Merken
Wirtschaft

Tausende Stromkunden müssen Anbieter wechseln

Hohe Preise haben viele Strom-Billiganbieter in wirtschaftliche Nöte gebracht. Kunden werden teils von kommunalen Anbietern übernommen.

 4 Min.
Hohe Energiepreise: Tausende Verbraucher in Sachsen mussten sich von kriselnden Discountern zu kommunalen Anbietern retten.
Hohe Energiepreise: Tausende Verbraucher in Sachsen mussten sich von kriselnden Discountern zu kommunalen Anbietern retten. © dpa

Dresden. Tausende Verbraucher in Sachsen haben sich nach Turbulenzen auf dem Energiemarkt von kriselnden Discountern zu kommunalen Anbietern gerettet. Dort müssen sie jetzt oft deutlich mehr für Strom und Gas zahlen als Bestandskunden der Unternehmen, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. Die "außerplanmäßigen Energiemengen" für die vielen Neukunden müssten zu den aktuell hohen Marktpreisen zusätzlich eingekauft werden, sagte die Sprecherin von Sachsen-Energie, Nora Weinhold, in Dresden. Deshalb gelten für diese Kunden höhere Preise.

Bundesweit haben viele Grundversorger, also die Energieanbieter mit den meisten Kunden in einer Region, in den vergangenen Wochen neue Tarife für Neukunden eingeführt. Anlass war die Liefereinstellung durch Energiediscounter, wodurch viele ehemalige Kunden in die Ersatzversorgung durch den örtlichen Grundversorger fielen. Diese sind verpflichtet, die Kunden bei Wegfall des bisherigen Lieferanten zunächst weiter mit Strom und Gas zu versorgen. Die zusätzlichen Mengen an Energie müssen Versorger nach Angaben des Branchenverbandes BDEW kurzfristig extrem teuer einkaufen. Um Bestandskunden zu schützen, wurden häufig neue Tarife für die neuen Kunden geschaffen.

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

"Eine Preisentwicklung auf dem Energiemarkt, wie sie seit dem Frühsommer 2021 zu beobachten ist, gab es so noch nie", sagte Weinhold. Die Einkaufspreise für Gas seien zeitweise auf das Fünffache gestiegen. Kunden von Lieferanten, die wegen der hohen Kosten beim Energieeinkauf insolvent gegangen seien oder die ihre Lieferverträge gekündigte hätten, müssten vom lokal zuständigen Grund- und Ersatzversorger übernommen und beliefert werden. Bei der Sachsen-Energie betreffe es seit dem Herbst bis zu 10.000 Wechsler.

10.000 Kunden wechselten zu Leipziger Stadtwerken

Beim Strom in der Tarifklasse mit einem Jahresverbrauch von mehr als 206 Kilowattstunden müssen Bestandskunden seit Dezember 2021 einen Verbrauchspreis von 28,83 Cent je Kilowattstunde zahlen, bei Neukunden sind es 57,04 Cent - etwa das Doppelte. Bei Heizgas betragen die Verbrauchspreise in der Klasse von 9001 bis 166 400 Kilowattstunden jährlich 14,27 Cent je Kilowattstunde für bisherige Kunden und 19,86 Cent für Neukunden.

Seit September 2021 sind etwa 10.000 Kunden von anderen Anbietern zu den Leipziger Stadtwerken gewechselt. Für diese müsse Energie zu den aktuell hohen Preisen neu beschafft werden, sagte der Sprecher des Unternehmens, Frank Viereckl. Seit Anfang des Jahres müssten deshalb die Neukunden einen höheren Tarif zahlen. Beim Strom etwa sind es 76,24 Cent je Kilowattstunde statt 29,37 Cent für Bestandskunden. Allerdings sind Viereckl zufolge bisher weniger als 100 Neukunden betroffen, denn die weitaus meisten von ihnen seien schon vor dem Jahreswechsel zu den Stadtwerken gekommen, vor dem neuen Tarif.

"Wir hoffen sehr auf eine Entspannung"

Eins Energie in Chemnitz war als Grund- und Ersatzversorger laut einer Sprecherin in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres gezwungen, unplanmäßig mehr als 3.000 Erdgas- und mehr als 1.400 Stromkunden aufzunehmen, für die zusätzlich Strom und Erdgas beschafft werden muss. "Wir hoffen sehr auf eine Entspannung in den nächsten Monaten", sagte Unternehmenssprecherin Astrid Eberius.

Der Energieversorger enviaM mit Sitz in Chemnitz hat in seinem Versorgungsgebiet in Teilen Sachsens, Thüringens, Sachsen-Anhalts und Brandenburgs nach eigenen Angaben in den vergangenen Monaten 22.000 Stromkunden von sieben verschiedenen Anbietern übernommen. Allein 19.000 entfallen auf einen Berliner Energie-Discounter, der die Lieferung eingestellt hat. Wegen "wirtschaftlicher Unzumutbarkeit" habe enviaM deren Übernahme jedoch abgelehnt und ihnen stattdessen Sonderverträge auf Basis aktueller Beschaffungspreise angeboten, sagte Unternehmenssprecherin Evelyn Zaruba. "Einen derart hohen Kundenzuwachs und die extrem gestiegenen Beschaffungspreise konnten wir nicht vorhersehen."

Demnach betragen die Verbrauchspreise in der Grundversorgung für bisherige Haushaltskunden 28,99 Cent je Kilowattstunde, den ehemaligen Kunden des Berliner Energie-Discounters wurden Sonderverträge mit 54,29 Cent je Kilowattstunde angeboten.

Energiepreise: Verbraucher extrem verunsichert

"Uns erreichen täglich Beschwerden", sagte Stefanie Siegert von der Verbraucherzentrale Sachsen in Leipzig. Die Verbraucher seien extrem verunsichert und fragten, ob das Vorgehen der kündigenden Anbieter, aber auch der Grundversorger rechtmäßig sei. Vor allem sozial schwache Haushalte könnten die enormen Preissteigerungen nicht stemmen.

Weiterführende Artikel

Regierung will Stromkunden schützen

Regierung will Stromkunden schützen

Weniger Liefereinstellungen und unseriöse Anbieter, keine Preissprünge für Neukunden - die Regierung reagiert auf Turbulenzen auf dem Strommarkt.

Was tun, wenn der Stromanbieter kündigt?

Was tun, wenn der Stromanbieter kündigt?

Hohe Preise führen zu Turbulenzen auf dem Energiemarkt, einige Anbieter stellen die Lieferungen ein. Was betroffene Kunden tun können.

Verbraucher müssen höhere Strompreise nicht hinnehmen

Verbraucher müssen höhere Strompreise nicht hinnehmen

Kunden, deren Stromvertrag gekündigt wurde, müssen laut dem Umweltministerium eine Preiserhöhung nicht akzeptieren.

Wie teuer das Homeoffice für die Stromrechnung wird

Wie teuer das Homeoffice für die Stromrechnung wird

Ein Vergleichsportal hat errechnet, was ein Jahr im Homeoffice an Strom jedes Jahr durchschnittlich kostet. Was man davon bei der Steuer angeben kann.

Aus Sicht der Verbrauchzentrale sind viele Kündigungen unwirksam. Hohe Beschaffungskosten und damit wirtschaftliche Gründe des Anbieters rechtfertigten keine außerordentliche Kündigung, hieß es. Kunden sollten auf Lieferung bestehen und sich Schadenersatzansprüche vorbehalten, sagte Siegert. Auch eine Differenzierung zwischen Bestands- und Neukunden lehne die Verbraucherzentrale ab. Das führe zu einer unzulässigen Diskriminierung aller sogenannter Neukunden. (dpa)

Mehr zum Thema Wirtschaft