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E-Autos vernichten keine Jobs

Die Zahl der Arbeitsplätze in der Autobranche könne bis 2030 stabil bleiben, prognostizieren Berater. Etwa 800.000 Beschäftigte müssten allerdings umlernen.

Im Osten könnte der Bau von Elektro-Autos einige neue Jobs bringen.
Im Osten könnte der Bau von Elektro-Autos einige neue Jobs bringen. © dpa/Sebastian Kahnert

Von Hannes Koch

Pessimismus beschleicht manche Beschäftigte der hiesigen Autoindustrie, wenn sie an die E-Mobilität denken. Wieviele Arbeitsplätze bleiben dann übrig, und was bedeutet das für meine Tätigkeit? Für eine gewisse Entspannung mag da diese neue Studie sorgen: Die komplette Jobzahl in der Autoindustrie und verwandten Branchen – etwa 1,7 Millionen Stellen - kann bis 2030 konstant bleiben, auch wenn der Verbrennungsmotor nach und nach durch den elektrischen Antrieb abgelöst wird.

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Die Untersuchung stammt von der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) und der Organisation Agora Verkehrswende. Diese sehen allerdings „signifikante Verschiebungen der Arbeitsplätze zwischen den beteiligten Industriezweigen“ voraus. Und für hunderttausende Beschäftigte komme es wohl zu starken Veränderungen ihres Berufsbildes – Umschulungen sind angesagt. Regional könnten Bayern und Baden-Württemberg einige Arbeitsplätze verlieren, Westen, Norden und Osten Deutschlands hingegen welche hinzugewinnen.

Ingesamt gehen BCG und Agora davon aus, dass der automobile Industrie- und Dienstleistungssektor hierzulande 1,7 Millionen Menschen beschäftigt. Im Kern der Autoindustrie, bei den Markenfirmen und großen Zulieferern, arbeitet knapp eine Million Leute. Die Fahrzeughersteller würden bis 2030 etwa 70.000 Arbeitsplätze verlieren, erläuterte Kristian Kuhlmann (BCG). Zulieferfirmen büssten knapp 100.000 Stellen ein. Und bei Wartung und Reparatur in den Werkstätten fielen etwa 15.000 Jobs weg. Erklärung für diese Verluste: Einen Antriebsstrang mit Verbrennungsmotor, Kupplung, Schaltung, Getriebe und Auspuff brauchen E-Autos nicht. In ihnen stecken weniger Teile, was den Arbeitsaufwand reduziert.

Andererseits bringt die E-Mobilität zusätzliche Beschäftigung mit sich. Profitieren werden Firmen, die die elektrischen Komponenten beisteuern, unter anderem die Batteriezellen. Dort wird die Nachfrage enorm steigen. Gleiches gilt beispielsweise auch für die Energieinfrastruktur. Solar- und Windkraftwerke nehmen zu, Stromnetze müssen ausgebaut, Ladesäulen errichtet werden. Die Autorinnen und Autoren rechnen in diesen Bereichen mit über 200.000 zusätzlichen Stellen.

Viele Arbeitsplätze sehen in zehn Jahren vermutlich anders aus als heute. Kuhlmann prognostizierte einen „großen Bedarf an Umschulung und Weiterbildung der Arbeitnehmer“. Wer Motoren und Getriebe entwickelt oder montiert, muss umlernen. Nicht wenige Beschäftigte werden die Betriebe wechseln, und einige wohl andere Qualifikationen erwerben. Insgesamt sind von solchen Veränderungen bis zu 800.000 Leute betroffen, heißt es in der Studie. Und manche werden auch arbeitslos oder gehen in Frührente.

Brennstoffzelle wohl kein großes Thema

Agora-Chef Christian Hochfeld sagte: „Die Elektromobilität ist in dieser Dekade das einzige valide Zukunftsszenario für den Pkw.“ Politik und Unternehmen riet er dringend, sich darauf zu konzentrieren. Alternative klimafreundliche Antriebe wie die Brennstoffzelle und synthetische Kraftstoffe würden bis 2030 kaum eine Rolle spielen, deshalb auch wenige Arbeitsplätze schaffen. Als Beleg führte Hochfeld an, dass die Fahrzeughersteller fast keine derartigen Modelle in Planung hätten.

Damit die Transformation sozialverträglich ablaufe, müsse die Politik die Firmen unterstützen, erklärten Kuhlmann und Hochfeld. Nötig sei beispielsweise Hilfe bei der Ansiedlung neuer Betriebe und der Qualifizierung der Beschäftigten. Trotzdem allerdings rechnen die Experten mit leichten Arbeitsplatzverlusten an den traditionellen Automobil-Standorten Bayern und Baden-Württemberg. Dort könnten unter dem Strich bis zu 4.000 Stellen verschwinden. Unter anderem in Hessen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen mag dagegen ein gewisser Job-Aufbau zu verzeichnen sein. Mit plus 16.000 Stellen könne vor allem Ostdeutschland profitieren, so die Studie. In Thüringen ist beispielsweise die Produktion von Batteriezellen im Kommen.

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Die Untersuchung basiert auf der Annahme, dass 2030 in Deutschland mehr Pkw als heute produziert und gekauft werden. Der Umstieg auf gemeinschaftlich genutzte, unter anderem öffentliche Verkehrsmittel lasse auf sich warten, begründete Hochfeld. Ob er damit richtig liegt, bleibt abzuwarten. Die Studie „Automobile Wertschöpfung“ im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums von 2019 prognostizierte den Verlust von einigen hunderttausend Jobs.

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