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Gashändler geben ihre Kunden auf - was tun?

Wer bei Energiehaus Dresden oder Gas.de seine Wärme bestellt hat, bekommt die Kündigung. Stadtwerke und Sachsen-Energie springen ein – das wird teuer.

Von Georg Moeritz
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Zum Herbstanfang haben Versorger wie Enso und Drewag die Gaspreise erhöht, zum Januar kommt ein noch größerer Aufschlag. Manche Händler halten da nicht mehr mit.
Zum Herbstanfang haben Versorger wie Enso und Drewag die Gaspreise erhöht, zum Januar kommt ein noch größerer Aufschlag. Manche Händler halten da nicht mehr mit. © dpa/Sina Schuldt

Dresden. Die erste Schock-Nachricht traf Mathias Lemke schon im November: Statt rund 2.000 Euro im Jahr sollte er künftig etwa 4.500 Euro für Erdgas zahlen. „Was ist hier los? Wie soll ich das bezahlen?“, fragte sich Lemke. Der Zweiradspezialist mit Werkstatt in Nünchritz bei Riesa sah sich natürlich nach einem anderen Brennstoffhändler um.

Doch bevor es zum Wechsel kommen konnte, kündigte Lemkes bisheriger Gaslieferant von sich aus: Das Unternehmen Gas.de Versorgungsgesellschaft mbH mit der Marke Grünwelt aus Magdeburg teilte seinem Nünchritzer Kunden mit, dass es die Gaslieferung „kurzfristig“ einstelle. Mit Schreiben vom 8. Dezember wurde der Gasliefervertrag zum 2. Dezember gekündigt. Mehr als kurzfristig.

Mathias Lemke ist einer von rund 400.000 betroffenen Kunden, schreiben die Verbraucher-Experten von Finanztip. Dieses Jahr gab es bereits Kündigungswellen von Immergrün und Deutsche Energiepool. Auch die Dresdner Genossenschaft Energiehaus schrieb ihren Kunden, dass sie die Lieferung mit Gas zum Ende November oder Dezember einstelle – und die Stromlieferung gleich mit.

Energiehaus Dresden beklagt "Verwerfungen" am Markt

Das traf auch das Dresdner Rentner-Ehepaar Ruchatz. Vergeblich rief Rainer Ruchatz im Energiehaus-Büro an, immerhin ist seine Frau sogar Mitglied dieser Genossenschaft. Doch niemand habe abgehoben. Schließlich fuhr Ruchatz zum Firmenbüro und bekam dort im Gespräch den Eindruck, es werde versucht, das Geschäft noch zu retten.

Auch die SZ bekam bei Energiehaus nur einen Anrufbeantworter zu hören und auf eine Anfrage per E-Mail eine Vorgangsnummer zugeteilt. Auf der Internetseite schreibt das Unternehmen von „Verwerfungen und Preissteigerungen am Energiemarkt“, daher musste das Geschäftsfeld der Energielieferung eingestellt werden.

Im Geschäftsbericht für 2020 ist ein „Fehlbetrag“ von fast 800.000 Euro vermerkt, eine „vorübergehende bilanzielle Überschuldung“. Eines der beiden Vorstandsmitglieder schied aus. Die Zahl der Mitglieder sank von 317 auf 294, Angestellte gab es im Jahresdurchschnitt gar nicht.

Stadtwerke übernehmen Kunden im Notfall automatisch

Ausführlicher äußert sich Gas.de zu seinen Gründen für die Vertragskündigung: Es gebe eine „noch nie dagewesene Preisexplosion“ an den europäischen Energiehandelsplätzen. Zeitweilig sei der Gaspreis für Lieferungen in der kommenden Winterzeit „in der Spitze um mehr als 400 Prozent“ gestiegen. Anscheinend funktioniert damit das Geschäftsmodell mancher Energiehändler nicht mehr – Gasmengen möglichst günstig einkaufen und mit Gewinn weiterverkaufen.

Die Heizung darf trotzdem weiterlaufen, sowohl in der Nünchritzer Motorradwerkstatt von Mathias Lemke als auch beim Ehepaar Ruchatz in Dresden. Die Energieversorgung wird automatisch von den zuständigen Stadtwerken und Regionalversorgern übernommen – auf dem Lande in Ostsachsen ist das die Sachsen-Energie mit der Marke Enso, in Mittel- und Westsachsen die Envia-M mit Mitgas.

Die erhöhen aber selbst gerade die Preise. Und manche örtlichen Versorgungsfirmen scheinen sich gar nicht darüber zu freuen, dass verlorene Kunden nun zu ihnen zurückkehren: Mitgas schreibt, speziell für die bisherigen Kunden von Gas.de werde ein Sondervertrag angewendet. Denn es sei für Mitgas „wirtschaftlich nicht zumutbar“, diese Kunden zu den sonst üblichen Preisen für „Grund- und Ersatzversorgung“ zu beliefern – dabei sind die schon höher als die meisten Angebote.

Mitgas und Eins Energie langen bei Rückkehrkunden zu

Mitgas verlangt nun erst einmal 17,71 Cent pro Kilowattstunde von den überraschend zugeteilten Erdgaskäufern, das dürfte mehr als doppelt so viel sein wie gewohnt. Ähnlich hohe Preise hat der Chemnitzer Stadtwerke-Nachfolger Eins Energie zum 1. Dezember festgesetzt. Dabei schrieb das Unternehmen noch Mitte November in einer Pressemitteilung, bis Jahresende blieben die Preise stabil. Schließlich arbeite der Betrieb mit einem „bewährten, strategischen Beschaffungsprozess“. Der helfe, historisch hohe Preissteigerungen abzumildern.

Verbraucherschützer raten den Kunden, deren Gaslieferverträge gekündigt wurden, den Zählerstand zu notieren und Daueraufträge oder Einzugsermächtigungen für den bisherigen Lieferanten zu kündigen. Finanztip empfiehlt, auch auszurechnen, ob mit den Abschlägen zuletzt mehr gezahlt als verbraucht wurde – falls ja, sollte die letzte Lastschrift zurückgebucht werden. Gas.de hat allerdings angekündigt, per Endabrechnung zustehende Guthaben und zeitanteilig auch Neukundenboni auszuzahlen.

Holger Schneidewindt, Energierechtsexperte der Verbraucherzentrale in Düsseldorf, hält einen Schadenersatzanspruch an den bisherigen Lieferanten für möglich, wenn Verbraucher jetzt einen höheren Preis bezahlen müssen. Er rät den Kunden, deren Vertrag eigentlich noch lange laufen sollte, sich an den bisherigen Lieferanten zu wenden und zu erklären, dass sie die Ankündigung für nicht zulässig halten.

Drewag und Enso erhöhen Preis um 1,43 Cent brutto

Die Sachsen-Energie mit den Marken Drewag und Enso schreibt, die Versorgung der neuen und der Bestandskunden sei sicher. Bei ihr gebe es die gleichen Preise in der Grund- und Ersatzversorgung für Haushaltskunden. Doch insgesamt steigen die Preise kräftig: Schon zum Oktober hatten Enso und Drewag die Preise um 0,65 Cent pro Kilowattstunde erhöht, zum Januar steigen sie nun noch stärker: um 1,43 Cent brutto.

Ein typischer Preis wie „Dresdner Erdgas flexibel“ oder „Enso Vario“ steigt damit auf rund acht Cent pro Kilowattstunde. Die genauen Preise stehen derzeit nicht auf den Internetseiten der Firmen. "Momentan erstellen wir neue Angebote für Sie", schreibt die Enso stattdessen. Der Produktfinder sei "aktuell nicht verfügbar". Kunden können daher jetzt kaum Preise vergleichen und neue Lieferanten fürs nächste Jahr suchen.

Laut Finanztip kommen die ehemaligen Gas.de-Kunden bis 2. März bei ihrem neuen Lieferanten in die teure "Ersatzversorgung" mit Gas. Sie endet aber, sobald ein neuer Vertrag geschlossen wird. Für die Suche nach einem neuen Lieferanten rät die Verbraucherzentrale Sachsen grundsätzlich, mehrere Vergleichsportale im Internet zu nutzen, nicht nur eines. Kurze Kündigungsfristen seien zu empfehlen. Lockvogelangebote haben oft günstige Einstiegspreise und berücksichtigen einmalige Bonuszahlungen - die sollte man bei der Suche ausblenden.

Erhöhung angekündigt: Mitgas, Eins Energie, Stadtwerke

Auch Stadtwerke wie die in Meißen und Riesa haben schon Preis-Erhöhungen von 1,31 Cent für Januar angekündigt, bei Mitgas geht es um 1,25 Cent brutto, bei Eins Energie in vielen Produkten um 1,81 Cent. Manche Versorger erhöhen zugleich den Jahresgrundpreis, nicht nur den Verbrauchspreis pro Kilowattstunde.

Die Sachsen-Energie begründet die starke Preis-Erhöhung vor allem mit einem Allzeithoch, das den gesamten Welthandel betreffe. Zu den Gründen: Die Konjunktur ziehe überraschend stark an und treffe dabei auf geringe Förderkapazitäten. Flüssiggaslieferungen aus den USA landeten deshalb größtenteils auf dem boomenden asiatischen Markt und nicht in Europa.

Leipziger Energiebörse zeigt sinkende Preise ab April

Der lange und kalte Winter 2020 und 2021 habe die Speicher geleert. Die Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber schrieb allerdings Mitte November, sie rechne nicht mit Engpässen. Anfang November seien die Speicher zu 68 Prozent gefüllt gewesen. Das sei zwar unterdurchschnittlich, aber man sehe ausreichend Flexibilität für die Abdeckung von Leistungsspitzen und bei der Beschaffung von Regelenergie.

Die Sachsen-Energie verweist auch auf die Energiewende als einen Grund für die gestiegenen Preise: "Zudem musste Gas die Defizite bei der Stromproduktion auf der Basis von Windkraft ausgleichen." Außerdem erinnert der Dresdner Konzern an die staatlichen Abgaben: Zum Jahreswechsel steigt die CO2-Abgabe von 0,541 auf 0,65 Cent brutto pro Kilowattstunde.

Ein Trost: Die Wirtschaftsweisen gehen in ihrem Jahresgutachten davon aus, dass die Erdgaspreise vom Frühjahr an kräftig zurückgehen. Darauf weisen Marktdaten der Leipziger Energiebörse EEX hin, die Preise für Terminlieferungen ab April stark sinken sieht. (mit dpa)