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Netzagentur-Chef: Raumtemperatur-Senkung ist nicht zu kontrollieren

Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur, spricht im Interview über das Gas-Sparen und die Knappheit der kommenden Monate. 2024 ohne russisches Gas auszukommen, sei ein ambitioniertes Ziel.

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Klaus Müller leitet die Bundesnetzagentur in Bonn, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums unter anderem die deutschen Netze für Strom, Gas und Telekommunikation reguliert.
Klaus Müller leitet die Bundesnetzagentur in Bonn, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums unter anderem die deutschen Netze für Strom, Gas und Telekommunikation reguliert. © Bundesnetzagentur

Interview von Hannes Koch und Wolfgang Mulke

Etwa ein Viertel des hiesigen Gasverbrauchs kam Anfang der Woche aus Russland, mittlerweile vielleicht noch 15 Prozent. Auf diese überschaubare Menge können wir doch verzichten, ohne dass hier alles zusammenbricht?

Nein, das schätzen wir anders ein. Der komplette Ausfall der russischen Lieferungen würde Deutschland vor gravierende Probleme stellen. Wir sollten uns nicht täuschen. Der Sommer ist warm, augenblicklich wird wenig Gas verbraucht, Unternehmen und Privathaushalte sparen schon gewisse Mengen. Aber kältere Temperaturen können das schnell ändern.

Der russische Konzern Gazprom halbierte an diesem Mittwoch den Gasfluss durch die Pipeline Nord Stream 1, kündigte aber größere Lieferungen über die Slowakei an. Wie sieht es damit aus?

Dabei handelte es sich erstmal nur um Ankündigungen. In den Leitungen sahen wir das am Donnerstagvormittag noch nicht. Sollte es allerdings eintreten, wäre es bemerkenswert. Denn früher hat Gazprom Reduzierungen in einer Pipeline nicht an anderer Stelle kompensiert.

Angenommen, die reduzierte Menge fließt weiter – kommen wir damit halbwegs durch den Winter?

Das würde schon sehr, sehr eng. Mit der 40-prozentigen Auslastung von Nord Stream 1 wie Anfang Juli kämen wir nach unseren Berechnungen einigermaßen zurecht. Voraussetzung: Wirtschaft und Haushalte sparen selbstständig etwa ein Fünftel ihres Gaskonsums ein, der Winter wird nur durchschnittlich kalt, und unsere Nachbarn brauchen keine unerwartete Hilfe. Zur Not können wir auch mit einer halbierten Gasmenge aus Russland unsere Speicher noch etwas weiter auffüllen. Das ist sehr wichtig, um mit einem gewissen Vorrat ins nächste Jahr und den Winter 2023/24 zu gehen.

Die unterirdischen Speicher sind schon jetzt zu zwei Drittel gefüllt. Ist das keine gute Grundlage?

Leider nein. Wir haben zwar gut aufgeholt. Trotzdem liegen wir noch unter dem langjährigen Durchschnitt des Füllstandes. Für berechenbare Zeiten würde das reichen, in der augenblicklichen Situation jedoch nicht.

Lange dauert es nicht mehr, dann kann Deutschland zusätzliches Flüssiggas über die neuen schwimmenden Häfen importieren. Die Rettung?

Das ist ein gewisser Ausgleich, aber „Rettung“ wäre zu viel gesagt. Die ersten Importterminals in Wilhelmshaven und Brunsbüttel stehen wohl frühestens zum Jahreswechsel 2022/23 zur Verfügung und tragen dann zur Versorgung bei. Erst für den Winter 2023/24 werden diese und wohl sogar drei weitere Anlagen eine umfassende Entlastung bringen.

Ab Oktober starten die Auktionen, mit denen die Firmen freiwillig und bezahlt auf Gasmengen verzichten können. Erwarten Sie dadurch eine Linderung der Knappheit?

Wir hoffen, die Gasmangellage damit hinauszuzögern oder zu vermeiden. Allerdings haben wir keine Erfahrung mit diesem neuen Instrument. Wir wissen einfach nicht, auf welche Gasmengen einzelne Unternehmen verzichten, um sie anderen zur Verfügung zu stellen.

Was würde passieren, wenn gar kein Gas mehr durch Nord Stream 1 strömte – müssen sich die Verbraucherinnen und Verbraucher in Bayern und Baden-Württemberg dann besondere Sorgen machen?

Solche Sorgen wurden geäußert, weil die Pipelines in Nordrhein-Westfalen, sowie im Norden und Osten ankommen. Allerdings strömt ein großer Teil des Gases von Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern ohnehin über Tschechien nach Waidhaus in Bayern. Außerdem arbeiten wir an zusätzlichen Liefermöglichkeiten. Mit Frankreich wollen wir beispielsweise klären, ob ein zusätzlicher Eintrittspunkt im Saarland geschaffen werden kann. Und wir befüllen zielgenau Speicher im Süden.

Haben Sie einen Plan, welche Unternehmen als erste weniger oder kein Gas mehr bekämen?

Die Bundesnetzagentur entscheidet erst, wenn die Bundesregierung per Verordnung eine Gasmangelnotlage ausruft. Mit den aktuell verfügbaren Tools und Daten würden wir dann in der von einer Notlage betroffenen Region das Gros der Letztverbraucher zu einer ratierlichen Verbrauchssenkung, also um einen gewissen Prozentwert des regulären Verbrauchs, auffordern. Bis voraussichtlich zum Oktober bauen wir eine Datenplattform auf, aus der wir ablesen können, wer wie viel Gas verbraucht und welche betriebs-, volkswirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen eine Einschränkung des Gasbezugs hätte. Hierdurch können wir für die großen Letztverbraucher zielgenaue Aufforderungen erlassen, welche die ratierlichen Vorgaben dort ersetzen. Wichtig ist das zum Beispiel, weil Anlagen in der Keramikindustrie zerstört werden, wenn dort nicht mehr genug Brennstoff ankommt. Auch die Grundstoffchemie, die unter anderem Vorprodukte an die Lebensmittel- und Arzneimittelindustrie liefert, muss unbedingt weiterlaufen.

Kann die Bundesregierung aufgrund des renovierten Energiesicherungsgesetzes auch den Verbrauch der Privathaushalte einschränken?

Nach europäischem Recht sind im Falle einer Gasmangellage zuerst Industriebetriebe abzuschalten. Privathaushalte, Krankenhäuser, Schulen oder Pflegeheime sind dagegen besonders geschützt. Es gibt aber kein Recht darauf, Gas beliebig zu verschwenden. Ich glaube, dass der Preis mit seiner unsozialen Härte die wirkungsvollste Maßnahme sein wird, damit auch die Privathaushalte Gas sparen.

Wäre denn im Notfall eine Festlegung auf beispielsweise 18 oder 19 Grad als maximale Raumtemperatur für Privatwohnungen möglich?

Eine verordnete Senkung der Raumtemperatur kann nicht kontrolliert werden. Aber es gilt der deutliche Appell, dass jede und jeder im Familienrat überlegen möge, wie jetzt schon Gas eingespart werden kann, und das Gespräch mit der Vermieterin oder dem Vermieter über Heizungsoptimierungen gesucht werden sollte.

Für viele Privathaushalte haben sich die Gaskosten im Vergleich zum Vorjahr bis jetzt verdoppelt. Eine Verdreifachung bis 2023 ist nicht ausgeschlossen. Wie können Haushalte mit niedrigem Einkommen diese Belastung stemmen?

Die Bundesregierung hat eine Wohngeldreform mit einem integrierten Heizkostenzuschuss angekündigt. Das zielt in diese Richtung. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass wir die Belastung nicht für alle Menschen in Deutschland auffangen können. Ich finde es sozial fair, sich auf bedürftige Haushalte zu konzentrieren.

Hat sich der Ausbau der erneuerbaren Energien durch die Krise bereits beschleunigt?

Die Übertragungsnetzbetreiber und Investoren signalisieren uns, dass das Osterpaket der Bundesregierung den Ausbau der Wind- und Solarenergie kräftig unterstützen dürfte. Praktisch bemerkbar machen wird sich das aber erst in ein oder zwei Jahren.

Wann könnte Deutschland von russischen Gasimporten im besten Fall völlig unabhängig sein?

Wirtschaftsminister Robert Habeck hat den Sommer 2024 für die Unabhängigkeit von russischem Gas genannt. Das ist ein ambitioniertes Ziel. Aber wir stehen völkerrechtlich in der Pflicht, perspektivisch aus den fossilen Energien insgesamt aussteigen. Daran sollten wir mit Hochdruck arbeiten.

Gälte das auch für den Fall, dass sich die internationale Lage und Preisentwicklung plötzlich normalisieren?

Dieses Szenario ist nicht realistisch. Und das Vertrauen in Russland ist so weit zerstört worden, dass eine Rückkehr zum früheren Status Quo unvorstellbar ist. Wir brauchen Gas als Brücke, aber die führt nicht mehr über russisches Gas. Die Zukunft Deutschlands und Europas ist klimaneutral. Um diese vorzubereiten, bin ich vom Bundesverband der Verbraucherzentralen zur Netzagentur gewechselt.