gut 20 Flüchtlinge aus Syrien und Afrika. Den Polen sei er besonders dankbar, sagt der 50-Jährige. Sie hätten, auch aus Angst vor Quarantäne, bis zu sechs Wochen auf eine Heimreise verzichtet und ihre Familien nicht gesehen.

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Der Chef erwartet nun „eine spannende Zeit, die für den Handel viel mit dem Wetter zu tun hat“. Jede Woche gebe es eine Corona-Video-Konferenz aller Lambertz-Standorte, alle zwei Wochen den Online-Rapport beim großen Boss. Im November wolle Bühlbecker in Dresden selbst nach dem Rechten sehen. „Wir sind zwar seine kleinste Pflanze, aber eine feine“, sagt Schiehandl. Sein Ziel: Der Stollenbäcker soll Vorzeige-Rosine im Konzern werden.

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