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Dresdner Christstollen ist systemrelevant

Lambertz-Chef Hermann Bühlbecker ist der König der Weihnachtsbäcker. Im Interview erklärt er auch, warum das Gebäck von Dr. Quendt in Dresden günstig sein muss.

Hermann Bühlbecker (70) übernahm 2014 Dr. Quend. Mittlerweile ist der Dresdner Stollenbäcker eine Rosine in seiner Lambertz-Gruppe aus 25 Süßwarenfirmen mit 4.000 Beschäftigten.
Hermann Bühlbecker (70) übernahm 2014 Dr. Quend. Mittlerweile ist der Dresdner Stollenbäcker eine Rosine in seiner Lambertz-Gruppe aus 25 Süßwarenfirmen mit 4.000 Beschäftigten. © Lambertz

Herr Bühlbecker, normalerweise machen Sie als weltweiter Herrscher über das Weihnachtsgebäck Dresdens Striezelmarkt Ihre Aufwartung ...

... zumal unsere Tochterfirma Dr. Quendt dort nach langem Kampf in diesem Jahr erstmals einen Stand gehabt hätte.

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Jetzt haben Sie die Bescherung: Der Markt fällt aus – wie alle bundesweit.

Das bedaure ich sehr. Dieser Markt, der als letzter abgesagt wurde, hat, wie Dresden überhaupt, ein ganz besonderes Flair. Ich bin immer wieder gern dort.

Das ist die emotionale Seite. Aber was bedeuten die Absagen wirtschaftlich?

Natürlich fehlen uns diese Verkäufe. Aber wir sind froh, dass unsere Christstollen, Dominosteine, Lebkuchen und Printen weiter in Supermärkten verkauft werden können. Also sind wir systemrelevant und können uns nicht beschweren. Gastronomie, Reise-, Messe- und Veranstaltungsbranche sind viel schlimmer dran.

Was machen Sie mit all den Süßigkeiten, die Sie jetzt nicht loswerden?

Wir bleiben nicht auf der Ware sitzen. Wir fertigen bis zum Nikolaustag. Schon im November war klar, dass der Lockdown kommen würde. Also haben wir weniger produziert, wenn auch ohne Unterbrechung.

Demnach kommt die Lambertz-Gruppe in der Krise mit blauem Auge davon?

Ja. Allerdings ist auch unser internationales Geschäft betroffen, denn in Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien wütet Corona teils noch heftiger als in Deutschland. Und dann plagen uns noch Strafzölle in den USA, die uns in dem großen Wachstumsmarkt enorme Kostennachteile bescheren. Auch fehlen uns die Messen als Schaufenster und die unmittelbare Kommunikation mit dem Handel. Aber insgesamt sind wir bislang gut durch die Krise gekommen. Nicht nur mit Glück, sondern weil wir in der Gruppe schnell reagiert und mit großem Aufwand gehandelt haben.

Was haben Sie unternommen?

Wir haben Produktion und Hygienemanagement umgestellt. Wir hatten auch keine Corona-Fälle weil wir intensiv in Zwischenwände und andere Schutzmaßnahmen investiert haben.

In Dresden spricht die halbe Belegschaft Polnisch, beschäftigen Sie rund 20 Flüchtlinge. Eine besondere Herausforderung?

Wir haben neben festem Personal viele Saisonkräfte, die von außerhalb kommen – nicht nur in Dresden, auch in Nürnberg und Aachen. Diese Beschäftigten zu testen, war nicht einfach. Durch unsere Produktionsstandorte in Kattowitz und bei Krakau konnten wir dort schon Erfahrungen sammeln. Und dann war eine Zeit lang die Grenze dicht. Doch wir haben alle Kräfte bekommen, die wir für die Saison brauchten. Unsere Sorge, dass Schichten oder ganze Betriebe ausfallen, war unbegründet.

Lambertz bilanzierte zuletzt 637 Millionen Euro Jahresumsatz. Haben Sie sich wegen der Krise für 2020/21 innerlich von solchen Zahlen verabschiedet?

Nein. Wir kämpfen darum, per 30. Juni wieder das Vorjahresniveau zu erreichen – ohne Kurzarbeit oder andere Staatshilfe. Und wir sind im Moment auf Kurs, bei allen Unwägbarkeiten in den nächsten Monaten.

Wie wollen Sie das schaffen?

Wenn etwas wegfällt, müssen wir anderswo dazugewinnen. So wollen wir in Amerika, vor allem aber in Osteuropa, wachsen und in Deutschland unter anderem die Marktführerschaft bei Biogebäck ausbauen.

Sie hatten Wladimir Putin 2019 in Sotschi einen Dresdner Christstollen geschenkt. Wollen Sie in Russland nur in die Regale oder auch dort produzieren?

Zunächst in die Regale. Und wenn wir nach dem polnischen Beispiel in zwei, drei Jahren eine breitere Umsatzbasis haben und in allen Handelsketten vertreten sind, werden wir auch vor Ort produzieren.

Süße Erinnerung an seine Zeit in Dresden. Russlands Präsident Wladimir Putin bekommt von Lambertz-Inhaber Hermann Bühlbecker (v.i.) 2019 in Sotschi einen Christstollen aus dem Haus Dr. Quendt.
Süße Erinnerung an seine Zeit in Dresden. Russlands Präsident Wladimir Putin bekommt von Lambertz-Inhaber Hermann Bühlbecker (v.i.) 2019 in Sotschi einen Christstollen aus dem Haus Dr. Quendt. © Lambertz

Sie sind seit 2014 Herr über Dr. Quendt in Dresden. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Der Einstieg war wegen der damals desolaten Lage der Firma ein Risiko. Aber mich reizte die Aufgabe, deutsches Kulturgut wie den Dresdner Christstollen zu verteidigen – und mein erstes Engagement in Ostdeutschland. Ich versprach der Familie Quendt, dass wir weiter den Namen führen und nicht groß Lambertz auf die Packungen schreiben. Die Sanierung hat Kraft und Geld gekostet, aber sie hat sich gelohnt. Wir haben es geschafft, Quendt-Stollen bundesweit in die Regale zu bringen und mit jährlich 2,4 Millionen Stück Marktführer zu werden. Die Übernahme war gut für uns, für Dr. Quendt und für Dresden.

Wie oft schauen Sie in Dresden nach dem Rechten?

Im Schnitt drei Mal im Jahr, 2020 jedoch noch nicht. Das spricht aber für das Unternehmen, das vor Ort gut gemanagt wird. Daher halten wir uns dort, im Gegensatz zu anderen Töchtern, auch diskret zurück.

Welchen Stellenwert hat Dr. Quendt mit gut 26 Millionen Euro Jahresumsatz im Konzern mit 25 Töchtern?

Wir rechnen nicht nur in Millionen. Dresdner Stollen hat als Kulturgut eine hohe Bedeutung und genießt regionalen EU-Herkunftsschutz. Somit ist Dr. Quendt weit mehr als eine normale Gebäckproduktion. Dresden schließt den Kreis und ist mit Aachen sowie mit Nürnberg die wichtigste Adresse, wenn es um ausgezeichnete, unverwechselbare Traditionsprodukte geht.

Wo wollen sie mit dem Standort hin?

Man muss realistisch sein, die Luft wird nach oben dünner. Der Markt ist begrenzt, auch zeitlich und kein endloses Wachstum möglich. Potenzial gibt es sicher im Export. Wir werden das Unternehmen nicht reißerisch hochpushen, sondern sukzessive wachsen – auch mit neuen Produkten.

Die da wären?

Das werden wir Ende Januar, in der Zeit der abgesagten Süßwarenmesse ISM, verraten – und auch digital präsentieren.

Ihr „Weihnachtsimperium“ hat mit Dresdner Stollen und Aachener Printen Ost und West unter Kontrolle und mit Nürnberger Lebkuchen den Süden. Fehlt nur noch Lübecker Marzipan ...

Die Norddeutschen bedienen einen anderen Markt. Wir sind Bäcker – und nicht so vermessen, alles machen und haben zu müssen.

Und in Dresden: Haben Sie ein Auge auf die Bäckerei Emil Reimann, die dortige Nummer zwei, geworfen?

Ich schätze dieses Familienunternehmen sehr, glaube aber nicht, dass es zum Verkauf steht. Außerdem ist es gut, wenn es in der Region mehrere Wettbewerber mit unterschiedlichen Schwerpunkten gibt.

Die haben Sie dort mit über 100 Stollenbäckern. Das Handwerk beklagt, dass Sie mit 6,99 Euro für den Kilostollen bei Aldi und Lidl die Preise kaputt machen.

Es ist ein Unterschied, ob man über den Lebensmittelhandel oder im Fachhandel verkauft. Die Dresdner Konditoren vergleichen uns mit sich, der Lebensmitteleinzelhandel vergleicht uns mit anderen deutschen Stollenbäckern. Da bieten namhafte Adressen wie Bahlsen oder Küchenmeister gute Qualität schon für drei Euro pro Kilo an. Da sind wir eher teuer. Auch in Aachen sind die Printen der Bäcker drei bis vier Mal teurer als unsere.

Also kein schlechtes Gewissen?

Wir können kein schlechtes Gewissen haben, weil wir die Produkte sonst nicht mehr in den Ketten platzieren könnten. Wir werden auch künftig nicht preiswerter – wegen Corona aber auch nicht teurer. Wir täten dem Dresdner Christstollen auch als Kulturgut, das auch eine große Vertriebs- und Verbraucherbreite braucht, keinen Gefallen. Das dürfen wir nicht aufs Spiel setzen. Außerdem lebt die Demokratie auch von der Vielfalt der Angebote, gerade auch in den Preisalternativen. Nicht jeder kann sich Stollen für 15 Euro leisten.

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Auch die Diskussion um das Stollensiegel kocht immer mal hoch. Sind Ihnen die elf Cent pro Stollen zu teuer?

In der meines Erachtens überbewerteten Diskussion bringen alle ihre Argumente ein, und ich hoffe zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden. Wir sind und bleiben dem Siegel sowie dem Schutzverband treu.

Das Gespräch führte Michael Rothe.

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