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Eisenharte Tarifrunde in der Metallindustrie

Der IG Metall geht es um Angleichung der Arbeitsbedingungen. Noch arbeiten Sachsens Metaller drei Stunden länger als die im Westen.

Die IG Metall will nach gut 30 Jahren deutsche Einheit auch die Mauer bei den Arbeitsbedingungen einreißen - symbolisch dargestellt vor dem Werkstor von Porsche in Leipzig.
Die IG Metall will nach gut 30 Jahren deutsche Einheit auch die Mauer bei den Arbeitsbedingungen einreißen - symbolisch dargestellt vor dem Werkstor von Porsche in Leipzig. © www.imago-images.de

"Freitag nach eins macht jeder seins!“ Zumindest in der Metall-Tarifrunde für Berlin und Brandenburg gilt dieser Spruch nicht. Dort hatten sich Gewerkschaft und Arbeitgeber im 6. Einigungsversuch Ende voriger Woche eine Verlängerung bis zum späten Abend auferlegt. Auch die 190.000 Branchenbeschäftigten in Sachsen schauen gespannt zu den Nachbarn in ihrem Drei-Länder-Tarifbezirk, speziell die 25.000 in 62 tarifgebundenen Verbandsbetrieben.

Der IG Metall geht es 30 Jahre nach der Wiedervereinigung um Angleichung der Arbeitsbedingungen in Ost und West. Noch arbeiten Sachsens Metaller pro Woche 38 Stunden, also drei Stunden länger als die im Westen – einen Monat im Jahr.

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Seit Wochen wird verhandelt, dabei gibt es längst einen in Nordrhein-Westfalen (NRW) ausgehandelten Pilotabschluss, der Arbeitszeitverkürzung gegen teilweisen Lohnausgleich ermöglicht. Der Kompromiss sieht auch eine Corona-Prämie von 500 Euro 2021 und danach dauerhafte jährliche Sonderzahlungen vor. Das Geld kann aber auch zur Beschäftigungssicherung eingesetzt werden.

Stufenplan für ersten Minischritt

Alle Tarifbezirke haben den Deal übernommen – alle, außer Berlin-Brandenburg-Sachsen. Dort geht es zusätzlich um den finanziellen Ausgleich für jene drei Stunden Mehrarbeit im Gesamtvolumen von 8,5 Prozent, alternativ um mehr Freizeit bzw. die 35-Stunden-Woche. Sachsens Arbeitgeberverband hatte die IG Metall wiederholt zur Übernahme des Pilotabschlusses aufgefordert. Auf die wichtigste, in NRW nicht verhandelte, weil ostspezifische Forderung ließ sich der VSME jedoch nicht ein.

Vorige Woche hatte die Gewerkschaft einen finalen Lösungsvorschlag für Berlin und Brandenburg unterbreitet – anders als in Sachsen, wo seit 19. April Schweigen herrscht. Die Idee: Ein Stufenplan zur Angleichung von zunächst einer Stunde, der Teile des Pilotabschlusses nutzt. Arbeitnehmer sollen 2022 auf die Sonderzahlung verzichten, im Jahr darauf aber einen Teil des Geldes bekommen, 2024 etwas mehr und 2025 die ganze – oder eine Stunde Freizeit. Umgekehrt würde die Belastung der Arbeitgeber binnen vier Jahren sanft und schrittweise auf 2,8 Prozent steigen.

Druck auf Autobauer wächst

Ohne Lösung in der Fläche will die Gewerkschaft „Haus für Haus auf die Unternehmen zugehen“, hatte Birgit Dietze, Bezirkschefin für alle drei Länder, angekündigt – nach den Autobauern auch auf Maschinenbauer und Elektrobetriebe.

In Sachsen gab es widersprüchliche Meldungen aus beiden Lagern. Die IG Metall hatte vor allem bei Autobauern und -zulieferern Gesprächsbereitschaft ausgemacht. Deren Lager leerten sich nach ganztägigen Warnstreiks, heißt es dort.

Auf der anderen Seite griff der Arbeitgeberverband die Gewerkschaft an und ihre zweigleisige Strategie mit Flächen- und Haustarifverhandlungen. Die „angeschriebenen Unternehmen haben ihrerseits darauf verwiesen, dass sie als Mitgliedsunternehmen im VSME keine Firmentarifverhandlungen führen werden und weiterhin auf eine Lösung im Flächentarifvertrag drängen“, so der Verband. Er bleibe „verhandlungs- und abschlussbereit, so wie es der Pilotabschluss von Nordrhein-Westfalen beschreibt“ – also ohne Ausgleichsgeld für die Mehrarbeit oder einen Einstieg in die 35-Stunden-Woche.

Verband warnt vor Tesla

Die Interessenvertretung verweist darauf, dass ihre Mitglieder „mit großem Abstand zu den attraktivsten Arbeitgebern gehören“ – auch mit weit überdurchschnittlichen Einkommen“. Insbesondere Autobauer böten übertarifliche Leistungen an, „so dass es keinen Rückstand gibt, sondern einen großen Vorsprung“, argumentiert sie.

Der VSME drängt auf gleiche Bedingungen für die Metall- und Elektroindustrie auch in den neuen Ländern und lehnt eine Mehrbelastung für einzelne Mitgliedsunternehmen ab. Die tariffreie Situation bei Tesla verschärfe die Wettbewerbssituation nochmals zu Lasten der hiesigen Tarifbetriebe. Das müsse die IG Metall berücksichtigen – neben der bis Ende 2024 vereinbarten 38-Stunden-Regelung. Firmenverträge würden den Flächentarif weiter schwächen, ohne ihn ersetzen zu können. Am Ende gebe es dann weniger Tarifbindung.

Nächste Runde für Sachsen am Dienstag

Am Freitagabend nach acht hatten dann auch die Unterhändler von IG Metall und VME, dem Metallarbeitgeberverband von Berlin und Brandenburg genug – nach zehnstündigem Gesprächsmarathon ohne Happy End. Doch so ganz hoffnungslos wollten sie doch nicht auseinanderrennen. Die Arbeitgeber gaben der Gewerkschaft ihren am Vormittag unterbreiteten Vorschlag mit auf den Weg. Den wollte die IG Metall über das Wochenende beraten. Details wurden nicht bekannt. Der VME hatte schon 2019 Kompromissbereitschaft beim Thema „Arbeitszeit“ gezeigt. Doch Gesamtmetall, die Dachorganisation der Metallarbeitgeber in Deutschland, kippte ein mit der Gewerkschaft abgestimmtes Eckpunktepapier.

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Am Montag geht die Hängepartie für Berlin-Brandenburg weiter – genau beobachtet auch in Sachsen. Dort soll am Dienstag wieder verhandelt werden. Der VSME mahnt zur Eile. Denn der im Pilotabschluss fixierte Corona-Bonus von 500 Euro sei nur abgabenfrei, wenn er bis Ende Juni ausbezahlt werde, heißt es. In der Blaupause von NRW geht es um fristgebundene Gelder.

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